Angriff auf Lehrerin

Sondersetting für gewalttätigen Schüler stösst auf Unverständnis

Mit einem Faustschlag brach ein 14-jähriger Syrer seiner Lehrerin kurz vor den Sommerferien 2019 den Kiefer.

Mit einem Faustschlag brach ein 14-jähriger Syrer seiner Lehrerin kurz vor den Sommerferien 2019 den Kiefer.

Ein 14-jähriger Schüler hat im Sommer seine Lehrerin so heftig geschlagen, dass sie mit gebrochenem Kiefer ins Spital musste. Nun beantwortet die Regierung einen Vorstoss mit diversen Fragen zum Fall – wie es mit dem Syrer weitergeht, bleibt jedoch offen.

Es war der Tag vor dem Jugendfest der Kreisschule Chestenberg, als ein damals 13-jähriger syrischer Schüler seiner Lehrerin einen heftigen Faustschlag verpasste – und ihr den Kiefer brach. Anlass für den Ausraster war die Aufforderung der Lehrerin, seine Taschen zu leeren. Sie wollte kontrollieren, ob er eine Waffe bei sich trug.

Der Schüler aus Möriken- Wildegg war schon vorher auffällig geworden. So hatte er zum Beispiel auf dem Pausenplatz Mädchen aufgefordert, sich anständig zu kleiden. Dabei solle er auch mit einem Messer herumgefuchtelt haben. Alle schulischen Disziplinarmassnahmen hatten zu nichts geführt.

Schulwechsel gestoppt, Sondersetting gestartet

Nach dem Angriff auf seine Lehrerin am 28. Juni des letzten Jahres wurde der Schüler festgenommen, gegen ihn wurde ein Jugendstrafverfahren eingeleitet und er sass zwei Tage in Untersuchungshaft. Knapp vier Monate später sollte der junge Syrer in Lenzburg wieder eingeschult werden – in eine normale Klasse. Der Schulpsychologische Dienst, die Radikalisierungsfachstelle und die Jugendanwaltschaft hätten ihm gute Chancen auf eine erfolgreiche Wiedereingliederung attestiert, schreibt die Regierung zu einem Vorstoss von SVP-Grossrätin Doris Iten.

Dennoch kam es nicht zur Einschulung in Lenzburg: Weil die Pläne in der AZ und der «Weltwoche» publik wurden, wurde der Schulwechsel kurzfristig gestoppt. Das grosse Medieninteresse hätte laut Regierung keine geordnete Wiedereingliederung erlaubt.

Nicht alle von Itens Fragen werden im Detail beantwortet – dies mit Rücksicht auf das noch laufende Jugendstrafverfahren und den Persönlichkeitsschutz betroffener Personen, wie die Regierung erläutert. Dennoch zeigen die Antworten, wie die Behörden nach dem Gewaltausbruch mit dem Syrer umgingen. Er wurde nicht in ein Heim oder eine Sonderschule eingewiesen, sondern erhielt eine spezielle Lösung: Im Rahmen eines Sondersettings wurde der Schüler in der Institution Türöffner in ­Möriken-Wildegg unterrichtet.

Grossrätin kritisiert Boxen, Regierung verteidigt sich

Doris Iten kritisiert, dass der Syrer im Türöffner ein sechswöchiges Boxtraining absolviert habe. Nacherziehungs-Expertin Sefika Garibovic findet Boxen für gewalttätige Jugendliche nicht sinnvoll (siehe Interview rechts). Der Regierungsrat entgegnet, im Rahmen der Tagesstruktur fänden im Türöffner sportliche Aktivitäten statt.

«Die Zeit im Boxring stellt nur einen kleinen Anteil des Programms dar und ist mit einem eigentlichen Box-Training zu Wettkampfzwecken in keiner Weise zu vergleichen», schreibt die Regierung. Regierungssprecherin Stephanie Renner sagt auf Nachfrage: «Das Training bringt keine Zweikampfsituation und beinhaltet auch tänzerische Elemente. Es geht dabei vor allem um Selbsterfahrung und Selbstbeherrschung, um Impulskontrolle und Fairness.»

Attacke auf Lehrerin erst mit Verzögerung gemeldet

Der Angriff auf die Lehrerin im Schulhaus Chestenberg geschah am 28. Juni 2019. Erst zwei Tage später informierte der Gesamtschulleiter der Kreisschule den Schulpsychologischen Dienst per Notfallnummer. Die kantonale Schulaufsicht erfuhr nochmals einen Tag darauf per Mail vom Vorfall. Von diesem Ablauf weiss die Leitung des Departements Schule, Bildung und Sport. Weshalb diese Meldungen erst mehrere Tage verzögert erfolgten, geht aus der Antwort der Regierung nicht hervor.

Dafür äussert sie sich klar zur Kritik von SVP-Grossrätin Doris Iten an der vermeintlich zu kurzen Untersuchungshaft. Demnach lag kein Grund vor, die U-Haft zu verlängern: Laut der Regierung bestand im Fall des syrischen Schülers weder Flucht-, noch Verdunkelungs-, oder Wiederholungsgefahr. Mit der Entlassung aus der Haft sei der Jugendliche jedoch «unter Einbezug aller involvierten Stellen und Personen in ein engmaschiges Betreuungs- und Überwachungsprogramm überführt» worden, hält die Regierung fest.

Die Jugendanwaltschaft habe «eine individuelle, der Situation und der Problematik angemessene Anschlusslösung eingerichtet und durch den Sozialarbeiter eng begleitet».

Forensisches Gutachten hat grossen Einfluss

Weil der Schulwechsel nach Lenzburg nicht zu Stande kam, ist der junge Syrer weiterhin im Türöffner. Das Sondersetting kostet monatlich 7918 Franken. Für die Tagesstruktur werden pro Tag 200 Franken fällig, dazu kommen Essen (15 Franken täglich), Schulunterricht (750 Franken wöchentlich) und ein Mentaltraining zur Aggressionskontrolle (142 Franken pro Woche).

Insgesamt wird der Fall aber deutlich teurer: Hinzu kommen Kosten in Höhe von geschätzten 15000 Franken für ein Gutachten, das bei der Klinik für forensische Psychiatrie in Zürich in Auftrag gegeben wurde. Darin werden laut Regierungsrat vor allem Fragen zur psychischen Gesundheit, zur Anordnung von Schutzmassnahmen und zur Rückfallgefahr gestellt. In der schriftlichen Antwort der Kantonsregierung, die am 15. Januar verabschiedet und am Freitag publiziert wurde, heisst es, das Gutachten liege noch nicht vor.

Inzwischen ist dieses eingetroffen, wie Sprecherin Stephanie Renner auf Anfrage sagt. Der Einschätzung der forensischen Psychiater kommt im Fall des jungen Syrers eine grosse Bedeutung zu. «Das Gutachten bildet die Grundlage für die Entscheide im Jugendstrafverfahren sowie für den Entscheid, wo der Jugendliche künftig in die Schule gehen wird», erläutert Renner. Noch sind beide Fragen offen, es ist also unklar, wie es mit dem Syrer strafrechtlich und schulisch weitergehen soll.

Die Familie des Syrers lebt laut Doris Iten «seit fünf Jahren in der Schweiz und die Eltern sprechen noch kein Deutsch». Sie will wissen, ob die Eltern in einem Integrationsprogramm seien und wie sie zur Verantwortung gezogen würden.

Bei der syrischen Familie handelt es sich laut Regierung um anerkannte Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsbewilligung B. Vor vier Jahren wurde für sie ein Integrationsmassnahmenplan erstellt, der sie zu Deutschkursen verpflichtet. Die Eltern hätten die vereinbarten Kurse besucht, hält der Regierungsrat fest, zu den Deutschkenntnissen äussert er sich in der Antwort nicht.

Regierung sieht keine Zunahme von Schulgewalt

SVP-Grossrätin Doris Iten zeigt sich besorgt über die aus ihrer Sicht zunehmende Gewalt an Aargauer Schulen. Der Regierungsrat entgegnet, dem Kanton lägen keine Hinweise vor, dass Gewalt an Schulen grundsätzlich zunehme. Bei disziplinarischen Problemen biete man Unterstützung: Schulpsychologischer Dienst, Schulaufsicht und Schulsozialarbeit stünden für Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern zur Verfügung.

Bei Verdacht auf Radikalisierung von Jugendlichen, wie im Fall des Syrers, haben Schulleitungen und Lehrpersonen seit 2018 die Möglichkeit, die Anlaufstelle Radikalisierung des Schulpsychologischen Dienstes zu kontaktieren. Je nach Situation erfolge danach eine detaillierte Einschätzung mit Handlungsempfehlungen.

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