Niklaus Schmidli aus Freienwil konnte kaum glauben, was er las. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) Kanton Aargau informierte ihn und seine Frau Mitte Juni in einem Brief, dass ab nächstem Jahr keine Ferienwochen und Tagesausflüge mehr angeboten werden. «Dieser Entschluss ist uns nicht leicht gefallen», heisst es im Schreiben. Aber die personellen und finanziellen Aufwendungen sowie der Einsatz an Spendengeldern für die Organisation und Durchführung der beiden Angebote seien überdurchschnittlich angestiegen, begründet das SRK Kanton Aargau den Entscheid.

Für Schmidli unverständlich. «Ich bedaure den Entscheid sehr», sagt er. Seine Frau ist gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Die Ferienwochen waren für die beiden das, was das Rote Kreuz auf seiner Website verspricht: eine abwechslungsreiche und sorglose Woche. Seine Frau sei während der Ferienwoche richtig aufgeblüht, erzählt Schmidli. «Diese Freude hat noch wochenlang angehalten.» Und nun ist einfach Schluss. Die letzte Ferienwoche findet vom 17. bis 24. August in Sarnen statt. Der letzte Tagesausflug steht am 14. November an: ein Besuch des Schinznacher Christkindmarkts.

Regula Kiechle, Geschäftsführerin des SRK Kanton Aargau, sagt, der Entscheid sei nicht leichtfertig gefällt worden. Die Geschäftsleitung und der Vorstand hätten 2015, 2017 und 2019 Strategietagungen durchgeführt und alle Dienstleistungen des SRK Kanton Aargau evaluiert. «Wir wollten herausfinden, welche unserer Dienstleistungen im Vergleich zum Aufwand möglichst viel bewirken», sagt Kiechle. Bei diesem Vergleich hätten die Tagesausflüge und Ferienwochen, die es nur beim Tessiner und Aargauer Roten Kreuz gibt, nicht gut abgeschnitten.

Kiechle betont, dass der Entscheid nichts mit der Qualität zu tun habe. Die Angebote seien qualitativ immer top gewesen und beliebt. «Das war es auch, was uns die letzten vier Jahre davon abgehalten hat, sie einzustellen», sagt Kiechle. Dass es trotzdem getan werden muss, mache ihr weh. «Aber als Geschäftsführerin kann ich diese Verhältnismässigkeit gegenüber unseren Spenderinnen und Spendern nicht mehr rechtfertigen.»

Mit gleich viel Geld mehr Bedürftigen helfen

Sie macht ein Beispiel: Ins Tageszentrum des SRK Kanton Aargau kämen Menschen mit Betreuungsbedarf zum Teil mehrmals pro Woche. Diese Menschen seien zwar nicht gleich vulnerabel wie die Gäste in der Ferienwoche oder auf den Tagesausflügen, aber auch sie seien auf konstante Hilfe angewiesen. «Die Kosten pro Jahr für eine Person im Tageszentrum sind gleich hoch wie für eine, die einmal an einer Ferienwoche teilnimmt», sagt Kiechle. Natürlich sei es unschön, solche Rechnungen aufzustellen. «Aber wir müssen es tun, weil wir unseren Spenderinnen und Spendern gegenüber eine Verantwortung haben.» Ziel müsse es sein, mit dem gleichen Geldbetrag möglichst noch mehr Bedürftigen in Not zu helfen. «Beim Tageszentrum bewirken wir mit demselben Betrag übers Jahr gesehen mehr.»

Aber warum sind Ferienwochen und Tagesausflüge so teuer? Kiechle sagt, einerseits würden die dafür geeigneten Hotels heutzutage mehr kosten. Andererseits seien der Organisationsaufwand und die Sicherheitsanforderungen in den letzten Jahren erheblich gestiegen, was wiederum zusätzlich Kosten verursache. Dazu kommen die Kosten für die Freiwilligen, für die das SRK «selbstverständlich sämtliche Spesen und Hotelkosten übernimmt». Alleine die Kosten für die Freiwilligen hätten sich im hohen fünfstelligen Bereich bewegt, sagt Kiechle.

Feriengäste aus dem Pflegeheim rekrutiert

Zentral sei auch, dass die Krankheitsbilder der Gäste heute viel komplexer seien. «Sie sind auf eine 1:1-Betreuung angewiesen», sagt Kiechle. Das heisst, dass für eine Ferienwoche oder einen Tagesausflug pro Gast ein Freiwilliger rekrutiert werden muss. Der Rekrutierungsaufwand sei aber genau gleich hoch, egal, ob ein Freiwilliger einmal eine Ferienwoche begleite oder mehrere Einsätze pro Jahr leiste. «Gerade weil wir auch den Aufwand für die Rekrutierung mit Spendengeldern bezahlen, ist es unsere Pflicht, genau hinzuschauen.»

Kiechle betont, die aktuellen Freiwilligen auf den Tagesausflügen und in den Ferienwochen würden einen super Job machen und seien sehr motiviert. Viele seien aber über 60 Jahre alt. «Da kann es vorkommen, dass es ihnen zum Beispiel mehr und mehr Mühe macht, einen Rollstuhl zu schieben oder jemandem ins Bett zu helfen.» Jüngere Freiwillige zu rekrutieren sei aber schwierig. «Sie stecken meist noch im Arbeitsprozess und sind eher nicht bereit, sich eine Woche am Stück freiwillig zu engagieren.»

Letztes Jahr haben 77 Personen an einer Ferienwoche teilgenommen und 171 Personen an Tagesausflügen. Es war aber zunehmend schwierig, genug Teilnehmer für die Ferienwoche zu finden. Weil man die Ferien wegen zu wenig Anmeldungen aber nicht habe absagen wollen, seien teilweise Bewohner aus Pflegeheimen rekrutiert worden. «Das ist nicht sauber, weil es da nicht mehr darum geht, pflegende Angehörige zu entlasten», sagt Kiechle. Auch dieser Fakt habe beim Entscheid mitgespielt.

Für die gestrichenen Ferienwochen und Tagesausflüge wird es keinen Ersatz geben. «Es ist aber klar, dass wir als SRK Kanton Aargau die Entlastung der pflegenden Angehörigen und die Selbstbestimmung von Menschen mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung auf dem Radar haben.» Es gebe auch erste Ideen für neue Projekte, von denen auch die Teilnehmenden der Ferienwochen und Tagesausflüge profitieren können. «Das ist aber noch nicht spruchreif», sagt Kiechle. Sie würde sich freuen, wenn sich auch die bisherigen Freiwilligen weiter für das Aargauer Rote Kreuz engagieren würden.