Zofingen

Spielschulden mit dem Messer eingetrieben – «Diese Tat war professionell geplant»

Im richtigen Moment gestoppt: Spielautomaten im Casino Baden

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Das Bezirksgericht hat vier Männer wegen versuchter qualifizierter Erpressung schuldig gesprochen.

Es war ein spezieller Gerichtsprozess, der am Bezirksgericht Zofingen stattfand. Nicht nur, dass sich vier Angeklagte gleichzeitig vor dem Gesamtgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Katrin Jacober zu verantworten hatten. Die Staatsanwaltschaft stufte den Fall als organisierte Kriminalität aus dem Milieu der illegalen Wettgeschäfte ein. Mindestens einer der Angeklagten soll laut dem leitenden Staatsanwalt Simon Burger weit oben in der Hierarchie der dahintersteckenden kriminellen Organisation stehen – ein grosser Fisch also. Entsprechend war das Polizeiaufgebot während der zweitägigen Verhandlung. Polizeibeamte mit Hunden kontrollierten den Haupteingang zum Gerichtsgebäude. Zuschauer, hauptsächlich Freunde oder Verwandte der Angeklagten, durchliefen eine Ausweis- sowie Taschenkontrolle. Handys mussten im Foyer deponiert werden. Jeglicher Kontakt mit den Beschuldigten war untersagt. Die Angeklagten wurden in Fussfesseln und unter polizeilicher Begleitung in den Gerichtssaal geführt. Vorgeworfen wurde den vier türkischstämmigen Männern versuchte qualifizierte Erpressung sowie versuchte Erpressung und Entführung. Bei Gericht als Zeugen anwesend waren die angeblichen Opfer, die beiden zum Tatzeitpunkt in der Region tätigen Gastwirte Resit* und Muzil*.

Pistole an die Schläfe gedrückt

Zaim*, der älteste der vier Beschuldigten und mutmassliche Kopf der Bande, hatte Resit mehrere illegale Spielautomaten für Sportwetten zur Verfügung gestellt, welche Resit in seinem Lokal unterhielt. Resit hatte Zaim zudem weitere Gastwirte vermittelt, die in ihren Lokalitäten Spielautomaten aufstellen wollten, unter anderem seinen Kollegen Muzil. Im Januar 2016 kam Zaim mit seinem Sohn, dem Angeklagten Pusat*, und seinem Neffen, dem Angeklagten Tumai* ins Lokal von Resit, um ihn aufzufordern 53 000 Franken zu bezahlen. Beim Betrag handelte es sich um einen Anteil eines Gewinns, der an einem von Resits vermittelten Spielautomatenstandort ausbezahlt wurde. Zaim bat Resit, mit ihm in den Keller zu gehen, um in Ruhe zu reden. «Ich hatte das Gefühl, etwas stimmt nicht», so Resit vor Gericht. Dennoch folgte er Zaim. Dieser habe ihm dann sehr eindringlich gesagt, er müsse seine Schulden von rund 53 000 Franken bezahlen, andernfalls würde er Probleme bekommen. Resit weigerte sich, sei doch im Vorfeld abgemacht gewesen, das Zaim bei einem solchen Verlust selbst dafür aufkommen würde. Nach einigen Minuten seien weitere Männer, darunter Pusat, Tumai, der Angeklagte Kartal* sowie Unbekannte die Kellertreppe herunter gekommen. Offenbar hatte Tumai den Männern zuvor per Telefon ihren Standort mitgeteilt. Der Staatsanwalt bezeichnet den einschlägig vorbestraften Kartal später als «Geldeintreiber, mit nicht zimperlicher Vorgehensweise.» Die Männer bedrohten Resit verbal und forderten ihn auf, den Betrag zu bezahlen. Als dieser sich weigerte, zwang Kartal ihn, sich auf einen Stuhl zu setzen. «Einer der Männer packte mich am Mund und hielt mir ein Messer an die Kehle», schilderte Resit. Als sich Resit auch von dieser Drohung nicht beeindrucken liess, griff Kartal nach einem Bolzenschneider, der dort auf einem Tisch lag und hielt diesen mit geöffneten Schneideflächen an Resits Hals. Doch Resit weigerte sich weiterhin das Geld zu bezahlen. «Da nahm einer der Männer eine Pistole hervor und drückte sie mir an die Schläfe», erzählte Resit weiter. Die Männer hätten zudem gesagt, sie wüssten wo seine Familie lebe und diese würde ebenfalls Probleme bekommen, wenn er nicht zahlen würde. Völlig eingeschüchtert willigte Resit ein, den geforderten Betrag bis zu einem vereinbarten Zeitpunkt zu bezahlen. Die Männer liessen von ihm ab und verliessen das Lokal. Trotz seiner Angst ging Resit noch am selben Tag zur Polizei. «Mir war klar, ich hatte nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich schalte die Polizei ein, oder sie bringen mich um.»

Die Beschuldigten schwiegen

Auch Muzil stand bei Zaim und seiner Organisation in der Kreide. Da der an Spielsucht leidende Muzil selber oft an den Automaten in seinem Lokal spielte, hatten sich Schulden von rund 35 000 Franken angehäuft. Muzil wurde am selben Tag durch die gleichen Männer wie in Resits Fall klar gemacht, das er seine Schulden zu bezahlen habe. Dies soll während einer Autofahrt und beim Halt auf einer Autobahnraststätte geschehen sein. In der Anklageschrift wird erwähnt, das Muzil ein Schlagstock gezeigt wurde, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Vor Gericht wollte Muzil nichts mehr davon wissen. Ohnehin relativierte er den Vorfall stark. Er habe zu keinem Zeitpunkt Angst gehabt und habe sich auch nicht bedroht gefühlt.

Die Beschuldigten machten vor Gericht von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. In vorangegangenen Befragungen hatten sie laut Staatsanwaltschaft immer wieder andere Angaben zum Grund ihres Besuches bei Resit sowie zum Ablauf der Geschehnisse gemacht. Im Laufe des Verfahrens hatte der Beschuldigte Tumai zudem eingestanden, dass es zu einem Treffen gekommen war, bei dem es um Geld ging. Dennoch bezeichneten alle vier Verteidiger in ihren Plädoyers die Aussagen von Resit als unglaubhaft und widersprüchlich. Es wurde moniert, dass er diese Geschichte nur erfunden habe, um seine Geldschulden loszuwerden. Die Anwälte forderten für ihre Klienten Freisprüche.

Das Gesamtgericht taxierte die Aussagen von Resit als glaubwürdig. «Im Kern waren seine Aussagen, auch in Anwesenheit der Beschuldigten, immer dieselben», hielt die Gerichtspräsidentin fest. «Und das obwohl er weiss, dass eine Anzeige in diesem Umfeld sehr gefährlich ist.» Zudem gebe es zahlreiche Übereinstimmungen mit den Aussagen von Tumai. Das Gericht befand die vier Männer im Alter von 28 bis 52 Jahren daher der versuchten qualifizierten Erpressung zum Nachteil von Resit für schuldig. «Diese Tat war professionell geplant und lässt eine gewisse Heimtücke nicht vermissen», hielt die Gerichtspräsidentin fest. «Man kann fast sagen, es war ein mafiöses Vorgehen.» Freigesprochen wurden die Männer vom Vorwurf der versuchten Erpressung und Entführung zum Nachteil von Muzil. Zu widersprüchlich seien die Aussagen von Muzil gewesen. Da er sich zu keinem Zeitpunkt bedroht gefühlt habe, sei unklar, welcher Tatbestand erfüllt worden sein soll. Das Bezirksgericht verurteilte Zaim, Pusat und Tumai jeweils zu einer Freiheitsstrafe von 3 ½ Jahren. Kartal wird aufgrund weiterer Delikte sowie seiner Vorstrafen zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 7 Monaten verurteilt.

* Name geändert

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