Bildung

Sonderschulen werden wegen Sparplänen der Regierung zum teuren Auffangbecken

Die Unihockeyspieler der «Zeka-Rollers» beim Training Az Archiv/Christoph Voellmy

Die Unihockeyspieler der «Zeka-Rollers» beim Training Az Archiv/Christoph Voellmy

Die kantonalen Sparmassnahmen drohen noch mehr «schwierige» Kinder aus der Regelschule zu verdrängen. Die Sonderschulen reagieren mit Bedenken auf die damit verbundene Schüler-Zunahme. Die Bedingungen seien schon jetzt alles andere als luxuriös.

Zwei Themen stehen zurzeit weit oben auf der aargauischen Bildungsagenda: die Sparmassnahmen, ausgelöst durch die «Leistungsanalyse» der Regierung, und die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen in die Regelklasse durch individuelle Fördermassnahmen.

Nun sagen Vertreter von Aargauer Sonderschulen: Zwischen diesen beiden Themen gibt es direkte Verbindungen. Schon in den letzten Jahren sind die Einweisungen in die Sonderschulen gestiegen. Eigentlich hätten sie durch die integrativen Bemühungen sinken sollen.

Sparpaket verstärkt den Effekt

Nun droht das Sparpaket der Regierung. Es gibt Massnahmen, welche die Unterstützung von Kindern, die einer speziellen Therapie bedürfen, direkt betreffen.

Dazu gehört etwa die Reduktion der Psychomotorik-Lektionen um 5 Prozent; das entspricht einer Reduktion um 1000 Abklärungs- und Therapie-Einheiten.

Oder die Kürzung des Pensen-Pools für den Sprachheilunterricht um 10 Prozent; das würde zu einer Einsparung um 12 200 Lektionen führen. Oder eine Leistungsreduktion beim Schulpsychologischen Dienst mittels Personalabbau um 5 Prozent.

Aber auch die Eingriffe in der Regelschule, zum Beispiel die Abschaffung der Einschulungsklassen, dürften den Druck auf die Sonderschulen erhöhen.

Bedenken bei den Sonderschulen

Ueli Speich, Stiftungsleiter des Zentrums für Körperbehinderte Aargau (Zeka), ist überzeugt: «Diese Kürzungen würden dazu führen, dass zahlreiche Kinder und Jugendliche, die dringend auf Unterstützung angewiesen sind, diese nicht mehr erhalten. Man spart auf dem Buckel jener, die ohnehin schon mit Schwierigkeiten beim Lernen und/oder bei der Lebensbewältigung kämpfen.»

Und August Schwere, Leiter Ambulatorien beim Zeka, ergänzt: «Das heutige Kontingent an Psychomotorik-Therapie beträgt 45 Jahresstunden pro 100 Kinder, das heisst, dass ein Kind von hundert pro Schulwoche eine Stunde Therapie bekommt. Das ist alles andere als luxuriös. Das Bildungsdepartement hat eine teure Expertise in Auftrag gegeben, welche eine Aufstockung des Psychomotorik-Kontingents nahelegte. Nun soll das Kontingent wieder reduziert werden.»

Andreas Steinmann ist Leiter der Aargauischen Sprachheilschulen ASS. Auch er sagt: «Kommt diese Schwächung der Regelschule und des Therapieangebots, steigt die Zahl derer, die zu uns kommen wollen oder müssen, weiter.

Schon heute haben wir durchschnittlich 30 Plätze zu wenig, wir müssen Kinder, die ein Recht auf Sonderschulung hätten, abweisen.»

Fazit: Schwächt man die Regelklasse, steigt das Bedürfnis nach integrativen Zusatztherapien. Schwächt man die Zusatztherapien, steigt das Bedürfnis nach Sonderschulen.

FDP will Integration prüfen lassen

Kürzlich hat die FDP-Fraktion des Grossen Rates in einem Postulat die Frage gestellt, ob die schulische Integration (IS) gescheitert sei.

Ueli Speich meint dazu: «Ein Kind, das in die Regelschule integriert wird, verursacht längst nicht dieselben Kosten wie ein Kind, das eine Sonderschule besucht.

Eine nachhaltige Sparpolitik müsste daher integrative Massnahmen und Unterstützungsangebote wie Psychmotoriktherapie oder heilpädagogische Angebote stärken und nicht schwächen.»

Für den Stiftungsleiter ist klar: «Wenn das Sparpaket kommt, wie geplant, wird die Volksschule geschwächt und der Druck auf die Sonderschulen erhöht. Dieses Sparen käme uns teuer zu stehen.»

Speich hätte einen alternativen Sparvorschlag, der nicht zulasten der Kinder und Jugendlichen ginge: «Die Abteilung Sonderschulung, Heime und Werkstätten im Bildungsdepartement ist in den letzten zehn Jahren von 9 auf 24 Personen aufgebläht worden, ohne erkennbaren Gewinn. Da läge sicher etwas drin.»

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