Volksleiden

Soziale Isolation: Die 4. Säule der Vorsorge wirkt gegen Einsamkeit

«Kiss» heisst ein erfolgreiches neues, generationenübergreifendes Modell der Nachbarschaftshilfe. Im Aargau ist die Nachfrage gross.

Das Prinzip der 2011 in Zug gegründeten Organisation Kiss ist bestechend einfach: Mit freiwilliger Nachbarschaftshilfe unterstützen Menschen einander, sodass vor allem alleinstehende ältere Menschen, aber auch jüngere in Notsituationen (Unfall, Krankheit) möglichst lange gut begleitet und betreut in ihrem zu Hause bleiben können. «Kiss» ist die Abkürzung für Keep it small and simple. Denn genau so soll die moderne Nachbarschaftshilfe sein: einfach, niederschwellig und lokal organisiert.

«Diese Art von Nachbarschaftshilfe auf Augenhöhe verbindet Menschen und beugt der Vereinsamung vor», sagt Martin Villiger, Präsident des Fördervereins Kiss Aargau.
Die Unterstützung durch Freiwillige funktioniert ohne Geld. Aber die Freiwilligen erhalten ihre eingesetzte Zeit gutgeschrieben. Zeit, für die sie später selbst Unterstützung beanspruchen können. Damit wird Zeitvorsorge die vierte Säule der Altersversicherung.

Moderne Nachbarschaftshilfe

Kiss ist in kleinräumig agierenden Genossenschaften organisiert. Die Freiwilligen sollen selber auch Dienstleistungen beanspruchen können. Villiger erzählt das Beispiel von der Witwe, die immer noch gerne im Garten arbeitet, aber nicht mehr kochen möchte. Sie isst künftig ab und zu bei einer Frau aus dem Dorf, diese hilft dafür im Garten mit.

«Im Rahmen einer Gruppe ist Nachbarschaftshilfe dauerhafter und solider verankert», sagt Villiger. Sie vermittle zudem das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es gebe nicht Gebende und Nehmende, sondern alle könnten je nach Bedarf das eine oder das andere sein. «Heute bin ich froh, wenn mich jemand zum Arzt fährt; aber nächste Woche hüte ich gerne das Nachbarskind», nennt Villiger als weiteres Beispiel.

Die örtlichen Kiss-Genossenschaften sorgen für eine nachhaltige Gemeinschaft und koordinieren Angebot, Nachfrage und Einsätze. Dabei entscheidet jedes Mitglied selber über Art und Zeit der Dienstleistung. Kiss arbeitet nach den schweizweit geltenden Standards der Freiwilligenarbeit. So übernehmen die Mitglieder keine regelmässigen Verrichtungen, die andernorts gegen Geld erworben werden müssen.

Wie eine Kiss-Statistik aus Zug zeigt, sind vielen älteren Menschen, die bei Kiss mitmachen, die Gespräche wichtiger als die konkreten Hilfeleistungen.

Grosse Nachfrage im Aargau

Im Aargau ist Kiss bereits in Gemeinden mit rund 180 000 Menschen aktiv. Im Oberfreiamt und in der Region Reusstal-Mutschellen bestehen bereits zwei Genossenschaften. Vier weitere Genossenschaften stehen in den Regionen Baden, Fricktal, Wiggertal und Zofingen vor der Gründung. Der Förderverein Kiss Aargau unterstützt dabei den Aufbau der regionalen Genossenschaften.

«Es besteht eine grosse Nachfrage», sagt Martin Villiger. «Sobald sich lokal gut vernetzte Personen melden, die sich beim Aufbau engagieren möchten, sind die Neugründungen erfolgreich.»

Wer bei Kiss mitmachen will, erwirbt einen Genossenschaftsschein für 100 Franken. Weitere Kosten entstehen nicht. Finanziert wird die Organisation von Spenden, Beiträgen von Stiftungen und der öffentlichen Hand. Dabei hat Kiss ein gutes Argument zur Hand: Die schweizweit einsetzbare Software zeigt für jede Gemeinde, wie viele Stunden Gratisarbeit die Kiss-Mitglieder zugunsten der Allgemeinheit leisten.

Weitere Informationen: www.kiss-aargau.ch

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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