Fussball-EM
So jubeln und zittern Kroaten, Italiener und Portugiesen

Da die Schweizer bei der EM nicht mit der Nati mitfiebern können, hat die az Aargauer Zeitung drei Fussballvereine mit ausländischen Wurzeln im Aargau besucht, die ihre Nationalmannschaften unterstützen.

Adrian Hunziker
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Fussballfieber Kroatien
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EM-Fieber im Kanton: Wenn Kroatien spielt
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Fussballfieber Kroatien

Chris Iseli

Die Kroaten

15 Minuten vor Spielbeginn sind rund 70 Mitglieder des Fussballvereins HNK Adria Aarau in Rohr da. Die Fans sind nervös. Sie hoffen zwar auf den Sieg Kroatiens, aber ganz sicher sind sie sich nicht. Das Spiel beginnt. Es ist noch ruhig. Bumm! Nach drei Minuten trifft Kroatien bereits zum 1:0 gegen Irland. Alle springen sie auf, jubeln, umarmen sich, schreien, der Lärm ist ohrenbetäubend. Auch drei Minuten nach dem Tor hallen Sprechchöre durch den Raum. Mittlerweile sind rund 100 Fans in den Bann des Spiels gezogen.

Die Szenerie beruhigt sich ein wenig, alle blicken gespannt auf den Fernseher und hoffen auf das nächste Tor. Jeder freie Platz ist besetzt und doch kommen noch mehr Fans und finden irgendwo ein Plätzchen. Immer wieder schleicht sich jemand durch und verteilt Essen und Trinken. Alle bekommen ihre Cevapcici, Pogaca und Ajvar. Doch auch Karlovacko fliesst in Strömen.

Die Iren als Spielverderber

Fast alle tragen sie Fanartikel. Währenddem sie das Schachfeld auf der Brust tragen, spielt die kroatische Nationalmannschaft Rasenschach. Doch die Iren haben was dagegen. Sie gleichen aus und holen die Fans auf den Boden der Realität zurück.

Nun ist es auch mal so ruhig, dass man die Cevapcici auf dem Grill brutzeln hört. Und wie das riecht! Zurück zum Spiel: Es gibt keine Sprechchöre mehr. Aber bei jeder Chance der Kroaten kommt das obligatorische «Schiess! Schiess!». Natürlich auf Kroatisch. So können sie besser feiern, wie auch sich enervieren. Man hört nur wenige Worte Schweizerdeutsch.
Bumm!, das 2:1. Wieder kocht die Hütte. Der Jubel ist nochmals lauter als noch beim ersten Tor. Zum Glück für die Ohren des Journalisten folgt kurz darauf die Pause. «Zwei Spieler unseres Vereins sind live am Spiel in Posen mit dabei», sagt Goran Duvnjak, der Trainer der ersten Mannschaft von HNK Adria Aarau. «Sie schauen sich aber nur diese Partie an. Für unser nächstes Meisterschaftsspiel vom kommenden Sonntag müssen sie wieder zurück sein», meint Duvnjak schmunzelnd.

In der zweiten Hälfte plätschert das Spiel vor sich hin, die Stimmung ist immer noch super und laut. Eine Mutter hält ihr Kleinkind im Arm und es macht den Anschein, als wolle der Kleine einnicken. Doch an Schlaf ist bei diesem Lärmpegel keineswegs zu denken. Es sind einige Kinder am Spiel mit dabei. Die Familie hat sich in Personalunion zusammengefunden und zittert gemeinsam. Bumm! Das 3:1 für Kroatien. Hexenkessel! Das ist Euphorie pur, überall strahlende Gesichter.

Auch ein kulinarisches Fest

Die gute Stimmung überträgt sich auch auf die Journalisten. Denn sie werden von der Gastfreundschaft der Fans überwältigt. Immer wieder kommen Essen und Trinken und die Frage, ob man noch mehr wolle.

In den letzten 40 Minuten bleibt die Ambiance super. Sprechchöre, Vuvuzelas und Jubel bei Ein- und Auswechslungen von kroatischen Spielern begleiten die Szenerie. Bei jeder Chance der Kroaten jubeln die Mitglieder, Freunde und Spieler des Aarauer Fussballclubs, als würde es bereits um den EM-Titel gehen. Nach 94 Minuten ist das Spiel zu Ende. Einige Fans feiern noch weiter. Die Journalisten machen sich auf den Heimweg und hoffen, dass der Pfeifton im rechten Ohr am nächsten Morgen wieder verschwindet.

Die Italiener

Die Journalisten hören den Fernsehkommentator schon von weitem, als sie sich dem Zelt des FC Juventina Wettingen nähern. Ein temperamentvoller Italiener wird wohl bereits vor Spielbeginn die Zuschauer heiss machen. Doch zur Überraschung der Journalisten schauen sich die Italienischen Fans das Spiel auf dem Schweizer Kanal an. Sowieso sprechen hier fast alle Schweizerdeutsch - zumindest vor dem Spiel. «Alle, die heute hier sind, sind Mitglieder des Klubs», sagt Serafino Mannarino, Präsident des Fussballklubs. Das Zelt ist kurz vor Spielbeginn so gut gefüllt, dass weitere Bänke herangebracht werden.

Ein Bierchen vor dem Match
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Ein Junge mit der Italienfahne
Die Fans fiebern mit
Die Bänke sind gefüllt
Die Hände sind häufig in der Luft
Freude im Zelt des FC Juventina Wettingen
Für Essen und Trinken ist gesorgt
Die Reihen lichten sich

Ein Bierchen vor dem Match

Die meisten Fussballfans erheben sich bei der Nationalhymne und singen inbrünstig mit - auch wenn es falsch tönt. Das Publikum ist bunt durchmischt. In der einen Ecke nuckelt das Neugeborene im Arm seiner Mutter am Schnuller, ein kleines Mädchen wackelt durch die Reihen in Richtung seines Vaters, junge Frauen demonstrieren, welche verschiedenen Fan-Accessoires möglich sind, und ältere Herren lamentieren mit ihren Kollegen über vergebene Chancen. Was bei italienischen Fans nicht fehlen darf, ist die Gestik. Ein jeder Lehrer wäre wohl froh, wenn er so viele Hände in die Höhe schiessen sähe. Denn bei jedem Fehler oder einer Chance der Italiener zeigen sowohl weibliche wie auch männliche Fans, wie man auch während eines Fussballspiels seine Sportübungen absolvieren kann.

Fingernagel- und Zigarettenkonsum

Die Stimmung ist angespannt. Es ist ruhig, es gibt nur wenige «Forza Italia!»-Rufe. Der Respekt vor den Spaniern ist gross. Bei Torchancen der Iberer halten die Tifosi den Atem an. Danach folgt Applaus, wenn es gut ausgeht für ihre «Azzurri». «Uuh!, Ooh!, Aah!», wechseln sich ab. Fingernägelkauen nimmt genauso zu, wie die «Nei»-Rufe und der Zigarettenkonsum. Und während des Spiels lässt sich gut die italienische Nationalflagge erkennen. Grün ist der Rasen, auf dem die Fans stehen, nur zu Beginn des Spiels. Weiss und Rot wechseln sich in den Gesichtern der Fans ab - je nach Spielsituation.

Zur Pause steht es 0:0. Die Italiener spielen besser, aber haben kein Tor erzielt. Die Tifosi verlassen das Zelt und widmen sich dem «Mangiare e bere». Mittlerweile sind rund 150 Fans da.

Kurze, aber intensive Freude

In der 60. Minute sprengen die Fans beinahe das Zelt: Italien führt 1:0. Aus voller Inbrunst rufen und singen die Fans. Die Videoleinwand ist von hinten gar nicht mehr zu sehen. Doch die Freude reicht nur kurz. Drei Minuten später gleichen die Spanier aus. Der Euphorie folgt die Resignation. Die Szene beruhigt sich wieder. Bei Chancen der Spanier stehen einige ältere Fans kurz vor einem Herzinfarkt. Auch Präsident Mannarino fiebert bis zum Schluss mit. Das Spiel endet unentschieden. Die Fans verlassen das Zelt - und wie bestellt beginnt es zu regnen.

Die Portugiesen

Gegen 22.40 Uhr leert sich das DPA - das Klublokal des Fussballvereins Desportivo Portugues Aarburg. Einige Fans diskutieren noch vor dem Lokal, die meisten aber gehen nach Hause, um ihre Wunden zu lecken. Portugal hatte gut gespielt, viele Chancen gehabt und doch 0:1 gegen Deutschland verloren. «Am Mittwoch folgt das wichtige Spiel gegen Dänemark», schaut Paulo Rodriguez Oliveira, Sportchef und Trainer der ersten Mannschaft von DPA, auf morgen.

Portugal-Fans in Aarburg
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Portugal-Fans in Aarburg
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Portugal-Fans in Aarburg

Portugal-Fans in Aarburg

Als das Spiel beginnt, erheben sich die Fans im Lokal und singen die Nationalhymne. Neben einer Videoleinwand läuft das Spiel auf weiteren vier Fernsehern. Selbst von draussen kann man das Spiel mitverfolgen. Die Stimme des portugiesischen Kommentators dröhnt aus den Lautsprechern. Die Stimmung vor und zu Beginn des Spiels scheint angespannt zu sein. Die Fans wissen nicht, was drinliegt gegen das grosse Deutschland. Für Südländer sind die rund 100 Portugiesinnen und Portugiesen am Anfang ziemlich ruhig.

Portugal freute sich zu früh

Eine Vuvuzela sorgt zwischendurch für ein wenig Lärm. Sonst bleibt es ausser bei Chancen Portugals ziemlich ruhig. Doch kurz vor der Pause das Highlight aus portugiesischer Sicht: «Gooooooool!», schreien sie und jubeln und feiern. Es dauert einige Sekunden, bis die Fans merken, dass sich der Ball nicht hinter der Torlinie befand. Die Zeitlupe sorgt für Aufklärung. Die Gemüter beruhigen sich allmählich wieder. Es folgt der nächste Programmpunkt: die Pause. Die Fans sind jetzt zuversichtlich. Das Nationalteam bietet Deutschland die Stirn.

Einige Männer regen sich während des Spiels auf und schlagen auch mal auf den Tisch oder gegen die Wand. Die weiblichen Fans beruhigen oder trösten, so gut es geht. Denn die Deutschen gehen in der 70. Minute in Führung. Der Frust ist spürbar. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Die portugiesische Nationalmannschaft bäumt sich nochmals auf - genauso wie die Fans. Doch es soll nicht sein, Portugal verliert.

Morgen Mittwoch werden alle für das Spiel gegen Dänemark wiederkommen. Auch Rodriguez Oliveira hofft dann auf den ersten portugiesischen Sieg: «Wenn sie so spielen wie heute, ist das durchaus möglich.»

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