Die Aargauer Jagdstatistik für das Jahr 2018 zeigt einen enormen Anstieg der Wildschäden auf ein bisher nie gekanntes Niveau. Vor dem Jahr 2000 pendelten diese vor allem von Wildschweinen verursachten Schäden um 200'000 bis 250'000 Franken. Jetzt wurden allein aus dem Bezirk Brugg, einem eigentlichen Hotspot, Schäden von 220'000 Franken gemeldet. Gesamthaft kam die Schadensumme im Aargau auf gut 850'000 Franken zu stehen, wovon 600'000 Franken Wiesland betreffen, und der Rest vor allem Getreideschäden. Mit 800'000 Franken war die Schadensumme 2013 das letzte Mal ähnlich hoch.

Wie ist das zu erklären? Wurden zuwenig Wildschweine geschossen? Immerhin sind es mit 1045 (vgl. Tabelle) fast 500 Tiere weniger als im Vorjahr. Reto Fischer, Fachspezialist in der Abteilung Wald beim Kanton, winkt ab. Ein Vergleich mit früheren Jahren zeige, dass die Zahl der Abschüsse immer etwa in dieser Grössenordnung schwankt. In Jahren, wo das Nahrungsangebot im Wald relativ gut ist, gehen sie weniger in die Felder der Bauern und sind schwerer ausfindig zu machen. Das ist besonders in Jahren mit vielen Bucheckern und Eicheln so.

Die meisten Wildschäden entstanden im Winterhalbjahr. In kalten Wintern sind die Schäden jeweils geringer, weil landwirtschaftliche Böden stärker gefroren sind als der Waldboden, wo Wildschweine dann eher noch etwas finden. Der letzte Winter war aber temperaturmässig relativ mild. Ein Problem für den Aargau ist, dass sich die Tiere «nur» nördlich der Autobahn ausbreiten können. Diese ist für sie eine schwer überwindbare Hürde. Dementsprechend «stauen» sie sich im Aargau.

Beim Kanton schaut man jeweils sehr genau hin, wo die Schäden entstehen. Ziel ist, dass pro geschossenes Wildschwein nicht mehr als 250 Franken Schaden registriert werden müssen. Derzeit liegt der Wert bei rund 800 Franken, ist also viel zu hoch. Muss der Kanton jetzt den Jagddruck erhöhen? Fischer: «Der Massnahmenplan Schwarzwild ist durch die kantonale Jagdkommission abgesegnet und wird bereits seit einigen Jahren umgesetzt. Auf die neue Pachtperiode ab diesem Jahr wurde er geringfügig angepasst, zum Beispiel um die Möglichkeit, Nachtzielhilfen in allen Schwarzwildrevieren einzusetzen.»

Bauern fordern: Mehr jagen

«Wir wussten schon, dass es viel mehr Schäden gab», kommentiert Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, die neusten Zahlen – und seufzt.

Wenn Wildschweine eine Maiskultur heimsuchen, sei das schlimm, aber wenigstens nicht mit Aufwand betreffend Wiederinstandstellung verbunden: «Wenn sie hingegen eine Wiese verwüsten, ist deren Wiederherstellung eine Plackerei. Wartet man damit zu lange, wächst sofort Unkraut, und es wird noch mühsamer. Noch frustrierender ist es für die Bauern, wenn sie frisch angesät haben, und in der nächsten Nacht wird die Wiese wieder verwüstet. Da ist die Versuchung gross, es einfach zu lassen, wie es ist.» Auch würden dadurch längst nicht alle Schäden angemeldet.

Bucher fordert, den Jagddruck dort zu erhöhen, wo gemessen an den Schäden zu wenig Wildschweine geschossen worden sind. «Im Wissen», so Bucher, «dass diese Jagd sehr schwierig ist und diesmal viele Reviere betroffen sind, ist der sehr gute Massnahmenplan Schwarzwild rigoros durchzusetzen.»

Jäger: Millioneninvestition

Rainer Klöti, Präsident von Jagd Aargau, sieht und versteht die Sorgen der Bauern. Die Aussage von Reto Fischer zum Zyklus der Wildschweinbejagung stimme aber schon. Die Jäger investierten sehr viel Zeit und Geld in die Pflege ihres Reviers und in die Jagd. 2019 gäben sie für Nachtsichtgeräte gar rund eine Million Franken aus: «Die müssen ihre Wirkung aber erst noch entfalten.» Klöti erwartet nicht, dass deswegen deutlich mehr Tiere geschossen werden können, aber: «Bei schlechten Sichtverhältnissen trifft man besser, so gibt es weniger nur verletzte Tiere.»

Mutterkuhhaltung lockt an

Das Nahrungsangebot im Wald sei mit vielen Bucheckern und Eicheln gut gewesen, daran könne es nicht gelegen haben, dass es so viele Schäden gab, sagt Klöti. Er nennt einen anderen Grund: «Die vermehrte Mutterkuhhaltung der Bauern auf den Wiesen. Deren biologische Hinterlassenschaften ziehen Wildschweine an. Denn darunter sammeln sich allerlei Engerlinge und Würmer. Die sind für Wildschweine willkommene Proteinlieferanten.»

Luchs: Kaum Einfluss auf Rehe

Die mit Abstand höchsten Abschusszahlen betrafen aber wie schon in den Jahren davor die Rehe. Die Zahlen sind für Reto Fischer ein klarer Hinweis, «dass dieser Bestand sehr stabil und ungefährdet ist». Abschüsse erfolgen hier auch, um Verbissschäden im Wald in Grenzen zu halten. Die Zahlen zeigen Fischer, «dass der Luchs im Aargauer Jura den Rehbeständen nichts anhaben kann. Sein Einfluss ist verschwindend klein». Wie viele Luchse leben hier? Weil diese sehr heimlich sind, sind Schätzungen schwierig. Laut Fischer schwankt der Bestand zwischen null und fünf Tieren.

Für viele Menschen überraschend sein dürfte, dass im Aargau vitale Gämskolonien leben. Grössere Bestände gibt es auf dem Achenberg (Bad Zurzach) und auf dem Villiger Geissberg. Der Bestand ist über die Jahre etwa gleichbleibend. Die Rudel sind heute kleiner, dafür leben sie über grössere Flächen verteilt.