Manifest
So will der VCS die Verkehrsprobleme im Aargau lösen

Eine Wende in der Aargauer Verkehrspolitik fordert der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS). «Mehr Lebensqualität – weniger Autoverkehr» lautet der Titel des Manifests. Es sieht unter anderem einen Stopp des Strassenausbaus vor.

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Vortritt für Bus und Fussgänger: VCS-Geschäftsführer Micha Siegrist in Aarau.

Vortritt für Bus und Fussgänger: VCS-Geschäftsführer Micha Siegrist in Aarau.

Sandra Ardizzone

Der Aargau steckt mit seiner Verkehrspolitik in einer Sackgasse fest. Das findet zumindest Micha Siegrist, Geschäftsführer des Aargauer VCS. Eine Wende muss her, das steht für ihn und den Vorstand des Verkehrs-Clubs fest. Der momentane Zustand des Verkehrssystems sei nicht zukunftsfähig, der Platz- und Energieverbrauch viel zu gross.

Wie der geforderte «Paradigmenwechsel» aussehen könnte, steht im soeben veröffentlichten Manifest «Mehr Lebensqualität – weniger Autoverkehr». In der Broschüre legt der VCS – losgelöst von konkreten Strassenprojekten – seine Ideen für die Verkehrspolitik der Zukunft dar. «Eine Gesamt-Vision», nennt das Siegrist.

Die Hauptforderung: Ein Umdenken müsse stattfinden – weg vom Ausbau der Strassen als Reaktion auf das wachsende Verkehrsaufkommen. Denn mehr Strassen führten wiederum zu mehr Verkehr, sagt Siegrist. «Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen.» Denn das Wachstum sei nicht gottgegeben, sondern lasse sich beeinflussen. «Wir wollen aufzeigen, dass der Ausbau der Strassen nicht alternativlos ist.» Dazu schlägt der VCS verschiedene Massnahmen vor:

  • Strassenbau-Stopp: Das Strassennetz soll nur unterhalten, aber nicht ausgebaut werden. Infrastruktur, die zur Verfügung stehe, werde auch genutzt, weshalb ein Ausbau zu noch mehr Verkehr führen würde. Das Stauproblem lasse sich ohne neue Strassen besser lösen, sagt Siegrist. «Ein Ausbau verschlimmert die Situation nur noch mehr.» Aus Sicht des VCS kann und muss Stau nicht völlig verhindert werden. «Es darf nicht der Anspruch sein, jederzeit mit Höchstgeschwindigkeit durch den Kanton fahren zu können», findet Micha Siegrist. Er habe zudem den Eindruck, das Problem werde systematisch hochgespielt. Oftmals werde bereits bei stockendem Verkehr von Stau gesprochen.
  • Weniger Verkehr, weniger Stau: Untätig bleiben will der VCS in Bezug auf die sich stauenden Autokolonnen dennoch nicht. Die Lösung erhofft sich der Umweltverband von einer Verringerung des Verkehrsvolumens. Die Bevölkerung soll dazu gebracht werden, sich mit öV, Velo oder zu Fuss fortzubewegen. Ein möglicher Anreiz: das Portemonnaie.
  • Teureres Benzin: «Kostenwahrheit» fordert der VCS im Manifest. Zu diesem Zweck sollen die externen Kosten künftig über den Treibstoffpreis abgerechnet werden. Dazu zählen etwa Kosten, die durch Lärm, Unfälle sowie Schäden an Liegenschaften, Klima und Natur entstehen. Das Autofahren würde sich dadurch deutlich verteuern. Der VCS erhofft sich, auf diese Weise das Verkehrsaufkommen einzudämmen. «Aber natürlich ist uns bewusst, dass eine Benzinpreiserhöhung politisch sehr umstritten ist», sagt Siegrist.
  • Lenkungsabgabe: Deshalb sieht das Manifest einen weiteren finanziellen Anreiz vor: eine Lenkungsabgabe auf Treibstoff. «Kostengerechtigkeit ist nötig. Wer mehr Auto fährt, soll mehr zahlen», sagt Siegrist. Das Geld würde anders als bei einer Steuer direkt wieder an die Bevölkerung zurückfliessen. Als Vorbild könnte gemäss VCS das Modell der Lösungsmittel dienen, bei denen die erhobenen Abgaben via Krankenkassenbeiträge zurückerstattet werden.
  • Tempo 30: Der VCS will bei den 30er-Zonen ein Tabu brechen. Künftig soll dieses Modell auch auf Kantonsstrassen in Ortszentren eingeführt werden. Bislang ist Tempo 30 in diesem Bereich die absolute Ausnahme. Der Umweltverband erhofft sich weniger Lärm, mehr Sicherheit und Kapazität sowie einen besseren Verkehrsfluss.
  • Bessere Auslastung: Auf dem Weg zur Arbeit sitzt bei über 90 Prozent der Fahrten nur eine Person im Auto. Das will der VCS ändern, um so den Verkehr zu reduzieren. Vorstellbar wären für Micha Siegrist beispielsweise schnellere Spuren, die nur von Fahrzeugen mit mehreren Insassen genutzt werden dürften.
  • öV bevorzugen: Das Manifest will zudem Anreize für das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel setzen. Die Forderung: Eine konsequente Bevorzugung von Bussen, damit diese nicht im Stau stecken bleiben. Zudem dürfe der öV nicht teurer werden, solange der Privatverkehr seine externen Kosten nicht trage.

Die Mehrheit der geforderten Massnahmen treffen die Autofahrer – und das ausgerechnet im «Autokanton» Aargau. Ein bewusster Entscheid, wie Micha Siegrist sagt. Der Grund: Bei keinem anderen Verkehrsmittel seien Umweltverschmutzung, Platzverbrauch und Unfallzahlen höher.

Politisch dürften die Forderungen des VCS einen schweren Stand haben. «Die Positionen werden von vielen als extrem wahrgenommen», sagt Siegrist. Doch extrem sei die herrschende Verkehrspolitik im Aargau, die nur ein Mittel kenne: den Strassenausbau. «Die Verkehrswende ist weder gratis noch kampflos zu haben – es braucht Mut zur Veränderung.»

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