Die Frage, wie Schulbildung im Aargau konkret ausgestaltet werden soll und was sie kosten darf, interessiert und polarisiert. Die Diskussionen finden nicht nur unter Fachleuten und in der Politik statt; zunehmend beschäftigt sich auch eine breite Öffentlichkeit mit Bildungsthemen. Begriffe wie «ungebundene Lektionen» oder «Lehrplan 21» halten Einzug in die Aargauer Alltagssprache. 50 000 Unterschriften unter der Resolution gegen Bildungsabbau sowie die Entscheide an der Urne für familienergänzende Kinderbetreuungsstrukturen und gegen die Abschaffung des Berufswahljahres sind Antworten der Bevölkerung auf die eingangs gestellte Frage.

Aber auch der Grosse Rat hat klare Antworten gegeben: Er will die Qualität der integrativen Schulung, wo nötig, verbessern, aber keinesfalls auf sie verzichten. Er lehnt die Initiative «Ja zu einer guten Volksschule» ab, die den Lehrplan 21 verhindern will. Und vor allem wehrte er sich gegen Bildungsabbau an der Volksschule als Sparmassnahme, auch wenn der Kanton das dadurch eingesparte Geld gut hätte gebrauchen können.

Dass der Grosse Rat besonders in einem Wahljahr aber auch gelegentlich regionale Befindlichkeiten höher als sachliche Argumente gewichtet, zeigte er bei der gnadenlosen Versenkung des Raum- und Standortkonzeptes für die Berufsschulen. Mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit meldeten sich zudem die im aargauischen Lehrerverband organisierten Lehrpersonen zu Wort; ihr Engagement gipfelte in der Kundgebung gegen den drohenden Bildungsabbau vom 8. November mit gegen 8000 Teilnehmenden.

Wie die nachfolgende, unvollständige Übersicht zeigt, war das «Bildungsjahr» 2016 reich an Ereignissen, welche die Diskussion um die Zukunft der Schule Aargau mit neuen Aspekten ergänzen, aber auch in eine klare Richtung weisen.

Aargauer Lehrerinnen und Lehrer protestieren gegen Sparprogramm des Kantons

8. November: Aargauer Lehrerinnen und Lehrer protestieren gegen Sparprogramm des Kantons

Rund 6000 Lehrpersonen und Staatsangestellte haben in Aarau gegen Sparmassnahmen bei Bildung und beim Personal demonstriert. Auch die Bevölkerung habe von den jährlich wiederkehrenden Abbaumassnahmen genug, hiess es. 

War die Kundgebung noch nötig?

Beginnen wir mit den Lehrpersonen. Rund 11 000 gibt es im Aargau. Neu ist die Vehemenz, mit der sie sich öffentlich gegen die Sparpläne zur Wehr setzten. Und nur auf den ersten Blick überraschend ist das grosse Verständnis, das sie bei den Eltern genossen, als der Unterricht wegen der Kundgebung nur in reduziertem Rahmen stattfinden konnte. Denn die meisten Eltern hielten den Protest offensichtlich für angebracht. Und sie fanden es richtig, dass die Lehrpersonen für die Erhaltung der Qualität des Unterrichts auf die Strasse gingen.

Für Irritation gesorgt hat aber zweierlei. Erstens haben die Lehrpersonen bereits vor der Kundgebung gewusst, dass der Grosse Rat die zentralen Abbaumassnahmen abschmettern würde. Bürgerliche Politiker ärgerten sich und kritisierten, die Kundgebung wäre daher gar nicht mehr notwendig gewesen. Und zweitens müssen sich die Lehrpersonen den Vorwurf anhören, sie hätten vor allem für bessere Löhne demonstriert. Denn auf der von rund 50'000 Personen unterzeichneten Resolution ist die erste Forderung gleich eine Lohnforderung. Das war wohl nicht besonders geschickt.

Andererseits ist es eine Tatsache, dass die Lehrpersonen eine weitere Lohnnullrunde akzeptieren müssen. Zudem verdienen sie deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in den Nachbarkantonen. Das hat zur Folge, dass viele Junglehrer in Nachbarkantone abwandern, dass Männer in der Primaschule als Lehrpersonen die Ausnahme geworden sind, dass das Durchschnittsalter der Lehrer in Primarschulen bei rund 45 Jahren liegt. Es besteht also durchaus Handlungsbedarf. Denn wir brauchen für unsere Kinder die bestmöglichen Lehrpersonen. Und die wollen wir uns auch leisten.

Neues Lohnsystem kommt

Bildungsdirektor Alex Hürzeler hat denn auch angekündigt, dass nächstes Jahr ein neues Lohnsystem erarbeitet werden soll, das vor allem die jungen Lehrpersonen besserstellt. Allerdings werde aber insgesamt kaum mehr Geld zur Verfügung stehen. Es wird also vor allem um Umlagerungen gehen. So liess Hürzeler auch durchblicken, dass künftig bei den Löhnen für Quereinsteiger Abstriche gemacht werden könnten.

Dass der Kanton Aargau nach wie vor und vor allem ein Kanton der Regionen ist, beweist der Schiffbruch, den das Raum- und Standortkonzept der Sekundarstufe II erlitten hat. Es war von keiner Seite bestritten, dass durch die Konzentration der Berufsschulstandorte auf weniger, dafür grössere und gut ausgerüstete Schulen, der Kanton jährlich rund sechs Millionen Franken hätte sparen können. Nachdem die erste Vorlage 2015 fürchterlich zerzaust worden war, brachte die Regierung eine neue, regionenfreundlichere Light-Version mit Einsparungen von nur noch zwei Millionen Franken. Doch auch diese Vorlage hatte keine Chance. Die verschiedenen Regionen lobbyierten höchst erfolgreich für ihre Schulen. Die Bildungskommission erklärte, regionale Anliegen seien höher zu gewichten als ein möglicher Spareffekt. Und der Grosse Rat wies die Vorlage ohne überhaupt darauf einzutreten zurück an den Absender.

Ob die regionale Solidarität aber auch spielt, wenn es darum geht, die von der Schliessung bedrohten Klein- und Kleinstschulen in den Gemeinden zu retten, ist eine andere Frage.

Komitee gegen die Initiative

Die Schule Aargau verändert sich stetig. Die Umstellung auf sechs Jahre Primarschule und drei Jahre Oberstufe, die jahrelang bekämpft wurde, ist erfolgt, sie funktioniert und ist nach zwei Jahren kaum mehr ein Thema. Das Prinzip der integrativen Schulung ist akzeptiert, Schwachstellen sollen nun behoben werden; Schulen, die lieber separativ arbeiten möchten, dürfen das weiterhin tun. Auch hier hat der Grosse Rat ein deutliches Signal gesetzt.

Bleibt der neue Lehrplan 21. Es handelt sich dabei bei um einen verbindlichen Auftrag der Bundesverfassung nach der Volksabstimmung im Jahre 2006. Der Aargau muss bei der Schulharmonisierung mitmachen, aber er kann den Lehrplan 21 nach den eigenen Bedürfnissen weitgehend «kantonalisieren». Er soll auf das Schuljahr 2020/21 im Aargau eingeführt werden. Der Grosse Rat hat die Initiative «Ja zu einer gute Schule – nein zum Lehrplan 21» abgelehnt. Die Initiative würde, falls sie vom Volk angenommen wird, durch ihre restriktiven Forderungen den Aargau bei der adäquaten Umsetzung empfindlich einschränken und behindern.

Hier setzen Grossräte aller Parteien von links bis rechts gemeinsam ein Zeichen mit der Gründung des überparteilichen Komitees «Bildungsbremse Nein», das die Initiative bekämpft. Erst, wenn das Volk am 12. Februar 2017 über die Initiative entschieden hat, will der Regierungsrat die konkrete Umsetzung des Lehrplans 21 angehen.

Da ist es hilfreich zu wissen, dass Bevölkerung und Politik bereit sind, für qualitativ gute Bildung den Preis zu bezahlen. Auch das eine Erkenntnis aus dem bewegten Bildungsjahr 2016.