Kölliken
Sozialdienst-Präsident will weniger Datenschutz wegen gewalttätiger Kunden

Nach dem Angriff eines wegen Gewaltausbrüchen aktenkundigen Klienten auf eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes in Kölliken dürfte er in U-Haft kommen. Seine Gefährlichkeit soll in einem Gutachten abgeklärt werden.

Fabian Hägler
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Auf dem Sozialamt in Kölliken ist ein Mann ausgerastet. (Symbolbild)

Auf dem Sozialamt in Kölliken ist ein Mann ausgerastet. (Symbolbild)

Aargauer Zeitung

Knapp eine Woche, nachdem eine Mitarbeiterin des regionalen Sozialdienstes Kölliken (RSDK) von einem Klienten tätlich angegriffen wurde (az vom 24. März), läuft der Betrieb wieder normal. «Die betroffene Frau ist zu Hause und wird von einer Fachperson psychologisch betreut», sagt André Diefenbacher, Präsident des regionalen Sozialdienstes.

Nach dem Fall Pfäffikon, wo 2011 die Leiterin des Sozialamts erschossen wurde, hat der RSDK reagiert und Videokameras sowie eine verbesserte Türsicherung installiert. Wie konnte es trotzdem zum Angriff kommen? Diefenbacher: «Wenn ein Mann angemeldet ist und beim Gespräch ausrastet, lässt sich dies kaum verhindern.»

U-Haft: Entscheid bis Mittwoch

Warum wurde nicht sofort die Polizei alarmiert? «Unser Team griff ein und hatte die Situation im Griff», sagt Diefenbacher. Zudem habe sich der Vorfall am Mittwochabend ereignet, «so haben wir mit der Anzeige bis Freitag zugewartet, als es unserer Mitarbeiterin wieder besser ging.»

Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei, hätte hingegen eine umgehende Meldung erwartet. «Immerhin wurde die Frau verletzt, möglicherweise hätte der Klient auch weitere Personen gefährden können», gibt Pfister zu bedenken.

Derweil wartet die Staatsanwaltschaft auf den Entscheid des Zwangsmassnahmengerichts, ob der Beschuldigte in Untersuchungshaft gesetzt werden kann. «Das Gericht wird bis spätestens Mittwochmorgen urteilen», sagt Sprecherin Elisabeth Strebel. Sollte der Mann in U-Haft kommen, soll seine Gefährlichkeit mit einem Gutachten abgeklärt werden.

Stefan Wettstein, Kommandant der Regionalpolizei Zofingen, kennt die Problematik mit schwierigen Klienten. «Es kommt ein- bis zweimal im Jahr vor, dass wir alarmiert werden, wenn ein Gespräch eskaliert», sagt Wettstein. Wisse ein Sozialdienst vorher, dass ein schwieriges Gespräch anstehe, werde die Regionalpolizei auch präventiv aufgeboten. «Dann sitzen im Nebenzimmer zwei Polizisten, die eingreifen können, wenn die Situation es erfordert.»

Ausraster sind sehr selten

Stefan Liembd, Präsident des Verbands der Aargauer Gemeindesozialdienste (VAGS), hält fest: «Gott sei Dank kommt es sehr selten vor, dass Klienten ausrasten.» Dennoch empfiehlt er allen lokalen und regionalen Sozialdiensten, ihre Sicherheitsmassnahmen zu verstärken. «Videokameras, Alarmanlagen und eine gute Schulung des Personals im Hinblick auf solche Ernstfälle sind wichtig», hält Liembd fest.

Bei konkreten Hinweisen, dass ein Klient zum Ausrasten neige, sollten zwei Mitarbeiter bei einem Gespräch dabei sein. «Das wird bei uns praktiziert, aber unsere Mitarbeiter haben den aktuellen Fall offenbar anders eingeschätzt», sagt RSDK-Präsident Diefenbacher.

Daten hinter hohen Hürden

Elisabeth Strebel von der Staatsanwaltschaft erklärt, der Mann sei «einschlägig vorbestraft und wegen Gewaltausbrüchen aktenkundig». Stefan Liembd hält fest, mit der aktuellen Gesetzeslage sei es schwierig, Informationen über potenziell gefährliche Klienten zu erhalten.

«Die Daten wären bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft vorhanden, die Hürden, um an sie heranzukommen, sind aber sehr hoch», gibt er zu bedenken. Polizeisprecher Pfister bestätigt dies: «Wenn ein früherer Vorfall in einer anderen Gemeinde stattgefunden hat, weiss der Sozialdienst Kölliken unter Umständen nichts davon.»

Deshalb hat sich der VAGS für die Änderung des Organisationsgesetzes ausgesprochen, die eine Lockerung beim Datenschutz vorsieht und die Kompetenzen der Fachstelle Personalsicherheit erweitern soll. «Aber auch die Gemeinden müssen eingebunden werden», betont Liembd.

Dies hat der VAGS in seiner Stellungnahme klargemacht. «Drohende Personen machen keinen Unterschied zwischen Angestellten der Gemeinde und des Kantons», heisst es dort.

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