«Gestern Mittag brach auf dem Dach eines Einfamilienhauses in Zufikon ein Brand aus. Die Feuerwehr konnte diesen bald löschen, dennoch entstand beträchtlicher Sachschaden.» So beginnt eine Meldung der Aargauer Kantonspolizei vom 10. März 2013.

Es ist eine Meldung, wie es sie zu Hunderten gibt. Aber für Martin (Name geändert), eidg. dipl. Elektroinstallateur, war sie eine Hiobsbotschaft. Denn just an jenem Dach hatte er ein paar Monate zuvor gearbeitet. Ein Dachdecker installierte im Herbst 2012 im Auftrag der Hauseigentümer eine Photovoltaikanlage, um mit Sonnenlicht Strom zu gewinnen. Martin hatte daraufhin die Anlage als Elektrokontrolleur abgenommen und in Betrieb gesetzt.

Nach dem Brand wurde das Dach untersucht – schnell war klar, dass er im Bereich der Photovoltaikanlage ausgebrochen war. Ursache war gemäss eines Gutachtens ein defektes Bauteil, das schon fehlerhaft ab Werk geliefert und so eingebaut wurde.

Die Bilanz: keine Verletzte, aber 64 000 Franken Sachschaden am frisch sanierten Dach. Die Versicherung zahlte dem Hauseigentümer-Ehepaar, will aber nun bei Kontrolleur Martin Regress nehmen. Sie hat ihn wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst und Übertretung des Elektrizitätsgesetzes angezeigt.

Zwei unterschiedliche Ströme gemessen

Der Vorwurf: Martin habe bei der Kontrolle der zwei installierten Modulreihen mit einem Messgerät zwei unterschiedliche Ströme gemessen – aufgrund der «erheblichen Diskrepanz» hätte er die Anlage nicht in Betrieb nehmen dürfen, sondern vom Netz nehmen müssen.

Deshalb steht Martin an diesem Junitag in Bremgarten vor Bezirksgericht. Die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Geldstrafe über 4200 Franken sowie eine Busse über 2000 Franken. Der 35-Jährige erscheint mit seinem Verteidiger, Versicherung und Staatsanwaltschaft nehmen nicht teil.

Martin erklärt Gerichtspräsident Peter Thurnherr, anno 2012 sei es absolut üblich gewesen, dass ein Dachdecker für die Montage und ein Elektroinstallateur für die Abnahme zuständig waren: «Der Markt war nicht so gross wie heute, es gab nur wenige Spezialunternehmen, die alles anbieten konnten.» Schnell wird klar: Der Knackpunkt in der Geschichte sind Martins Messungen.

Auf dem Dach wurden zwei sogenannte Strings, mehrere hintereinander geschaltete Solarmodule, installiert. Martin mass bei beiden Strings die Kurzschlussströme. Das Resultat: String A zeigte 0,02 Ampère an, String B aber 0,61 Ampère. Das Problem: Die 0,02 Ampère sind ein derart kleiner Wert, dass Martin glaubte, bei String A müsse ein Fehler vorliegen, etwa ein Unterbruch, der dafür sorgt, das null Strom fliesst. «Ich musste annehmen, dass es sich bei den dennoch angezeigten 0,02 Ampère um einen Messgerätfehler handelte», erklärt Martin dem Gerichtspräsidenten.

2013 habe noch kaum jemand Erfahrungen mit solchen Messungen auf Gleichstromseite gehabt, das Messgerät sei auch für ihn völlig neu gewesen, nur wenige Wochen vor dem Einsatz in Zufikon habe er es auf einer Messe in Deutschlang bestellt. Eine zweite Messung ein paar Tage später zeigte bei String A prompt 0,0 Ampère an. Martin wies deshalb den Dachdecker an, diesen Teil der Anlage zu überprüfen. Doch dann kam der Winter und mit ihm der Schnee. Der Monteur konnte nicht mehr aufs Dach, musste warten bis zum Frühling. Als dieser kam und die Sonne erstmals richtig auf die neue Anlage schien, brach bereits der Brand aus.

«Fakten unzulässig interpretiert»

Ein Experte des Fachverbands Electrosuisse sah sich nach der Anzeige der Versicherung den Fall genau an. Er erstellte ein Gutachten. Bei Martin und seinem Verteidiger kam der Untersuchungsbericht gar nicht gut an. Der Gutachter hatte sich schon mit dem Brand in Zufikon befasst, bevor er einen Auftrag der Staatsanwaltschaft gehabt hatte – somit sei er vorbelastet.

Fakten würden zudem «in unzulässiger Weise extensiv interpretiert». Der Verteidiger resümierte: Hauptursache sei ein unvorhersehbarer technischer Defekt gewesen, den man seinem Mandanten nicht zur Last legen könne.

Für die Urteilsberatung benötigt Gerichtspräsident Peter Thurnherr nur eine Viertelstunde. Sein Entscheid: Martin wird von Schuld und Strafe freigesprochen. Die erste Messung von 0,02 Ampère und die zweite von 0 Ampère insgesamt als Nullstrom zu deuten, sei «eine zulässige Interpretation» gewesen. Zudem sei die Messmethode damals in der Tat noch nicht üblich oder vorgeschrieben gewesen. «Ich habe den Eindruck, hier wurde ein wenig das Pferd am Schwanz aufgezäumt», sagte Thurnherr.

Die Versicherung erhält somit kein Geld zurück – sie kann aber, wenn sie denn will, mit ihrer Forderung ans Zivilgericht gelangen.