Für Daniel Hölzle war es ein Heimspiel in Zofingen: Die Grünen Aargau trafen sich zur Mitgliederversammlung im örtlichen Jugendkulturlokal Oxil. «Ich wohne nur rund 50 Meter entfernt, wir sind hier quasi in meinem erweiterten Wohnzimmer», begrüsste Kantonalpräsident Hölzle die 30 Parteimitglieder gut gelaunt. Abgesehen von Nationalrätin Irène Kälin (Mutterschaftsurlaub) waren die prominentesten Grünen anwesend: der frühere Badener Stadtammann und Nationalrat Geri Müller, der ehemalige Nationalrat Jonas Fricker und Robert Obrist, Fraktionspräsident im Grossen Rat.

Zwei ur-grüne Anliegen

Die Frage, die einen Monat vor den eidgenössischen Abstimmungen im Land diskutiert wird, wurde auch bei den Grünen zur Frage des Abends: Wie soll sich die Schweiz im 21. Jahrhundert ernähren? Was ist heutzutage richtig, was falsch? Was ist nachhaltig, sozial, umweltverträglich? Weil die Positionen in der Grünen Partei zu vielen dieser Fragen klar sind, war die traktandierte Parolenfassung zu den beiden Volksinitiativen für eine nachhaltigere Lebensmittelproduktion für einmal mehr Parole als Fassung.

Da die Fair-Food-Initiative von den Grünen selber lanciert worden war, verzichtete man in Zofingen auf Diskussion und Abstimmung. Anders bei der Initiative für Ernährungssouveränität, die aus der Westschweizer Bauerngewerkschaft Uniterre stammt. «Sie ist radikal-konsequent», erklärte Robert Obrist, der als langjähriger Departementsleiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick genau weiss, wovon er spricht. Die Uniterre-Initiative sei, im Gegensatz zur Fair-Food-Initiative, nicht mit den Freihandelsabkommen kompatibel. «Mit ‹Fair-Food› hätte das Parlament eine Chance, mit ‹Ernährungssouveränität› ein Problem», fasste Obrist zusammen.

Es kam zu einer Diskussion darüber, ob man allenfalls aus taktischen Gründen
eine Nein-Parole gegen «Ernährungssouveränität» herausgeben sollte. Einige Parteimitglieder befürchteten, die Gegner könnten den Grünen bei einem doppelten Ja den Vorwurf machen, den sonst oft die Grünen selber erheben: alles in einen Topf zu werfen. Schliesslich war sich die Mehrheit jedoch einig darin, dass beide Initiativen ur-grüne Anliegen verträten und damit Unterstützung verdient hätten. In der Abstimmung resultierte entsprechend eine deutliche Ja-Parole zur Ernährungssouveränitäts-Initiative.

Ein neues Positionspapier

Mit Spannung erwartet wurde nach der Parolenfassung in der Traktandenliste der vorletzte Punkt 9: «Positionspapier ‹Tierwohl›». Parteipräsident Daniel Hölzle kündigte die Diskussion mit einer Vorahnung an: «Ich bin froh, dass wir gut in der Zeit sind, denn dieses Traktandum wird noch etwas zu reden geben.» Zur Frage der richtigen Ernährung hatte sich in den letzten Monaten eine parteiweite Arbeitsgruppe vertieft Gedanken gemacht.

«Eine Stärke des Papiers ist, dass viele kompetente Köpfe daran mitgearbeitet haben», sagte Tamara Merlini aus Baden, die von Anfang an dabei gewesen war. Und Jonas Fricker lobte: «Es ist ein toughes Positionspapier. Kein Wischiwaschi. Das gefällt mir.» In der Tat: Das dreiseitige Dokument mit dem Titel «Positionspapier der Grünen Aargau zum Tierwohl bei Nutztieren, zum Handlungsbedarf bei der Produktion tierischer Lebensmittel und einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung» hat es in sich.

Position 1 Nutztiere seien in ihrer Würde zu schützen und entsprechend zu halten. Die Grünen sprechen auf die Haltung von Schlachtvieh, Mastgeflügel oder anderen Tieren für die Fleischproduktion an. Deren würdevolle Behandlung sei für die Partei «ein selbstverständlicher Teil unserer allgemeinen, ethischen Einstellung dem Leben gegenüber».

Die Forderung: Nutztierhaltung habe in der Schweiz im Sinne der KAG-Freiland-Richtlinien zu erfolgen. Aus dem Ausland importierte, tierische Lebensmittel müssten diese Bedingungen ebenso erfüllen.

Position 2 Weniger Fleisch, Geflügel und Fisch. Der Mensch esse mehr Fleisch, als aus nachhaltiger, tierfreundlicher Haltung hergestellt werden könne. Waldfläche, die zum Anbau von Tierfutter gerodet werde, verstärke den Klimawandel und Getreide werde «zur Produktion von wenig Exportfleisch anstatt zur Stillung des Hungers von vielen verwendet». Zudem seien die Meere überfischt.

Die Forderung: Der Fleischkonsum in der Schweiz sei pro Jahr im Schnitt um 5 Prozent zu senken, ebenfalls der Import von Futtermitteln. Der Fischkonsum solle sich auf Wildfänge aus der Schweiz und inländische Zucht gemäss Bio-Suisse-Richtlinien beschränken. Der Bund solle ein Fleischwerbeverbot erlassen, analog zum Tabakwerbeverbot, das es in einigen Kantonen bereits gebe.

Position 3 Alternative Fleischgewinnung unterstützen. Um die Ziele des Positionspapiers rascher zu erreichen, schlagen die Grünen vor, einen Teil der Ernährung umzustellen auf sogenannte niedere Organismen. Die Züchtung von Algen, Bakterien, Pilzen und Insekten soll gefördert werden. «Zu ihrer Ernährung sind keine konventionellen Futtermittel notwendig, es können Reststoffe und Nebenprodukte aller Art dafür verwendet werden», heisst es im Argumentarium.

Die Forderung: Zwei Prozent der in der Landwirtschaft eingesetzten Forschungsgelder sollen künftig in die Entwicklung solcher Technologien fliessen.

Sensibilisierung erhofft

In der Mitgliederversammlung in Zofingen waren einige Formulierungen im Papier umstritten. Etwa die Forderung nach einem Vegi-Tag pro Woche in sämtlichen öffentlichen Verpflegungseinrichtungen. Es wurde befürchtet, dies könnte «für die Medien ein gefundenes Fressen sein», das Papier könnte darauf reduziert werden. Um zu vermeiden, dass es «als Verhinderungspolitik aufgefasst würde, obwohl es konstruktiv gemeint ist», wurde der Satz per Antrag gestrichen.

Grundsätzlich waren sich die Grünen jedoch schnell einig, dass man die Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe unterstützen möchte. Bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung wurde das Positionspapier verabschiedet. «Wenn nun darüber diskutiert wird, freut uns das», sagte Präsident Hölzle im Anschluss an die Versammlung gegenüber der AZ. Ziel sei nicht die Provokation, sondern die Sensibilisierung. Tamara Merlini von der Arbeitsgruppe erhofft sich einen «Bewusstseinskick»: «Dass man sich im Alltag mehr hinterfragt und effektiv weniger Fleisch konsumiert.»