Wahlanalyse

SP und CVP haben einen zusätzlichen Nationalratssitz geholt – die Nachwahlbefragung zeigt, warum

Die CVP-Kandidierenden und mittendrin Präsident Gerhard Pfister.

Die CVP-Kandidierenden und mittendrin Präsident Gerhard Pfister.

Die Nachbefragung des Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) bringt unerwartete und spannende Erkenntnisse.

Nach den Auswertungen der Ständerats- und der Regierungsratswahlen durch Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) liegt jetzt auch die Analyse der Nachbefragung zu den Nationalratswahlen vom 20. Oktober vor. Sie zeigt, dass die grüne Welle, die am 20. Oktober auch den Aargau erfasst hat, «nicht das Resultat einer ungewöhnlich starken Mobilisierung der Jungen oder Frauen war». Das schreiben die Projektverantwortlichen, Thomas Milic und Uwe Serdült sowie Salim Brüggemann in ihrer 51-seitigen Analyse.

Tatsächlich beteiligten sich Junge und Frauen sogar weniger häufig als ältere Wahlberechtigte und Männer. Immerhin deuten laut den Studienverfassern die Stimmregisterdaten aus verschiedenen Städten und Kantonen darauf hin, «dass die Partizipation der jungen Frauen zwischen 2015 und 2019 etwas weniger stark zurückging als jene älterer Männer».

Aus den Daten zeigt sich wenig überraschend, dass die Wählerinnen häufiger SP oder Grüne auf ihren Wahlzettel schrieben als die Männer, und dass die SVP besonders unter den älteren Stimmberechtigten hohe Zustimmung geniesst (39% der über 70-Jährigen wählten SVP).

Für viele war es am 20. Oktober tatsächlich eine Klimawahl

Doch woher kam dann der Erfolg der Grünen und der Grünliberalen? Er fusst laut ZDA-Studie darauf, dass Grüne und GLP zum einen Sympathisierende an die Urnen treiben konnten, die den Wahlen vor vier Jahren noch ferngeblieben waren und zum anderen Stimmen von anderen Parteianhängerschaften hinzugewannen. Die Grünen profitierten dabei auch von den Mobilisierungsanstrengungen der SP. Die SP Aargau trieb ihre Anhängerschaft nämlich erfolgreich an die Urnen. Allerdings legte laut Nachbefragung bei 2146 Personen dann jede/r Zehnte von ihnen 2019 «grün» statt «rot» ein. Der Grund für diese Wechselwahl war oftmals der Klimaschutz.

Schon am Wahlsonntag sei klar geworden, so die ZDA-Studie weiter, dass diese Wahl keine Normalwahl war. Zum einen waren die Meinungen zu den Parteien schwankend. Zwar wählte eine Mehrheit der Wahlberechtigten jene Partei, die sie schon 2015 gewählt hatte (Grafik oben), aber bei einer beträchtlichen Zahl stand der Wahlentscheid nicht von Beginn weg fest. Gerade bei Grünen und GLP, die deutliche Stimmengewinne erzielten, fiel der Entscheid relativ spät (Grafik unten).

Doch welche Verschiebungen gab es in der Wählerschaft zwischen den Parteien insgesamt? Solche Daten zu erheben, ist nicht unproblematisch. Denn zum einen können Wahlberechtigte, die 2015 noch teilnahmen, aber 2019 nicht mehr im Aargau wahlberechtigt sind (z. B. verstorben oder weggezogen), aus naheliegenden Gründen nicht mehr in die Stichprobe gelangen, so Thomas Milic. Zum anderen falle es wegen der Panaschiermöglichkeit schwer, Wechselwähler eindeutig zu identifizieren. Zudem können sich manche nicht mehr erinnern, was sie 2015 gewählt haben.

CVP mobilisierte mit ihren vielen Listen am besten

So berücksichtigten die ZDA-Spezialisten für die Analyse nur jene, die an beiden Wahlen im Aargau wahlberechtigt waren und sich auch an ihr Wahlverhalten erinnerten. Die Erstwählenden wurden hier nicht berücksichtigt und separat erfasst (vgl. nachstehende Passage). Ihre vormals Wählenden vermochte die CVP am besten zu mobilisieren, wie unsere grosse Grafik «Wahlverhalten 2019 nach Wahlverhalten 2015» (weiter oben) deutlich macht. 69 Prozent der CVP-Wählenden von 2015 legten auch heuer eine der CVP-Listen ein (die CVP setzte auf eine Haupt- und acht Unterlisten). Nur gerade acht Prozent der CVP-Wählenden 2015 nahm 2019 nicht mehr teil. Milic: «Die CVP Aargau hat ihre Wählerschaft ausgesprochen gut mobilisiert, was wohl einer der Hauptgründe für den Wahlerfolg war.» Von den Wählenden, welche die CVP verlor, wanderten die meisten zu den Grünliberalen ab .

Bei der SVP ging jeder vierte 2019 nicht mehr an die Urne

Die EVP und die SVP konnten ebenfalls auf ihre Kernwählerschaft zählen. Wer 2015 eine dieser Parteien wählte, blieb ihr häufig auch 2019 treu. Gleichwohl hatte die SVP ein schwerwiegendes Problem: 28 Prozent ihrer Wählenden von 2015 nahmen 2019 nicht mehr teil. Anders als andere Parteien konnte sie diesen Verlust «durch Mobilisierung von vormals Abstinenten sowie Erst- und Neuwählenden nicht kompensieren».

Die SP wiederum konnte ihre vormals Wählenden auch 2019 zur Wahl motivieren. Nur gerade 15 Prozent ihrer Wählerschaft von 2015 nahmen 2019 nicht mehr teil. Die Mobilisierungskampagne der SP funktionierte demnach ähnlich gut wie jene der CVP, so die Analysten. Indes, etwa jede bzw. jeder zehnte SP-Wählende (11 Prozent) von 2015 gab 2019 den Grünen die Stimme. Diese Verluste wurden durch das gute SP-Ergebnis bei all jenen, die 2015 noch nicht teilnahmen, wettgemacht. Die Mobilisierungsmaschine der SP lief auf Hochtouren, «aber eine beträchtliche Zahl ihrer vormals Wählenden liefen ins grüne Lager über», so die Studie. Der Grund für diesen Wechsel war (wie erwartet) der Klimaschutz.

Auch die Gründe für das Fernbleiben von der Urne wird in der Nachbefragung erhoben:

GLP war bei den Neuwählenden am erfolgreichsten

Soziale Merkmale spielten eine gewisse Rolle. So wählten Frauen eher links, Männer eher rechts. Bei den jungen Wahlberechtigten waren die linken Parteien und die GLP überdurchschnittlich beliebt, während ältere Wahlberechtigte eher Parteien rechts der Mitte wählten. Am besten schöpfte die GLP (mit 21 Prozent) das Potenzial der Neuwählenden aus, gefolgt von der SVP mit erstaunlich niedrigen 20 Prozent. Die SVP, aber auch die FDP mit 9 und die CVP mit 8 Prozent der Neuwählenden haben da ein Problem. Die Grünen holten 17 Prozent der Neuwählenden, die SP 14 Prozent. Die Auswertung zeigt: Die Parteien mit «grün» im Namen holten am 20. Oktober jede vierte Stimme der Neuwählenden.

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