Brittnau/Strengelbach
Sparoffensive trifft Oberstufen-Standorte: «Der Kanton lässt uns im Regen stehen»

Spardruck bei gleichbleibender Leistung: Den Oberstufenstandorten von Brittnau und Strengelbach geht der Schnauf aus.

Michael Flückiger
Drucken
Teilen
Die Schulpflegepräsidenten Stephan Gerhard (l.) und Roger Lussi sind besorgt über die Auswirkungen des Sparens.

Die Schulpflegepräsidenten Stephan Gerhard (l.) und Roger Lussi sind besorgt über die Auswirkungen des Sparens.

Die Oberstufen in Brittnau und Strengelbach drohen auseinanderzubrechen. Nur dank einer Sondergenehmigung dürfen die beiden durch einen Zusammenarbeitsvertrag verbundenen Gemeinden ab dem 8. August beide je eine erste Oberstufe Sek und Real führen.

Der Grund dafür: Der Kanton hat mit dem neuesten Sparpaket die Mindestgrössen von Klassen noch einmal angehoben. Für eine Sekundarschulklasse sind neu mindestens 15 statt wie bisher 13 Schüler erforderlich. Und eine Realschulklasse mit weniger als 13 Schülern zu führen – bisher lag die Mindestzahl bei 11 – ist auch nicht mehr gestattet.

Diese Vorgabe trifft beide Schulen schwer, umso mehr als damit noch weitere Sparmassnahmen mit einhergehen.

Theorie ohne Praxisbezug

«Der Kanton präsentiert buchhalterische Sparlösungen», sagt der Brittnauer Schulpflegepräsident Stephan Gerhard, «hat aber nicht die geringste Vorstellung davon, ob und wie diese in der Praxis umsetzbar sind.»

Sein Strengelbacher Kollege Roger Lussi ergänzt: «Der Kanton lässt uns im Regen stehen. Es ist nicht fair, wie er diese Sparübungen auf die Gemeinden und Schulen abwälzt.»

Stephan Gerhard meint: «Bei der Allgemeinheit den Sparhebel ansetzen und zugleich am 5. Juni dem Volk zugunsten von Vermögenden die Abschaffung der Grundbuchabgaben mit einem Einnahmeverlust von 35 Millionen Franken vorlegen: Das geht nicht auf.»

Sofern keine Schüler wegziehen, können die beiden Gemeinden 2017/18 noch je eine neue Sek und Realschulklasse bilden. Ab dem Schuljahr 2018/19 reichen die prognostizierten Schülerzahlen definitiv nicht mehr aus. Dann heisst es abspecken auf weniger Klassen, womit der Kanton das Sparziel buchhalterisch erreicht – er muss weniger Lehrpersonen bezahlen.

Für die Brittnauer und Strengelbacher Schulverantwortlichen stehen ab diesem Zeitpunkt drei Lösungen zur Auswahl. Die eine besteht darin, gemeinsam nur noch je eine Sek und je eine Realschulklasse mit Schülern aus beiden Gemeinden zu führen.

Als zweite Möglichkeit steht die schrittweise Konzentration auf einen einzigen Oberstufenstandort in Strengelbach oder Brittnau zur Debatte. Die dritte mögliche Variante in durchmischten Klassen mehrere Jahrgänge zu führen, erachten die beiden Schulpflegepräsidenten als sehr anspruchsvoll in der Umsetzung.

Sparoffensive

Im Rahmen des Bildungssparpakets hat der Grosse Rat unter anderem die minimale Abteilungsgrösse an der Realschule von 11 auf 13, an der Sek von 13 auf 15 Schülerinnen bzw. Schüler erhöht. Damit spart der Kanton 3,6 Mio. Franken, die Gemeinden bis 2 Mio Franken. Der Massnahmen sind noch viele. Eine weitere betrifft die Kindergartenklassen. Solche mit mehr als 20 Kindern bekommen neu zwei bis vier Lektionen für den Halbklassenunterricht weniger. Der Kanton spart bis 4,7, die Gemeinden bis 2,5 Mio. Franken. (mif)

Schon heute leiden die beiden Schulen daran, dass sie auf der Oberstufe sehr viele Lehrer zu Kleinstpensen beschäftigen müssen. Mit noch weniger Klassen spitzt sich die Situation weiter zu, die Lehrer erhalten noch unattraktivere Arbeitsbedingungen.

Beide Schupflegepräsidenten erachten es als verfehlt, dass die Ressourcenzuteilung generell nur auf Schülerzahlen abstützt. Auf das Schuljahr 2016/17 hin wird Brittnau einige Stellenprozente des heute total 150-Prozent-Pensums für die Schulleitung verlieren.

Der Wegfall der Bezirksschule wirkt sich erstmals auf die Pensenzuteilung aus. Stephan Gerhard schmerzt dies, er gibt zu bedenken, dass eine gewisse Grundauslastung der Schulleitung unabhängig von der Anzahl Schüler anfällt.

Er sagt: «Uns fehlen zunehmend die Ressourcen, um den Unterricht gemäss Vorgaben und in der gewünschten Qualität zu gewährleisten.» Das Zusammenstreichen des Leistungskatalogs kann für die beiden keine Lösung sein. Roger Lussi beurteilt dies als unverantwortlich: «Die Schüler haben ein Anrecht auf eine möglichst gute Ausbildung.»

Ihn schmerzt, dass Strengelbach im kommenden Schuljahr in der Primarschule keine Einführungsklasse mehr führen kann. «Das Bedürfnis besteht, aber wir erreichen auch hier die Mindestklassengrösse leider nicht.»

Der Kanton spart damit eine Lehrerstelle ein. Im Gegenzug müssen bedürftige Schüler ihre Defizite in der Regelklasse aufarbeiten, was die Klassenlehrpersonen und Mitschüler zusätzlich herausfordert. Das Sparprogramm beeinträchtigt aus Sicht der beiden Schulpflegepräsidenten nicht nur die Qualität des Unterrichts, es generiert darüber hinaus auch unbezahlten Mehraufwand.

Und weil die Qualität so über kurz oder lang leidet, steigt das Risiko, dass Schüler, deren Eltern sich dies leisten können, in Privatschulen abwandern. «Wir sollten mit allen Kräften verhindern, dass eine Zweiklassengesellschaft entsteht», sagt Roger Lussi.

Doppelt gestrafte Gemeinden

Die Sparmassnahmen des Kantons treffen die Gemeinden Brittnau und Strengelbach laut Stephan Gerhard und Roger Lussi doppelt. Beide Gemeinden haben jüngst viel Geld investiert, um Platz zu schaffen. So hat Strengelbach in Schulpavillons investiert. Und Brittnau hat soeben erst den Kopftrakt des Gemeindeschulhauses saniert.

Weil beide Gemeinden künftig nicht mehr je 6 Oberstufenklassen – pro Jahrgang eine Sek und eine Real – führen können, sind diese Investitionen infrage gestellt. Über kurz oder lang stehen wieder Räume leer. Sollten die Oberstufen Strengelbach oder Brittnau neu auf nur noch eine Gemeinde konzentriert werden, würde dies zu einer absurden Situation führen. Am verbleibenden Standort fehlen dann wieder Räume, die auf der anderen Seite gleichzeitig überschüssig sind.