Dargebotene Hand

Sorgentelefon-Mitarbeiterin: «Mein Schwarzweiss-Denken hat sich aufgeweicht»

Sorgentelefon-Freiwillige: «Die Leute sind aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.» (Symbolbild)

Sorgentelefon-Freiwillige: «Die Leute sind aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.» (Symbolbild)

Aus Angst abzuheben, meldete sich Petra vor vier Jahren als freiwillige Mitarbeiterin bei der Dargebotenen Hand (Telefon 143). Im Interview erzählt sie, warum die Menschen anrufen und wie diese Tätigkeit sie selbst verändert hat.

Wer für die Dargebotene Hand am Telefon sitzt, erfährt viel über die Probleme und Nöte der Menschen. Petra (Name geändert) gehört seit vier Jahren zum Team der Freiwilligen. In einem Zimmer der Dargebotenen Hand, das sich in einem Mehrfamilienhaus in der Region Aarau befindet, erzählt sie von ihrer Tätigkeit. Sie ist eine 45 Personen, darunter 7 Männern, sind für die Dargebotene Hand Aargau/Solothurn Ost tätig sind. Rund um die Uhr sind sie abwechselnd unter der anonymen und kostenlosen Notrufnummer 143 für die emotionale erste Hilfe erreichbar. 

Petra, was war der Auslöser, dass Sie sich bei der Dargebotenen Hand als Freiwillige meldeten?

Mir ging es zu gut. In meinem Umfeld sah ich viele Menschen mit Luxusproblemen. Ich hatte die Angst, dass ich abhebe, den Bezug zur Realität verliere.

Wie stellen sich die Leute vor, die bei Ihnen anrufen?

Manche nennen ihren Namen nicht und sagen Sätze wie: Hier ist jemand, der Hilfe braucht. Andere nennen ihren Nachnamen, andere den Vornamen: Hier ist der Martin, zum Beispiel. Aber ich habe keine Ahnung, ob die Namen stimmen.

Warum rufen die Leute an?

Sie wollen reden, etwas loswerden. Dafür sind wir da. Ich kann ihnen eine zweite Meinung bieten. Manche rufen dagegen gezielt an, damit wir ihnen die geeignete Anlaufstelle nennen.

Was sind das für Menschen, die bei Ihnen anrufen?

Die Leute sind aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. Menschen mit psychischen Problemen rufen sehr häufig an, Ausländer eher selten. Häufig sind es Menschen mit Beziehungsproblemen oder Menschen, die einsam sind. Es gibt wohl kein Thema, das mir in meiner Tätigkeit noch nicht begegnet ist.

Rufen auch Kinder an?

Eher selten. Manche wollen reden. Anderen geben wir den Tipp, sich gezielt an eine andere Stelle oder eine bestimmte Person zu wenden. Und es gibt die Juxanrufe, bei denen es häufig um Mutproben geht.

Reden Sie solange mit den Menschen, wie diese wollen?

In der Regel dauert ein Gespräch rund eine halbe Stunde. Manchmal beenden wir es, weil wir ja noch für andere da sein wollen. Das sagen wir auch. Gerade wenn jemand ohne Punkt und Komma redet, anfängt, sich zu wiederholen – dann steckt man in der Endlosschlaufe. Das Gespräch dann zu beenden, braucht Überwindung. Es ist ein Kraftakt.

Wie reagieren die Leute darauf?

Die meisten verstehen das, wenn auch zögerlich. Wenige werden hässig und sagen: Sie sind doch dafür da, mir zuzuhören. Es gibt auch Erpressungsversuche: "Wenn Sie jetzt aufhängen, dann bringe ich mich um."

Was antworten Sie dann?

Es gibt kein Rezept oder eine Checkliste für eine Antwort. Grundsätzlich nehme ich jede Äusserung ernst. Aber ich kann keine Verantwortung für andere übernehmen und sage das auch. 

Wie gehen Sie damit um, wenn Menschen Selbstmordgedanken andeuten?

Wir sprechen das offen an. Manchmal ist es das erste Mal, dass die Leute diese Gedanken aussprechen. Dann merkt man, das ist für sie eine Erleichterung.

Das klingt, als wollten sie doch nicht sterben.

Wenn man die Leute fragt, wollen Sie denn wirklich sterben, antworten sie oft: Nein, aber ich möchte anders leben. Ich höre selten Worte wie: "Ich mag wirklich nicht mehr."

Sind Suizid-Gespräche die schwierigsten?

Von der Tragweite her ja. Für die Gesprächsführung haben wir einen Leitfaden. Wir sind gut ausgebildet. Ich weiss, worauf ich achten muss. Schwierig ist, wenn ich mit einem Thema konfrontiert werde, zu dem ich keinen Bezug habe. Da fühle ich mich im ersten Moment hilflos. Aber dann besinne ich mich auf meinen Auftrag: da sein, zuhören, begleiten. Ich muss nicht Lösungen liefern.

Im letzten Jahr haben Anrufe mit psychischen Erkrankungen zugenommen. Wieso rufen diese Menschen an?

Die rufen an, wenn ihre Therapiesitzungen nicht ausreichen. Ihr Psychiater nimmt nachts das Telefon nicht ab – wir schon.

Kennen Sie sich denn gut genug aus mit all den psychischen Krankheiten?

Wir werden geschult, müssen aber keine vertieftes Wissen darüber haben. Wir sind keine Therapeuten. Unsere Aufgabe ist, ohne Vorurteile für die Anrufenden da zu sein. Diese sind die Spezialisten. Ich lasse mir die Krankheiten und Störungen jeweils erklären und frage: "Was heisst das für Sie?"

Kommt es vor, dass jemand anruft und eine Straftat gesteht?

Sehr selten. In diesem Fall versuche ich die Leute davon zu überzeugen, dass sie sich stellen sollen.

Was nehmen Sie für sich persönlich mit von den Gesprächen?

Ich nehme extrem viel mit. Ich erhalte Einblick in den Alltag von Menschen, der mir sonst verschlossen bleibt. Und es ist schön, jemanden zu einer anderen Perspektive zu verhelfen. Das mache ich gerne. Das bedeutet auch eine gewisse Wertschätzung für mich.

Und haben Sie sich in den vier Jahren verändert?

Jemand sagte mir, ich sei nicht mehr so radikal. Ich hatte schon ein starkes Schwarzweiss-Denken – das hat sich aufgeweicht. Ich bin eine Person, die gerne anpackt, Jammeris gehen mir auf die Nerven. Aber ich habe erfahre, dass es Menschen gibt, die sich selbst nicht helfen können, die das nie gelernt haben oder die Kraft dazu nicht haben.

Was tun Sie, dass Sie selbst nicht von Gesprächen verfolgt werden?

Wir lernen während der Ausbildung auch unsere eigenen Grenzen kennen und Abstand zu halten. Zudem werden wir professionell von einer Psychologin begleitet, besuchen regelmässig die obligatorische Weiterbildungen. Abgrenzung ist dabei ein ständiges Thema ist. Nach schwierigen Gesprächen öffne ich das Fenster. Wir tauschen uns auch untereinander aus. Das hilft.

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