Es ist fünf Uhr morgens und dunkel. Nur die Vögel spüren den nahenden Tag. Hier singt zaghaft eine Amsel, dort schlägt eine Meise. Es ist Ostersonntag, der bedeutendste Tag im katholischen Kirchenjahr, und vor der Kirchenpforte des Klosters Fahr lodert ein helles Feuer. Die Ordensschwestern überreichen den Menschen, die gekommen sind, um gemeinsam die Osterliturgie zu feiern, eine weisse Kerze. Sie werden diese in die dunkle Kirche tragen und so symbolisch Licht ins Leben nach dem Dunkel der Kreuzigung Christi und des Todes bringen.

Doch bevor der festliche Gottesdienst beginnt, hat Priorin Irene Gassmann ein ungewöhnliches Anliegen. In den Händen hält sie einen roten Beutel, gefüllt mit kleinen, handgeschriebenen Zetteln. Es sind Wünsche von Gläubigen für eine Kirche, in der auch die Frauen mitwirken, mitgestalten und mitentscheiden können.

Im Mai vergangenen Jahres pilgerte eine Schar Frauen, begleitet von einigen Männern, von St. Gallen nach Rom. Sie wollten Papst Franziskus ihr Anliegen und die Fürbitten der Gläubigen persönlich übergeben. «Dieser rote Beutel hat einen langen Weg hinter sich», sagt Priorin Irene. Über 1200 Kilometer, und während dreier Monate wurde er jeden Tag von einer anderen Pilgerin, einem anderen Pilger bis nach Rom in den Petersdom getragen. Und weil die Bitten anschliessend nicht einfach von einem Kirchendiener zusammengefegt und entsorgt werden sollten, nahm die Priorin des Klosters Fahr sie in ihre Obhut. «Sie haben beim heiligen Joseph in der Klausur überwintert, und heute wollen wir sie dem Osterfeuer übergeben».

An Ostern entsteht Neues

Priorin Irene ist überzeugt, dass dies nicht einfach Hokuspokus ist. «Es ist vielmehr unser Glaube, dass an Ostern Neues geschehen kann. In diesem Feuer, in diesem Licht ist Christus gegenwärtig.» Reihum greifen die Gläubigen sich eine Handvoll der Fürbitten und übergeben sie dem Osterfeuer. Priorin Irene erinnert sich gerne an die Pilgerreise, welche sie von Assisi bis Rom mitgemacht hat. Obwohl sie unter schmerzhaften Blasen an den Füssen litt, spürte sie die Stärke in der Gemeinschaft. «Es war eine Herausforderung für mich, ohne Rückzugsmöglichkeit rund um die Uhr Teil einer Gruppe zu sein.

Aber gerade dadurch habe ich erfahren, dass es für mich auch Kirche ist, zusammen auf dem Weg zu sein, Freud und Leid zu teilen, einander zu helfen, miteinander zu lachen, miteinander zu beten, zu feiern und die Kraft zu spüren, die daraus entsteht.» Leicht habe sie es sich nicht gemacht, als sie angefragt wurde, am Projekt «Für eine Kirche mit den Frauen» teilzunehmen. Worauf lasse ich mich ein, in welcher Richtung entwickelt sich ein solches Projekt, das an den Grundfesten der katholischen Hierarchie rüttelt, hat sie sich gefragt. Im Gebet habe sie aber gespürt, dass sie als Ordensfrau und Priorin im Alltag ständig mit der Frage der weiblichen Mitbestimmung in der katholischen Kirche konfrontiert werde. «Ich trage als Priorin eine grosse Verantwortung, für meine Ordensfrauen und für unseren Wirtschaftsbetrieb. Bei kirchenrechtlichen Fragen aber habe ich Anweisungen auszuführen, ohne dass ich mitreden kann.»

Die Ordensfrau sieht jedoch auch Zeichen, dass etwas Neues entsteht. «Es geht nicht darum, einen Zeithorizont zu haben, sondern einfach darum, diese Zeichen wahrzunehmen. Vielleicht passiert unerwartet etwas, was wir heute noch nicht sehen können.» Es hat sie gefreut und bestätigt, dass von den 20 Fahrer Ordensfrauen 17 mit ihr an den Startgottesdienst nach St. Gallen gereist sind.

Auch Hildegard Aepli, Pastoralassistentin in der Dompfarrei von St. Gallen und Hauptverantwortliche des Projekts «Für eine Kirche mit den Frauen», weiss, dass die Stellung der Frau in der katholischen Kirche ein heikles Thema ist. Sie vergleicht die heutige Situation mit der Zeit, als man noch glaubte, die Erde sei eine Scheibe. «Es geht um eine epochale Wende.» In ihrer Ansprache im Rahmen der Osterliturgie in der Klosterkirche Fahr schlägt sie denn auch einen Bogen zum Projekt. Auferstehung sei gleichbedeutend mit Aufstehen. «In den Osterberichten sind es immer die Frauen, die sich als Erste auf die Beine machen, um von der Auferstehung Christi zu berichten», sagt sie. Sie wünscht sich einen gemeinsamen Dialog und ein Nachdenken darüber, was die Kirche braucht, um in Zukunft lebensfähig zu bleiben.

Ein Gedenktag für die Pilgerreise

Papst Franziskus habe von der Pilgerreise und den Fürbitten der Gläubigen erst Monate später erfahren, erzählt Hildegard Aepli. Aber er habe auch gesagt, dass er den Brief, den ihm die Frauen überreichen liessen, lesen werde. Für Priorin Irene und Hildegard Aepli geht das Projekt weiter. Künftig findet in St. Gallen, wo die Pilgerreise ihren Anfang nahm, jedes Jahr am 2. Mai, dem Gedenktag der heiligen Wiborada, ein Pilgertag statt. Im Entstehen ist auch ein Buch über das Projekt, und Ende August feiert ein Film über die Pilgerreise in Zürich Premiere. Im Kloster Fahr findet künftig immer Ende Oktober ein gemeinsames Singen für eine geschwisterliche Kirche statt – für alle, die das Anliegen mittragen wollen.

Die Klosterkirche ist hell. Die Dämmerung hat das Kerzenlicht abgelöst. Gesang, Orgelmusik und das Läuten der Kirchenglocken, die seit Gründonnerstag schweigen mussten, stimmen ein auf das Osterfest.

Bereits vor 40 Jahren formulierte es die verstorbene Fahrer Ordensschwester und Schriftstellerin Silja Walter so: «Es ist Zeit, Männer, auf die Frauen zu hören.» Die folgenden Wünsche stehen stellvertretend für die Fürbitten, welche die Pilgergruppe vom 2. Mai bis 2. Juli 2016 von St. Gallen nach Rom getragen hat.

  • Ich wünsche mir eine Kirche, wo Männer und Frauen sich auf Augenhöhe begegnen können.
  • Haltet durch!
  • Für eine Kirche, deren Arme so weit sind wie ihr Herz.
  • Tragt meine Sorge mit für Frauen und Männer, die keine Zeit und keine Kraft mehr haben, Verantwortung zu übernehmen fürs Ganze.
  • Echter Einbezug der Laien.
  • Dass ihr auf dem Weg immer wieder offene Ohren und Herzen antrefft.
  • Ich spüre die Resignation. Euer Einsatz gibt Mut und Hoffnung.