Der Kanton muss sparen. 110 Entlastungsmassnahmen sollen in den Jahren 2016 bis 2019 Einsparungen von jährlich 93 bis 154 Millionen Franken bringen. Stark betroffen ist der Bereich Bildung. Hier sind einschneidende und deshalb auch höchst umstrittene Massnahmen geplant.

Würden die vorgeschlagenen Massnahmen, welche die Schule betreffen, alle umgesetzt, könnten im nächsten Jahr 26 Millionen Franken eingespart werden. In den Planjahren 2017 bis 2019 wären es gar je zwischen 40 und 45 Millionen. An seiner kommenden Sitzung vom 24. November befindet der Grosse Rat auch über diesen vom Regierungsrat vorgeschlagenen Sparkurs im Bereich Bildung.

Lohnerhöhungen ausgesetzt

Eine erste Massnahme betrifft nicht nur Lehrpersonen, sondern alle Staatsangestellten: Im Jahre 2016 gibt es keine Lohnerhöhungen. Zudem soll auf 260 Lehrerstellen verzichtet werden. Dies wird erreicht, indem die minimalen Klassengrössen erhöht werden: an der Realschule von 11 auf mindestens 13 Schülerinnen und Schüler; an der Sekundarschule von 13 auf mindestens 15 Schüler. Künftig müssen Primarschulen mindestens 15 Schüler aufweisen, sonst werden sie aufgehoben. Bisher lag die Grenze bei 12 Schülern.

Sparmassnahmen

Sparprogramm: Kantilehrer geben sich kämpferisch Mittelschullehrer wehren sich energisch gegen die vorgesehenen Sparmassnahmen. Die Erhöhung der Pflichtstundenzahl um eine Lektion pro Woche sei nur eine schlecht kaschierte Lohnsenkung, heisst es im Jahresbericht des Verbandes der Lehrpersonen der Mittelschule. Mit dieser Erhöhung können 18 Vollzeitstellen eingespart werden. Voraussichtlich bleibe da nur der Kampf mit juristischen Mitteln, erklären die Mittelschullehrpersonen. Im Zuge der Spardebatte kri-tisiert der Verband auch die Einführung des neuen Faches Informatik an den Mittelschulen. Die Einführung komme zur falschen Zeit und solle so lange sistiert werden, bis sich die Kantonsfinanzen entsprechend eingependelt hätten. Es sei zynisch, zeitlich parallel zu einem schmerzvolle Leistungsabbau, neue Angebote mit versteckten Kostenfolgen zu etablieren.

Zudem wird heftig reduziert: Die Zahl der ungebundenen Lektionen an der Primarschule und im Kindergarten wird stark abgebaut. Abgebaut werden auch die Ressourcen für Deutsch als Zweitsprache. Auch die Lateiner müssen bluten: An der Bezirksschule wird das Wahlfach Latein in der 2. und 3. Klasse von vier auf drei Lektionen zurückgefahren. Und wieder schlägt die Regierung vor, das Berufswahljahr abzuschaffen. Dies war schon Bestandteil des Sparpaketes, das am 8. März 2015 vom Stimmvolk an der Urne abgelehnt worden ist.

Aber auch die Weiterbildung für die Lehrpersonen wird zurückgefahren – und das Inspektorat wird abgeschafft. Die Berufs- und Mittelschulen kommen auch nicht ungeschoren davon. Lehrpersonen an der Mittelschule sollen inskünftig pro Woche eine Lektion mehr unterrichten, das Freifach Instrumentalunterricht an der Kanti wird kostenpflichtig und an der Handels- und Informatikmittelschule wird eine Lektion Sport pro Woche und Klasse gestrichen.

Für den Halbklassenunterricht

Mehr als 14 Stunden lang hat die grossrätliche Kommission für Bildung, Kultur und Sport die Entlastungsmassnahmen im Bereich Bildung diskutiert. Die Kommission ist mit den meisten Entlastungsmassnahmen einverstanden. Klar aber lehnt sie die Reduktion der ungebundenen Lektionen an der Primarschule ab. Stattdessen soll als Kompensation das mit drei Lektionen dotierte Frühenglisch in der 3. Primarschulklasse gestrichen werden. Denn man halte die Streichung des Frühenglisch für weniger gravierend als die Reduktion des Halbklassenunterrichts in den Kernfächern, argumentiert die Kommission in ihrem Bericht. «Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, mindestens die gebundenen Lektionen zu retten», erklärte Kommissionspräsident Thomas Leitch (SP).

Erträgt das Bildungssystem Aargau diesen Abbau? Für viele Betroffene ist die Antwort klar: Lehrpersonen, Schulleitungen und Schulpflegen, aber auch zahlreiche Eltern befürchten, dass die Schule Aargau grossen Schaden nehmen wird und letztlich die Kinder darunter leiden werden, dass Bildungsqualität dem Sparen geopfert werde.
An vorderster Front kämpft der aargauische Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv). Man habe zwar grundsätzlich Verständnis für die finanzpolitischen Vorgaben des Kantons. Aber er warnt davor, Entscheidungen zu treffen «die die Bildung der Kinder und Jugendlichen und damit die Zukunft des Kantons nachhaltig beeinträchtigen», heisst es in der Stellungnahme des alv.

Vier konkrete Anliegen

Der Verband wendet sich mit vier Anliegen an die Grossräte, die am nächsten Dienstag über die gut 30 vorgeschlagenen Sparmassnahmen im Bereich Bildung debattieren werden.

Der alv fordert eine durchschnittliche Lohnerhöhung von einem Prozent für die Lehrpersonen im Aargau. Er verweist dazu auf die «dramatische Lohnsituation» im Aargau: Nach zehn Dienstjahren verdienen Lehrpersonen im Aargau rund 18 000 Franken weniger als ihre Kollegen im Nachbarkanton Zürich. Und ein solches Lohngefälle mache doch den Aargau höchst unattraktiv.

Auf die Reduktion der ungebundenen Lektionen an der Primarschule soll unbedingt verzichtet werden, verlangt der alv. Denn der Verzicht führe zu einer Verschlechterung des Unterrichtes und erschwere eine wirksame Integration. Und ebenso soll auch auf den Abbau beim Fach «Deutsch als Zweitsprache» verzichtet werden. Das Fach trage erheblich dazu bei, dass teure Einzelförderungen oft nicht notwendig würden.

Schliesslich wehrt sich der Verband auch dagegen, dass die Mittelschullehrer künftig pro Woche eine Lektion mehr unterrichten sollen. Grundsätzlich aber ist der alv bereit, die Sparbemühungen mitzutragen, allerdings nur, wenn nicht die Lehrpersonen zusätzlich belastet werden, sondern stattdessen Leistungen reduziert werden.

Elternbrief und Schulaktionen

Unterstützt wird der alv vom Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter sowie vom Verband der Schulpflegepräsidentinnen und -präsidenten.

Erfolgreich haben auch der alv und die anderen Verbände Eltern mobilisiert: Innerhalb von zwei Wochen sammelten sie 7239 Unterschriften gegen das Sparprogramm bei der Bildung und übergaben sie der Regierung.

Auch der Grosse Rat wurde bereits mit Argumenten gegen das Bildungssparen eingedeckt. Viele Schulen machten mit konzertierten Aktionen auf den drohenden Qualitätsverlust aufmerksam. So gelangte etwa diese Woche die Schule Menziken mit einer Unterschriftensammlung an die Öffentlichkeit. Gar mit einem Inserat im Badener Tagblatt wenden sich Lehrpersonen der Schule Baden an den Grossen Rat.