Jugendgewalt
So sucht der Aargau jugendliche Gewalttäter

Im Jugendstrafrecht geht es nicht um Strafen, sondern darum, mit geeigneten Massnahmen zu verhindern, dass Jugendliche nicht rückfällig werden. Jugendanwalt Hans Melliger setzt dabei auf ein neues Verfahren, die Gefährdung einzuschätzen.

Fabian Hägler
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Jugendanwalt Hans Melliger versucht, jugendliche Intensivstraftäter möglichst früh zu identifizieren.Emanuel Freudiger/KEYSTONE

Jugendanwalt Hans Melliger versucht, jugendliche Intensivstraftäter möglichst früh zu identifizieren.Emanuel Freudiger/KEYSTONE

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Mit dem Fall «Carlos» ist der Umgang mit jugendlichen Gewalttätern in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Hans Melliger, Jugendanwalt im Aargau, befasst sich schon viel länger mit Jugendkriminalität.

«Dabei muss man den Menschen immer wieder in Erinnerung rufen, dass es im Jugendstrafrecht nicht um die Strafe geht, sondern darum, mit geeigneten Massnahmen zu verhindern, dass der jugendliche Täter rückfällig wird», sagt Melliger.

Nur rund vier Prozent der Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren, die bei Melliger gemeldet werden, sind sogenannte Intensivtäter.

«Diese begehen aber zwischen 40 und 60 Prozent aller Delikte in ihrer Altersklasse», gibt der Jugendanwalt zu bedenken. Wenn es gelinge, einen solchen Intensivtäter zu identifizieren und auf die richtige Bahn zurückzubringen, sei sehr viel erreicht.

Studie: Aargau will Resultate nicht herausgeben

Kriminologe Martin Killias hat letzte Woche am Netzwerktreffen Gewaltprävention in Aarau die Resultate einer neuen Studie zur Jugendkriminalität vorgestellt. Zum dritten Mal nach 1992 und 2006 fragten die Forscher um Killias im letzten Jahr Jugendliche, welche Delikte sie schon begangen hätten und
von welchen sie Opfer geworden seien. 2857 Schüler aus 160 Klassen wurden dafür befragt. Dies lässt gemäss Killias repräsentative Aussagen über längerfristige Kriminalitätstrends zu.
Diese sehen wie folgt aus: Ladendiebstähle und Schlägereien mit mehreren Beteiligten und Verletzten gehen zurück, Drogenverkauf, Velodiebstahl, Einbrüche und Körperverletzung nehmen hingegen zu.
Auch im Kanton Aargau wurden Schüler befragt, das kantonale Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) beauftragte Martin Killias sogar mit
einer Vertiefungsstudie. Diese liegt dem BKS laut Sprecherin Irène Richner aber noch nicht vor. «Wir haben von Herrn Killias lediglich Zahlen erhalten, aber noch keinerlei Interpretationen», sagt Richner. «Die nackten Zahlen möchte das BKS erst selbst einordnen, bevor wir sie öffentlich verteilen», erklärt sie.
Killias sagt auf Anfrage zur Situation im Kanton, die Jugendlichen im Aargau seien «nicht besonders auffällig». (fh)

Anzeigen allein sagen wenig aus

«Es geht darum, die Richtigen zu erwischen und bei ihnen das Richtige zu tun», fasst Melliger zusammen. Allein aufgrund der Anzeigen, die bei ihm eingehen, sei nur selten zu erkennen, ob es sich um einen Intensivtäter handle. «Auch diese vier Prozent begehen ähnliche Delikte wie die anderen Jugendlichen», erklärt der Anwalt. Deshalb setzt die Aargauer
Jugendanwaltschaft neben herkömmlichen Mitteln wie Schulberichten, Gutachten oder Vorladungen zu Gesprächen seit 2012 auf die sogenannte Gefährdungsdiagnostik.

«Diese ersetzt keinen Sozialarbeiter, keine Verhandlung und schon gar kein Gutachten», hält Melliger fest, «aber sie ist ein zusätzliches Mittel bei der Wahl der richtigen Intervention für einen Jugendlichen.»

In Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum für Rehabilitations- und Gesundheitspsychologie der Universität Fribourg wurde ein Modell mit verschiedenen Risikofaktoren entwickelt, die Jugendliche zu Straftätern machen können.

Fragebogen zu Risikofaktoren

Daraus wurde ein Fragebogen entwickelt, den Jugendliche am Computer ausfüllen müssen, die wegen Gewaltdelikten oder wiederholten Cannabis-Konsums bei Melliger gemeldet werden.

Abgefragt werden Informationen zur Beziehungskonstellation (Familie, Freunde, Schule, Arbeitsplatz), zu psychischen Problemen oder traumatischen Erlebnissen, zu bisherigen Straftaten oder aggressivem Verhalten sowie zum Konsum von Alkohol und Drogen.

Aus den Antworten der Jugendlichen, die laut Melliger sehr gut auf die computergestützte Befragung reagieren, ergibt sich der Befund, in welchen Bereichen eine Gefährdung besteht.

Seit der Einführung der Gefährdungsdiagnostik vor zwei Jahren wurden 144 Jugendliche mit wiederholtem Cannabiskonsum und 90 mit Anzeigen wegen Gewaltdelikten getestet.

Bei 20 Prozent der Drogenkonsumenten (also bei 29 Jugendlichen) wurde eine hohe Gefährdung festgestellt, ebenso bei 26 Prozent der Gewalttäter (also bei 23 Jugendlichen).

«Bei solchen Klienten haben wir die Möglichkeit, mit Massnahmen relativ hart zu intervenieren», sagt Melliger.

Es gebe auch Fälle, in denen die Einschätzung des Jugendanwalts und des Sozialarbeiters nicht mit dem Testergebnis übereinstimmen. «Dann sind weitere Abklärungen oder Behandlungen nötig, um zur richtigen Beurteilung zu kommen», erklärt Melliger.

Danach wird der Test zur Gefährdungsdiagnostik wiederholt, um die Wirkung der Intervention zu messen. «Dabei kann sich durchaus zeigen, dass eine Massnahme nichts
gebracht hat», räumt Melliger ein. Dies sei eine wichtige Erkenntnis für die Behandlung künftiger Fälle.