Bedürftige
So stark stiegen die Sozialhilfekosten in den Aargauer Gemeinden

Der Anteil der Sozialhilfebezüger an der Bevölkerung nimmt zwar nicht zu, aber das macht es für die Gemeinden nicht besser. Jede zweite musste letztes Jahr wieder für mehr Unterstützungsbedürftige aufkommen.

Urs Moser
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Die Karte gibt einen Überblick über die Sozialhilfequote in den Aargauer Gemeinden. Sie ist im letzten Jahr in fast der Hälfte der Gemeinden gestiegen.

Die Karte gibt einen Überblick über die Sozialhilfequote in den Aargauer Gemeinden. Sie ist im letzten Jahr in fast der Hälfte der Gemeinden gestiegen.

Statistik Aargau
Soziahilfe Aargau - Zunahme bei Hälfte der Gemeinden

Soziahilfe Aargau - Zunahme bei Hälfte der Gemeinden

Oliver Menge

Die Zahl der Sozialhilfebezüger im Kanton Aargau ist im vergangenen Jahr um 536 auf knapp 13 000 Personen gestiegen. Die Sozialhilfequote allerdings, also die Zahl der Sozialhilfeempfänger im Verhältnis zur Bevölkerung, ist konstant bei 2,0 Prozent und damit bei überdurchschnittlichem Bevölkerungswachstum deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt von 3,1 Prozent geblieben.

Wird also übertrieben, wenn sich die Gemeinderäte landauf, landab über geradezu explodierende Sozialausgaben beklagen? Nicht unbedingt. Denn erstens steigt mit den absoluten Fallzahlen auch die Bezugsdauer.

Und zweitens sind die kantonalen Durchschnittszahlen für die einzelnen Gemeinden nicht sehr aussagekräftig. Wohl hat die Zahl der Sozialhilfeempfänger gesamtkantonal «nur» um 4 Prozent zugenommen, sie ist aber in 92, also rund der Hälfte aller Gemeinden gestiegen und hat nur in 62 Gemeinden abgenommen.

Und wenn zum Beispiel Birmenstorf 2013 für 25 Sozialhilfeempfänger aufzukommen hatte gegenüber 18 im Vorjahr, ist das eine Steigerungsrate von fast 40 Prozent. In Killwangen lag dieser Wert bei 57, in Schöftland sogar bei 74 Prozent.

Der Medianwert für die Kosten eines Sozialhilfefalls lag im Aargau 2013 bei 1633 Franken pro Monat. Man rechne: Wenn zum Beispiel Niederrohrdorf letztes Jahr 51 Sozialhilfebezüger zählte und im Vorjahr 34, macht das eine Steigerung der Kosten um gut 300 000 Franken auf rund eine Million oder um 50 Prozent von einem Jahr zum anderen.

Ein theoretischer wert, die effektive Zahl hängt natürlich von den konkreten Fällen ab (Familien, Alleinstehende, Bezugsdauer etc.). Über den ganzen Kanton lagen die Sozialhilfeausgaben der Gemeinden im vergangenen Jahr bei 95 Millionen und damit rund 12 Prozent über dem Vorjahr.

Kinder am stärksten betroffen

Die über den ganzen Kanton seit Jahren mehr oder weniger konstante Sozialhilfequote unterscheidet sich regional und nach Bevölkerungsgruppen recht stark. In den Bezirken Aarau (3,0), Baden (2,3), Kulm (2,4) und Zofingen (2,5) liegt sie mehr oder weniger deutlich über, in den Bezirken Brugg (1,5), Laufenburg (1,5), Lenzburg (1,4), Muri (1,1) und Rheinfelden (1,7) klar unter dem kantonalen Durchschnitt. Die Sozialhilfequote der Ausländer ist mit 4,3 Prozent gut dreimal so hoch wie jene der Schweizer (1,3).

Bei den Altersgruppen war im letzten Jahr bei den 26- bis 35-Jährigen eine deutlich stärkere Zunahme festzustellen als bei den 36- bis 64-Jährigen. Eine Entwicklung, für die Cornelia Breitschmid, Leiterin des kantonalen Sozialdienstes, auch keine schlüssige Erklärung hat.

Sollte man doch eigentlich annehmen, dass die Jüngeren bessere Chancen haben, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dass die Zahl der Betroffenen über 65 Jahren zurückgegangen ist, dürfte auf die erweiterten kantonalen Ergänzungsleistungen zur AHV zurückzuführen zu sein. Die mit Abstand grösste Altersgruppe sind Kinder. Knapp ein Drittel der Personen in der Sozialhilfe sind Kinder, die Quote liegt hier mit 3,3 Prozent deutlich über dem kantonalen Mittel, und die Zahl hat letztes Jahr um über 6 Prozent zugenommen.

Weniger Nebenjobs

Lichtblicke sind in der Statistik schwer auszumachen. Dass der Anteil der Sozialhilfebezüger abgenommen hat, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen (gut ein Fünftel), könnte auf den ersten Blick auf eine Entschärfung der Problematik der sogenannten Working Poor hindeuten. Doch Cornelia Breitschmid kann keine Entwarnung geben. Von Working Poor spreche man, wenn jemand trotz einem Arbeitspensum von mindestens 90 Prozent auf Sozialhilfe-Unterstützung angewiesen ist.

Was abnehme, sei die Zahl der Bezüger, die wenigstens ein minimales Arbeitspensum oder einen befristeten Job haben. Mit anderen Worten: Der Rückgang deutet nicht auf eine Verbesserung, sondern eher auf eine Verschlechterung der Situation hin. Das zeigt sich auch in der Entwicklung der Bezugsdauer. Wohl ist die Mehrheit der Betroffenen weniger als zwei Jahre lang auf Sozialhilfe angewiesen, ein Drittel weniger als ein Jahr. Die Fälle mit einer Bezugsdauer von mehr als fünf Jahren steigt seit einigen Jahren aber kontinuierlich an.