Debatte um Thomas N.
So werden Aargauer Gefangene vom Selbstmord abgehalten

Beim Vierfachmörder von Rupperswil liess sich der Kanton eine teure Rundum-Überwachung über 150'000 Franken kosten, um einen Selbstmord zu verhindern. Gefangene können auch mit speziell eingerichteten Zellen und reissfesten Kleidern vom Suizid abgehalten werden.

Manuel Bühlmann
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Isolationszelle im Zentralgefängnis Lenzburg
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Isolationszelle
Isolationszelle

Isolationszelle im Zentralgefängnis Lenzburg

Emanuel Freudiger

Der mutmassliche Vierfachmörder von Rupperswil wurde während mehrerer Monate rund um die Uhr von zwei Personen überwacht. Kostenpunkt: 52'000 Franken pro Monat. In der Untersuchungshaft könnte er sich das Leben nehmen, befürchteten die Behörden. Nicht nur die Überwachung soll verhindern, dass sich Inhaftierte umbringen, auch die Zelleneinrichtung ist darauf ausgerichtet, das Risiko eines Selbstmords zu minimieren.

Im Zentralgefängnis der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, wo Thomas N. auf seinen Prozess wartet, seien alle Zellen, soweit möglich, mit Antisuizidmassnahmen versehen, teilt das Justizdepartement auf Anfrage mit. Konkret bedeutet das: Die Möbel sind möglichst tief gehalten, die Kanten abgeschrägt, um zu verhindern, dass beispielsweise Leintücher aufgehängt werden können. Ausserdem sind die Kabel von Elektrogeräten stark gekürzt.

Dazu kommt das Essgeschirr und -besteck aus Kunststoff. «Das Zelleninventar ist auf ein
Minimum reduziert», heisst es beim kantonalen Justizdepartement. Doch gibt es eine suizidsichere Zelle, welche die aufwendige und teure Überwachung überflüssig machen würde? Die Antwort aus dem Aargauer Justizdepartement fällt deutlich aus: «Es ist nicht möglich, die Zellen so einzurichten, dass ein Suizid vollständig ausgeschlossen werden kann. Wand oder Fussboden können bereits ausreichen (Schädel- oder Genickbruch).»

Kleidung kann gefährlich sein

Nein, heisst es auch beim Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich: «Wir wollen hier keine Anleitung geben, aber die kleinsten Hilfsmittel oder auch Nahrungsverweigerung können genügen, um sich zu suizidieren», sagt Sprecherin Rebecca de Silva. Gefährlich werden kann nicht nur die Zelleneinrichtung, sondern auch die Kleidung, wie jüngst der Fall eines Syrers zeigte, der wegen Terrorverdachts in einem Leipziger Gefängnis sass und sich mit seinem T-Shirt erhängte.

Im Kanton Aargau wird den Häftlingen bei möglicher Suizidgefahr spezielle Kleidung abgegeben. Dabei handelt es sich um ein einteiliges Kleidungsstück, das aus einem Mischgewebe hergestellt wird, nicht zerrissen werden kann und schwer brennbar ist. Ähnliches ist auch im Nachbarkanton Zürich vorgesehen. Rebecca de Silva: «Für Fälle von akuter Suizidalität planen wir derzeit gerade die Abgabe von reissfesten Kleidern, die aus einem speziellen Material sind.»

Monets Seerosen an der Wand

Doch für alle angefragten Experten ist klar: Allein mit diesen Massnahmen können akut suizidgefährdete Häftlinge nicht von ihrem Vorhaben abgehalten werden. «Ohne Überwachung geht es nicht», sagt Thomas Maier, Chefarzt Akutpsychiatrie, Sucht- und Psychotherapie bei den St. Gallischen Kantonalen Psychiatrischen Diensten.

Die spezielle Einrichtung der Zellen könne nur ein Hilfsmittel sein, um Suizide aus einer akuten Notlage heraus zu verunmöglichen, längerfristig liessen sich dadurch keine Selbstmorde verhindern. «Ein minimales Risiko besteht immer.» Dazu kommt: «Eine absolut sichere Zelle führt zu einer unmenschlichen Atmosphäre.» Auch deshalb sieht Thomas Maier Verbesserungspotenzial bei den Zellen. Diese seien zum Teil alt, unansehnlich, ohne Tageslicht – kurz: «eine sehr deprimierende Umgebung».

Genau dies will der Oldenburger Architektur-Professor Klaus Rademacher in deutschen Gefängnissen ändern. Sein Vorschlag eines Suizidpräventionsraums, der kürzlich in Bremen umgesetzt worden ist: Die Räume für gefährdete Insassen freundlicher gestalten. Die besonders gesicherten Zellen seien kahl, mit weissen Wänden und mit kaum Möbeln. Das wirke alles andere als suizidpräventiv.

Stattdessen sieht Klaus Rademachers Entwurf unter anderem bruchsichere Scheiben statt Fenstergitter, Vorhänge mit Halterungen, die bei Belastung aus der Decke brechen, Fernseher hinter einer schlagsicheren Scheibe sowie Kunst an der Wand (sein Vorschlag: Monets Seerosen) vor.

Letzteres soll zur Ablenkung der Insassen dienen. Wer tagelang auf eine weisse Wand starren müsse, komme gar nicht mehr aus negativen kreisenden Gedanken heraus, sagt Klaus Rademacher, der bereits Justizvollzugsanstalten in Deutschland, Moldawien, Thailand und Montenegro geplant hat.

Die suizidsichere Zelle – gibt es sie also doch? Jein, findet Architekt Rademacher. Man könne die Möglichkeiten für einen Suizid zwar einschränken, diesen aber nicht völlig verhindern. «Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.»