KSA-Chefchirurg

Spitäler kehren zum Normalbetrieb zurück: «Corona ist nicht wichtiger als viele andere Erkrankungen»

«Wir haben bei uns keine italienischen Verhältnisse.» Chefchirurg Mark Hartel in seinem Büro im KSA.

«Wir haben bei uns keine italienischen Verhältnisse.» Chefchirurg Mark Hartel in seinem Büro im KSA.

Am Montag dürfen die Spitäler ihren normalen Betrieb wieder aufnehmen und auch nicht dringende Behandlungen und Operationen vornehmen. Das sei wichtig, um Spätfolgen entgegenzuwirken, sagt Mark Hartel, Chefchirurg am Kantonsspital Aarau.

Ob er unter normalen Umständen Zeit für ein Interview fände? Es wäre wohl etwas schwieriger. Mark Hartel, Bereichsleiter der Chirurgie und Chefarzt der Viszeralchirurgie am Kantonsspital Aarau (KSA), verbringt nämlich einen grossen Teil seiner Arbeitszeit im Operationssaal. In den letzten Wochen war das anders: Der Bundesrat hat in den Spitälern und Kliniken Notbetrieb verordnet. Nicht dringende Behandlungen und Operationen durften nicht durchgeführt werden. Stattdessen waren die Chirurgen plötzlich Teil einer Taskforce und beschäftigten sich damit, die bevorstehenden Eingriffe zu gewichten. Welche sind dringend? Welche können verschoben werden? Ab Montag ändert sich das. Die Spitäler dürfen ihren normalen Betrieb wieder aufnehmen und auch nicht dringende Behandlungen und Operationen vornehmen.

Wird der Spitalbetrieb gleich wieder ganz hochgefahren?

Mark Hartel: Am Montag werden wir voraussichtlich 12 der insgesamt 14 Operationssäle im KSA hochfahren. Die Station, die für Intensivbetten freigehalten wurde, wird wieder zum Aufwachraum. Während des Notbetriebs waren am KSA nur drei Operationssäle in Betrieb. Die Organisation dieser Prozesse wurde in den letzten Wochen einstudiert und ist jetzt etabliert.

Und wenn es zu einem Anstieg der Coronafälle oder einer zweiten Welle kommt?

Wir sind so organisiert, dass wir jederzeit wieder umstellen könnten.

Wie schnell?

Die nicht dringenden Operationen können wir von heute auf morgen stoppen – und diese Eingriffe machen einen grossen Teil unserer Operationen aus. Mit einer Leistenbruch-Operation oder bei Gallensteinen zum Beispiel, kann man auch ein paar Monate warten, wenn der Patient keine Beschwerden hat. Durch das rasche Herunterfahren von solchen nicht dringenden Eingriffen haben die Anästhesisten freie Kapazitäten, damit sie Covid-19-Patienten behandeln können.

Wie viele Intensivbetten hat das KSA bisher für Covid-Patienten freigehalten und wie viele sind es ab Montag?

Für den Notbetrieb haben wir uns darauf vorbereitet, insgesamt 42 IPS-Betten betreiben zu können (16 zusätzliche Plätze), was eine massive Reduktion des Normalprogrammes notwendig machte. Die dabei etablierten Prozesse bleiben bestehen und können bei Bedarf reaktiviert werden. Wir rechnen aktuell mit sechs bis zwölf Covid-Patienten auf der Intensivstation. Das Operationsprogramm wird von Tag zu Tag nach Massgabe der Möglichkeiten ausgeschöpft. Je mehr Covid-Patienten auf der Intensivstation betreut werden, desto weniger Operationen sind möglich.

Mit der Rückkehr in den Normalbetrieb steigt auch der Materialverbrauch. Ist das sinnvoll angesichts der Materialknappheit?

Es gab kurzfristig Engpässe bei Schutzkitteln, Masken und Coronatests. Mittlerweile ist es aber kein Problem mehr. Das Material wurde bestellt und ist auch angekommen. Inzwischen hat sich auch die Industrie darauf eingestellt und es gibt vermehrt Unternehmen, die Schutzmaterial produzieren und anbieten. Es ist wichtig, dass unsere Patienten wissen, dass wir ab dem 27. April wieder alle Operationen durchführen. Dadurch wird der mögliche Stau durch verschobene Elektiveingriffe und die damit verbundenen Nachteile für Patienten abgebaut.

Auffällig ist: Seit Corona sind die Notfallstationen praktisch leer. Viele Menschen verzichten darauf, ins Spital zu gehen. Sie haben Angst sich anzustecken. Ist diese Angst begründet?

Überhaupt nicht. Wir haben bei uns keine italienischen Verhältnisse. Wir haben genug freie Betten und für Patientinnen besteht im Spital keine grössere Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Wir trennen Patientinnen mit Covid und solche ohne Covid strikt voneinander. Hier kommt dem KSA die Weiträumigkeit des Parks und das eigens für Coronapatienten isolierte Haus zugute. In unserem Tochterspital in Zofingen werden gar keine Covid-Patientinnen behandelt. Daneben ist es auch schlimmer, wenn eine Krankheit nicht rechtzeitig erkannt beziehungsweise operiert wird und damit die Folgen nicht mehr abschätzbar sind.

Gab es in den letzten Wochen Patienten, die zu spät ins Spital gekommen sind?

Ich könnte mehrere Beispiele aufzählen. Nehmen Sie den Blinddarm. Das hört sich harmlos an. Aber ein Mensch kann an einem durchgebrochenen Blinddarm sterben. Wir hatten mehrere junge Menschen, die mit Schmerzen im rechten Unterbauch zu Hause gewartet haben, weil sie Angst hatten, ins Spital zu gehen. Das zeigt, dass die Verhältnismässigkeit einfach nicht gegeben ist. Die Gefahr, sich im Spital anzustecken, ist sicher nicht so gross, wie wenn jemand eine ernsthafte Erkrankung hat und damit nicht zum Arzt geht. Covid ist nicht wichtiger als viele andere Erkrankungen.

Hätte es den Notbetrieb gar nicht gebraucht?

Doch. Was der Bundesrat gesagt und angeordnet hat, war absolut richtig. Für uns Spitäler ist es wichtig, solche Szenarien durchzuspielen. Im Spital auf Notbetrieb herunterzufahren, ist nicht so einfach und muss durchexerziert werden. Durch die initial rasche Umsetzung hatten wir jederzeit genügend Kapazitäten für dringende Eingriffe wie Tumoreingriffe trotz Notbetrieb. Auch Intensivbetten für Patienten ohne Coronainfektion gab und gibt es genug. Das Problem ist bis heute, dass sich die Patienten nicht mehr trauen, ins Spital zu kommen und dadurch je nach Erkrankung eine unverhältnismässig grosse Gefahr eingehen.

Soll man denn jetzt ab Montag auch wieder für Vorsorgeuntersuchungen ins Spital kommen?

Unbedingt. Es braucht die Diagnostik. Ohne eine Darmspiegelung sieht man den Darmtumor nicht. Deshalb müssen auch Vorsorgeuntersuchungen wieder gemacht werden. Selbstverständlich nicht, ohne die Covid-Situation im Auge zu behalten.

Gibt es trotzdem Personen, die nach wie vor besser auf Spitalbesuche verzichten sollten?

Wenn jemand Covid-Symptome hat, sollte er uns vor einem Termin informieren. Je nach Dringlichkeit würde man dann einen Test machen und entsprechende Schutzvorkehrungen treffen oder aber auf eine Behandlung oder medizinische Abklärung verzichten, bis die Symptome abgeklungen sind. Das geht natürlich nur, wenn die Behandlung nicht lebenswichtig oder dringend ist.

Wenn ich heute auf das Areal des KSA will, brauche ich eine Zutrittsbewilligung, die ich Zivilschützern an den Arealeingängen zeigen muss. Werden diese Kontrollen gelockert?

Nein. Die Zivilschützer bleiben und übernehmen weiterhin die Eingangskontrollen.

Was ist mit dem Besuchsverbot?

Am Besuchsverbot ändert sich bis auf Weiteres nichts. Der Kanton hat in seiner Anordnung vom 20. März Besuche in Spitälern grundsätzlich verboten. In sachlich begründeten Fällen kann die Spitaldirektion Besuche bewilligen. Das ist zum Beispiel bei Eltern von hospitalisierten Kindern, Partnern von Gebärenden oder nächsten Angehörigen von Sterbenden möglich.

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