Frau Roth, Frau Hunziker, sind Sie sich schon einmal begegnet?

Franziska Roth: Ich glaube nicht, nein.

Lelia Hunziker: Wir haben uns einmal zufällig getroffen. Das vor etwa einem Jahr, als die Aarauer Feuerwehr hier unten eine Übung durchführte.

Roth: Stimmt, im Sommer!

Hunziker: Es regnete furchtbar. Wir standen zusammen unter einem Regenschirm.

Roth: Ah ja? Ich weiss aber noch, dass ich früher gehen musste und gerne länger geblieben wäre.

Frau Roth, wann gingen Sie zuletzt in eine Asylunterkunft und warum?

Roth: Das war vor ein paar Monaten. Jetzt im April haben wir wieder einige Besuche auf dem Programm. Die Termine sind fixiert. Es geht darum, mir vor Ort ein Bild zu machen. Zu sehen, wie die Leute leben, zu hören, wie sie den Alltag bewältigen. Ihre Betreuung ist eine unserer Hauptaufgaben.

Hunziker: Bei mir war es im Dezember. Ich war in Suhr privat auf einen Kaffee eingeladen. Es war ein freundschaftlicher Besuch.

Der Aargau sucht eine Grossunterkunft für Asylsuchende. Wie weit ist man?

Roth: Wir haben zuerst intern gesucht. Ein Algorithmus spuckte alle kantonseigenen Grundstücke aus, die nach unseren Kriterien infrage gekommen wären. Leider war keine überzeugende Parzelle dabei. Wir würden ohnehin lieber ein bestehendes Objekt umnutzen. Das wäre schneller und günstiger. Ein Heim, ein Hotel, eine Halle. Deshalb suchen wir jetzt zusammen mit den Regionalplanungsverbänden. Konkret in der Pipeline ist noch nichts, aber ich bin zuversichtlich. Denn es ist ja nicht nur unser Problem, es betrifft uns alle.

Hunziker: Der Aargau ist ein dezentraler Kanton mit langen Wegen. Das ist ein grosses Problem bei dem knappen Verpflegungsgeld, das Asylsuchende erhalten. Wenn man in Oberrüti bei Sins untergebracht ist und in eine grössere Gemeinde in den Deutschkurs muss, ist das schwierig. In kleinen peripheren Gemeinden gibt es kaum Angebote. Wir sind von einer einzigen Grossunterkunft als optimale Lösung nicht überzeugt. Wir sähen eher mehrere mittelgrosse Unterkünfte, eher zentral gelegen und öV-technisch gut angebunden. Eine Grossunterkunft birgt die Gefahr der Segregation.

Was sagen Sie zu diesem Vorschlag, Frau Roth?

Roth: Für uns ist die Hauptanforderung klar, dass das Objekt schnell umgenutzt und betriebswirtschaftlich betrieben werden können muss. Eine Grossunterkunft soll günstiger sein als viele kleine. Das war die Idee und der Auftrag des Grossen Rates.

Gibt es einen Zeitplan?

Roth: Wir suchen jetzt und hoffen, dass sich bald etwas abzeichnet. Schön wäre, wenn wir bis im nächsten Jahr etwas hätten. Gemäss unserem Zeitplan sollte im Juni 2019 der Standortentscheid durch den Regierungsrat gefällt werden.

Der Widerstand der Gemeinden gegen neue Unterkünfte war jeweils gross. Wie wirken Sie dem entgegen?

Roth: Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit den bestehenden Unterkünften. Es hat sich gezeigt, dass es kein Debakel ist, wenn Asylsuchende kommen. Zum Beispiel im «La Cappella» in Baden, wo der Widerstand sehr gross war, oder in Unterentfelden, wo es mitten im Dorf eine Unterkunft mit 100 Männern gibt. Es läuft problemlos, die Asylsuchenden sind unauffällig. Sie geraten sich vielleicht einmal untereinander in die Haare, aber das kommt auch bei Schweizern vor. Wir schauen bei der Platzierung darauf, dass es gute Zusammensetzungen sind mit wenig Konfliktpotenzial. Anhand solcher Beispiele hoffe ich, der Bevölkerung aufzeigen zu können, dass die Leute zwar hier sind, aber nicht stören.

Hunziker: Die Erfahrung, dass es gut läuft, hat man schon lange. Trotzdem gab es jedes Mal Proteste und Fackelumzüge. Es ist wichtig, dass man diese Ängste nicht weiter schürt. Es freut mich sehr, dass Regierungsrätin Roth das hier so sagt: Die Erfahrungen sind gut, es gibt keinerlei Probleme. Im Gegenteil: Anwohner werden teils fast überschwänglich und berichten begeistert von den tollen Leuten, die da kommen.

Seit Anfang Jahr erhalten Asylsuchende im Aargau 8 statt 9 Franken Verpflegungsgeld pro Tag. Spüren Sie bereits Auswirkungen?

Roth: Das Ziel war, weniger Geld auszugeben. Das ist sicher der Fall. Wie es im Detail aussieht, können wir noch nicht sagen.

Werden dafür mehr Unterstützungsgesuche eingereicht, weil das Taggeld nicht zum Leben reicht?

Roth: Bis jetzt habe ich keine dahingehenden Rückmeldungen erhalten. Ich gehe deshalb davon aus, dass man damit leben kann. Und dann es ist es ja so, dass die, die hier sind, in erster Linie Sicherheit suchen. Sie erhalten ein Dach über dem Kopf, eine medizinische Grundversorgung, müssen keinen Hunger leiden. Der Bund macht vorwärts. Die Verfahren sollen mit der Asylgesetzrevision schneller bearbeitet werden. Und wir decken während dieser Zeit die Grundbedürfnisse der Asylsuchenden ab.

Hunziker: Eine gewisse Zeit können wir alle mit kleinem Budget durchkommen. Aber wenn man als vorläufig Aufgenommener lebt, hat man mit dem gleich tiefen Verpflegungsgeld vielleicht Kinder, die zur Schule gehen und an eine Geburtstagsparty eingeladen werden. Oder es gibt Jugendliche, die eine Lehre machen und auswärts essen müssen. Wenn ihr Leben startet, können sie nicht partizipieren. Dieses Sparen auf dem Buckel der Schwächsten steht dem Aargau nicht gut an. Dieser Franken wird uns teuer zu stehen kommen. Er verhindert die Integration.

Roth: Die Schweiz hat eine humanitäre Tradition. Es ist richtig, dass wir helfen. Aber wenn jemand zu uns kommen will, muss er sich ein wenig einschränken. Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben genauso Schweizer Familien mit Schulkindern, die ein Klassenlager nicht bezahlen können. Natürlich ist das Taggeld klein. Aber der Grund, warum jemand zu uns kommt, sollte Sicherheit sein. Die bieten wir.

Hunziker: Ich habe gestern wieder mit vielen Asylsuchenden geredet und herumgefragt im Hinblick auf dieses Gespräch. Zuerst kam immer: Danke für die Sicherheit, die Gastfreundschaft. Es ist ihnen bewusst, welcher Effort für sie geleistet wird. Danach kommt aber schnell der Wunsch nach Partizipation, Mitsprache, Arbeit.

Integration Aargau fordert die Integration vom ersten Tag an. Warum?

Hunziker: Die Leute hocken gelangweilt in den Unterkünften. Wir sind der Meinung, sie sollten sofort mit Deutschkursen und Beschäftigungsprogrammen beginnen. Die meisten Beratungsanfragen erhalten wir von Asylsuchenden, die arbeiten wollen, Deutsch lernen wollen. Sie haben es schwer.

Können Sie ein Beispiel geben?

Hunziker: Für den Arbeitsmarkt wären Temporär-Büros der erste Einstieg. Aber sie werden nicht einmal in die Kartei aufgenommen, weil die administrativen Hürden bis zu einer Anstellung viel zu hoch sind. Hier muss der Kanton unbedingt handeln. Ich weiss, das ist ein anderes Departement, aber …

Roth: Das wollte ich grad sagen. Für alles bin ich nicht verantwortlich.

Hunziker: Das stimmt. Aber es geht in dasselbe hinein. Man muss den Leuten Hand bieten, damit sie in den Arbeitsprozess hineinkommen. Sonst beginnt sich eine Spirale zu drehen: Sie hängen am Bahnhof herum, dann wird über sie gesagt, sie seien faul. Dabei wollen sie arbeiten, dürfen und können aber oft nicht. Die Hürden für die Arbeitgebenden sind einfach zu hoch.

Eine frühe Integration müsste in Ihrem Interesse liegen, Frau Roth, wenn es längerfristig günstiger käme.

Roth: Sicher, Deutsch lernen hilft allen. Es kommt den Kanton günstiger, wenn nicht bei jedem Arztbesuch ein Dolmetscher mitgehen muss. Und wenn jemand arbeiten will und eine geeignete Tätigkeit findet, ist das gut. Es ist nicht unser Ziel, dass die Leute herumhängen. Für die Bewilligungen ist jedoch das Amt für Migration und Integration zuständig, dieses gehört nicht zu meinem Departement. Man muss aber auch sehen, dass viele Asylsuchende kaum ausgebildet sind und einfache Arbeiten suchen. Es ist fraglich, inwieweit diese verfügbar sind.

2015 mussten in kurzer Zeit Hunderte Betten zur Verfügung gestellt werden, auch unterirdische Plätze wurden eingerichtet. Jetzt scheint es ruhig zu sein. Trügt der Schein?

Roth: Es ist tatsächlich sehr ruhig. Wir haben viel weniger Zuweisungen. 2015 hatten wir zeitweise 117 Prozent Belegung, die Leute schliefen auf dem Gang, es war Notstand. Im Januar und Februar dieses Jahres hatten wir zwischen 50 und 60 Neuzuweisungen, 2017 waren es noch zwischen 50 und 100. Das gibt uns Gelegenheit, unsere Strukturen zu überprüfen und zu optimieren.

Welche Strukturen konkret?

Roth: Wir haben die Geschützten Operationsstellen geschlossen und 500 Plätze eingespart. Zudem haben wir alle Mietverträge überprüft. Wir hatten viele ältere, kleinteilige, sanierungsbedürftige Liegenschaften. Diese waren eher teuer im Betrieb. Hier konnten wir bereinigen. Bis im April werden es nochmals 214 eingesparte Plätze sein. Jetzt suchen wir die Grossunterkunft. Auch bei den unbegleiteten Minderjährigen haben wir deutlich weniger. Dort schauen wir ebenfalls, wie wir die Strukturen anpassen können.

Frau Hunziker, erleben Sie die Asylsituation aktuell auch ruhig und entspannt?

Hunziker: Ich nehme das nicht so wahr. Nur, weil man gerade nicht auf Hochtouren Unterkünfte suchen muss und Gemeinden rote Köpfe bekommen, heisst das nicht, dass es ruhig ist. Jetzt beginnt die Knochenarbeit. Man muss die Leute integrieren. Die Betreuung muss gefördert werden. Es gibt acht Koordinationsstellen für etwa 1500 Freiwillige. Sie geben Deutschunterricht, suchen Lehrstellen, helfen im Alltag, koordinieren Materialsammlungen, hüten Kinder.

Unternimmt der Kanton genug für die Integration?

Hunziker: Diese Freiwilligenarbeit ist extrem richtig und wichtig. Aber der Kanton darf sich nicht heraushalten. Wir wollen, dass die Leute möglichst schnell in unsere Gesellschaft integriert werden, die Kinder zur Schule können, die Erwachsenen arbeiten und irgendwann mitbestimmen, ein Teil unserer Gesellschaft werden können.

Roth: Das sehe ich natürlich ganz anders. Mein Ziel ist nicht, dass diese Leute Teil unserer Gesellschaft werden. Die Idee ist ja, dass sie vorübergehend Schutz suchen und nicht, dass sie für immer bleiben. Wir haben eine komplett andere Kultur und ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere sehr gerne wieder nach Hause geht, wenn es die dortige
politische Situation erlaubt. Aber auf diese Umstände können wir nur beschränkt Einfluss nehmen. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir nicht alles in die Integration investieren müssen. Ich bin der Meinung: So, wie wir es jetzt machen, ist es gut.

Sind Sie froh, dass es diese Freiwilligen gibt und sie Ihnen viel Arbeit abnehmen?

Roth: Absolut. Darauf sind wir auch angewiesen. Das ist ein Beitrag an unsere Gesellschaft, das finde ich gut. Aber für mich ist es ganz klar nicht das Ziel, dass die Leute hierbleiben. Wir wollen ihnen den Aufenthalt ermöglichen. Aber die Rückkehr später soll nicht ausgeschlossen sein.

Hunziker: Klar, viele würden gerne zurück. Niemand fährt freiwillig mit seiner Familie in einem kleinen Boot über das Mittelmeer. Aber wenn ich hier kurz nachfragen darf: Welche Flüchtlinge in den letzten 50 Jahren gingen freiwillig wieder zurück?

Roth: In den 90er-Jahren gingen viele zurück in den Balkan. Viele blieben aber auch hier, obwohl sie hätten zurückkehren müssen. Für mich ist es auf jeden Fall eine vorübergehende Lösung. Hilfe vor Ort wäre sinnvoller. Damit wäre allen gedient. Die Rückkehr soll das Ziel sein, nicht die Integration.

Gibt es abgesehen von der Grossunterkunft Ideen, was man anders machen könnte?

Roth: Unser Ziel ist, die Leute selber mit dem Kantonalen Sozialdienst zu betreuen. Dritte wollen an solchen Aufträgen etwas verdienen. Wenn wir es selber machen, kommt es günstiger und wir sind flexibler.

Hunziker: Das tut mir weh in den Ohren, wenn ich höre, dass Firmen aus der Betreuung ein Business machen wollen. Eine Unterkunft zu führen darf nie zu einem Business verkommen. Am liebsten ist auch uns, wenn der Kanton diese Verantwortung selber wahrnimmt.

Es gäbe auch die Möglichkeit, Asylsuchende privat unterzubringen, wenn Freiwillige dies anbieten. Wäre das eine Möglichkeit, die Plätze weiter zu reduzieren?

Hunziker: Das ist in unseren Augen eine sehr sinnvolle Alternative. Wenn etwa ein junger Asylsuchender eine Lehre macht. In der Unterkunft hat er kein Pult. Seine Zimmergenossen haben einen anderen Rhythmus, bleiben lange auf, stehen später auf. Der Arbeitsweg ist unter Umständen sehr weit. Der junge Mann hat keine geeignete Umgebung, um Hausaufgaben zu
machen. Die Gemeinden müssten unbedingt motiviert werden vom Kanton, die private Unterbringung zu fördern. Denn dort ist der Integrationseffekt am grössten.

Ist das für Sie denkbar, Frau Roth?

Roth: Wir arbeiten sehr gut mit den Gemeinden zusammen. Es wäre sicher eine Möglichkeit, das einmal zu platzieren.

2016 gab es Schlagzeilen wegen Schimmel und Algen in der Unterkunft Holderbank. Hat man das heute im Griff?

Roth: Es gab Unterkünfte, in denen das ein Thema war. Das ist klar gesundheitsgefährdend und auch nicht zumutbar. Wobei es mir wichtig erscheint, dass die Bewohner, die aus Ländern mit einem anderen Klima kommen, sich an das Wohnen hier gewöhnen und ihre Hausaufgaben machen. Dass man regelmässig lüftet zum Beispiel. Alle müssen mithelfen.

Frau Roths Vorgängerin Susanne Hochuli hatte zu Hause selber Flüchtlinge aufgenommen. Könnten Sie sich das auch vorstellen?

Roth: (Lacht.) Ich wohne als Mieterin in einer Wohnung und hätte gar keinen Platz. Aber auch, wenn ich etwas zu vermieten hätte, wüsste ich nicht, ob ich das machen würde. Frau Hochuli hat das ja wohl auch nicht für Gottes Lohn gemacht. Frau Merkel hat meines Wissens ihr Haus auch nicht mit Flüchtlingen gefüllt, und sie hat sie ins Land gelassen.

Hunziker: Wir wohnen relativ moderat, haben so viele Zimmer wie Familienmitglieder. Aktuell ist mein Sohn in einem Austauschjahr in Kolumbien. Das Zimmer war zwischenzeitlich vier Monate frei. Ich habe es einem Asylsuchenden angeboten, aber es hat nicht geklappt. Ich könnte mir das gut vorstellen. Aber wie es Frau Roth sagt: Man muss den Platz haben, und das hat man im Normalfall nicht. Kürzlich kam aber ein junger Afghane bei uns zu Besuch, um für ein Fest einer Freundin Brote zu backen. Ich sah noch nie jemanden so schnell und professionell einen Teig verarbeiten. Ich war ziemlich beeindruckt. Er arbeitete in seiner Heimat in einer Bäckerei, hat jeden Tag 500 Brote gebacken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man solche Fertigkeiten hier in der Schweiz nicht brauchen kann.

Roth: Wir haben heute auch zwei Kuchen hier, die ich gemacht habe, für meine Mitarbeitenden. Ich habe einen Rüebli-Cake gebacken und eine Schokoladentorte, heute Morgen noch den Überzug gemacht. Ich musste etwas Gas geben, der Guss musste ja noch trocknen. Aber es kam alles heil an und sah auch noch gut aus.