Im geheimen Internet «Darknet» kann man Drogen bequem nach Hause bestellen, Google baut gerade ein Auto, das selbstständig fahren kann. Und: 31 Aargauer Bibliotheken melden: «Bei uns gibt es nun auch E-Books auszuleihen.» Langweilig.

Ich habe es trotzdem ausprobiert. Und weiss nun, was ein Arzt mit einem amputierten Bein macht und wie viel es wiegt. Ich weiss, warum ich abnehme, wenn ich aus einem roten Teller esse und ich hatte wunderbare Stunden mit Literatur-Nobelpreisträgerin Alice Munro. Die Gewissheit, dass ich ab sofort, wo immer auf der Welt ich auch bin, jederzeit ein gutes Buch lesen kann, ist doch eigentlich ziemlich aufregend.

Angemeldet habe ich mich vor einer Woche für ein kostenloses Schnupperabo für 30 Tage auf www.ebookplus.ch. Wer bereits Kunde in einer der 31. Gemeinde- oder Stadtbibliotheken ist, kann ab sofort digitale Medien ausleihen. Das Passwort kommt per Mail wenige Stunden nach der Anmeldung.

Los gehts. Ich klicke mich durch das Angebot. Das Tollste: Ich sehe, welche Bücher ausgeliehen sind. Und das ist ziemlich lustig. Groschenromane mit klingenden Titeln wie «Bezwungen von einem Highlander» sind fast alle ausgeliehen. Und es rührt mich, dass irgendwer da draussen glücklicher sein will in Zukunft und sich deshalb das Buch «Weck den Optimisten in dir» ausgeliehen hat. Ich hoffe sehr, dass es gelingt.

Ich kann nun unter 6000 Titel auswählen. Nicht nur Bücher. Auch Filme, Zeitschriften und Hörbücher. Obwohl die Medien nur in digitaler Form vorhanden sind, ist jeweils nur ein Exemplar vorhanden. Ist das weg, muss man warten. Nur von Bestsellern besitzen die Bibliotheken mehr Lizenzen.

Vier E-Books und ein Hörbuch leihe ich mir aus. Es ist einfach. Zwei Klicks und ich besitze sie für 14 Tage, drei Stunden und 24 Minuten. Dann wird es mir wieder weggenommen. Das ausgeliehene Hörbuch will ich am Abend in der Badwanne hören. Es ist der neue Roman von Paolo Giordano. Es geht um junge italienische Soldaten in Afghanistan. Ich habe kürzlich etwas darüber gelesen. Es interessiert mich. Trotzdem wird das nichts mit Baden und Hören. Ich bring das Ding nicht zum Laufen. Auch die Bücher kann ich nicht anschauen.

Weil ich keinen E-Reader habe, muss ich mir zuerst «Adobe Digital Editions» herunterladen. Ein netter Herr unserer hauseigenen IT-Abteilung erklärt mir am nächsten Tag, dass es sich dabei um eine zusätzliche Sicherheit handle, damit die Bücher nicht kopiert werden können. Er hilft mir. Endlich kann ich im Buch «Einen Versuch haben wir noch – skurrile Geschichten aus dem Leben eines Mediziners» nachlesen, wie das mit den amputierten Beinen ist. Falls es Sie auch interessiert: Alles was Ärzte im Spital raus oder wegschneiden wird untersucht und dann verbrannt. Ein Bein wiegt etwa 18 Prozent des Körpergewichts. Mein Bein ist etwa 12 Kilo schwer.

Von der Badener Bibliotheksleiterin Pia Rutishauser will ich nun aber trotzdem wissen, ob die anderen Nutzer auch Mühe haben, die E-Books runterzuladen. Rutishauser lacht und sagt: «Eigentlich nicht – ganz ehrlich.» Sie sagt aber auch, dass man in der Stadtbibliothek Baden allen Nutzern helfe. Man könne sogar mit seinem Laptop vorbeigehen und werde beraten, verspricht sie. Das ist fast so gut wie meine IT-Hotline, finde ich.

31 Bibliotheken bieten auf ebookplus digitale Medien an und wenden fünf Prozent ihres Budgets für Neuanschaffungen dafür auf. «Frau Rutishauser, schaffen sich die Bibliotheken so selber ab?» Die Bibliotheken werden sich verändern, sagt Rutishauser. Aber Menschen würden immer einen Ort suchen, um über Literatur zu sprechen. «Das hat die Buchmesse Leipzig doch schön gezeigt.» Veranstaltungen würden sicher wichtiger und eine Bibliothek damit noch stärker zum Treffpunkt. Ausserdem sei es auch eine Aufgabe von Bibliotheken, den Leuten Medienkompetenz zu lehren.

Nun kann ich mir also rund um die Uhr Bücher ausliehen. Statt googeln kann ich ein ganzes Buch zum Thema haben. Mehr Zeit habe ich aber nicht. Das Buch «Pink Sari Revolution» über Frauen, die sich gegen die Gewalt gegen Frauen in Indien starkmachen, habe ich zwar ausgeliehen – ein Klick genügte. Gelesen habe ich bisher keine Zeile – keine Zeit.

Durch die «50 besten Kilo-Killer» habe ich mich zumindest digital durchgeblättert. Und verrate Ihnen nun auch, was Forscher der Uni Basel im Zusammenhang mit roten Tellern und Abnehmen herausgefunden haben: Wir essen weniger von roten Tellern, weil Rot eine Warnfarbe ist. Das heisst also: «Stopp, nicht so viel essen.» Nur weiss ich nicht, was ich jetzt tun soll. Meine Teller sind weiss. Soll ich sie anstreichen?

Acht Tage und sechs Stunden besitze ich meine vier Bücher und mein Hörbuch noch. Mehr als sechs Medien kann ich übrigens nicht ausleihen, vorzeitig zurückgeben kann ich sie auch nicht.

Ist meine Zeit abgelaufen, verschwinden die digitalen Medien wieder. Fast so, als wären sie nie da gewesen. Strafgebühren gibt es in der E-Book-Welt darum keine.