Aktivdienst
So erlebten die Aargauer Truppen die Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg

Sechsmal wurden die Aargauer Truppenverbände aufgeboten, zum letzten Mal im Frühling 1918. Da war die Stimmung in den Verbänden aber längst nicht mehr so wie 1914.

Mathias Küng
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Hier üben Angehörige des Aargauer Füsilier Bataillons 60 Fliegerabwehr durch konzentriertes Gewehrfeuer
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Vereidigung im Schachen in Aarau am 4
So erlebten die Aargauer Truppen die Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg
Gute Strassen waren nötig - Angehörige des Freiämter Füsilier Bataillons 46 beim Bau der Pierre-Pertuis-Strasse 1915
Handgranatenwerfen 1918
Blutige Sturmangriffe blieben unseren Grossvätern glücklicherweise erspart
Wichtig für die Stimmung - Spass bei der Schönheitspflege im Feld beim Aargauer Füsilier Bataillon 56

Hier üben Angehörige des Aargauer Füsilier Bataillons 60 Fliegerabwehr durch konzentriertes Gewehrfeuer

ZVG

Als am 4. August 1914 Tausende Aargauer zum Aktivdienst einrückten, rechnete keiner damit, dass sich dieser über mehr als vier Jahre erstrecken würde. Der grosse Teil der aargauischen Wehrmänner diente in der Aargauer Infanterie Brigade 12.

Das Gros leistete von 1914 bis 1918 rund 21 Monate oder etwa 630 Tage Aktivdienst. Nach der Vereidigung 1914 marschierten die Verbände über die Jurapässe zum ersten Ablösungsdienst an die Grenze im Baselbieter und Solothurner Jura, wie Willi Gautschi in der Geschichte des Kantons Aargau schreibt.

15 Rappen...

... zahlte der Aargauer Soldat 1914 für einen Becher Bier. 10 Wynentaler Stumpen gab es für 25, ein Päcklein Zigaretten für 30 Rappen, ein Liter Tessiner Wein kostete 45 Rappen.

Das Füsilier Bataillon 56, das der Basler Infanterie Brigade 11 angehörte, wurde zuerst in Obergösgen untergebracht. Am 7. August kam der Befehl zum Abmarsch. Kommandant Ernst Haller sah beidseits der Strasse Frauen und alte Männer auf den Feldern arbeiten.

Wilde Gerüchte um Rothosen

Er schrieb später: «Sie stellten die Hacke ab und schauten uns nach, und über manches Gesicht sahen wir Tränen hinunterfliessen.» Wilde Gerüchte schwirrten herum. Manche glaubten, am Ziel in Oberwil an der französischen Grenze schon «Rothosen» (Franzosen) zu sehen.

Erkundungspatrouillen sahen aber nur friedliche Dörfer, Felder und Hügel. Danach galt es, Schützengrabensysteme und Feldbefestigungen zu erstellen.

In den Folgejahren wurden die Truppen immer wieder zu mehrmonatigem Dienst eingezogen. Die Aargauer galten als diszipliniert und zuverlässig. Vielleicht dienten deshalb im Frühling 1918 Aargauer Truppen vor den Toren Zürichs. Der Bundesrat wähnte dort nämlich «revolutionäre Elemente an der Arbeit», wie Willi Gautschi schreibt.

Doch die Stimmung in der Truppe war angesichts hoher Teuerung, teilweiser Arbeitslosigkeit und knapper Nahrungsmittel schlecht. Es kam zu Dienst- und Gehorsamsverweigerungen, 26 Gefängnisstrafen wurden verhängt. Zu Weihnachten 1918 waren aber alle wieder daheim.

80 Rappen...

... war 1914 der Tagessold eines Füsiliers. Aufgrund der Teuerung kletterte er bis 1918 auf 2 Franken.

In den Kriegsjahren leisteten die Aargauer vor allem im welschen Jura Grenzwachtdienst. Dazwischen gab es viel Ausbildung, Übungen, Manöver und Märsche. Sie kamen auch mit den Schrecken des Krieges direkt in Kontakt. So mussten Aargauer Füsiliere 1916 in Bern einen Zug mit schwerverletzten Soldaten vor Neugierigen abschirmen.

Ein Soldat beschrieb das Erlebte so: «Kein Grüssen, kein Winken, die Stille der Nacht wird hin und wieder durch Stöhnen unterbrochen. Still wie er gekommen, fährt der Zug davon mit seiner traurigen Last.» Er dürfte in jener Nacht lange keinen Schlaf gefunden haben.

Viele Familien hatten im Krieg, wenn der Vater einrücken musste, über Nacht kein Einkommen mehr. Oft wurden aber erste zaghafte Fürsorgeeinrichtungen und Unterstützungskassen nicht genutzt, weil man nicht als armengenössig gelten wollte. Immerhin lernten die Behörden daraus. Im Zweiten Weltkrieg war man besser gewappnet.

Die Kantonshauptstadt Aarau beherbergte in den Kriegsjahren täglich durchschnittlich 600 Mann und 300 Pferde. Man erweiterte den Schiessplatz im Schachen und plante zusätzlich einen Fliegerstützpunkt. Es blieb aber bei einigen Probeflügen und der Vormerkung als Notlandeplatz, wie Margareta Edlin in der Geschichte der Stadt Aarau schreibt.

Dafür erlebt Menziken im Dezember 1917 eine unruhige Nacht. Ein verirrtes französisches Flugzeug hatte sich dort nämlich seiner Last entledigt. Verletzt wurde niemand. Für den angerichteten Sachschaden zahlte Frankreich nach dem Krieg eine Entschädigung von 15 236 Franken.

1918: Aufgabe erfüllt

Die Infanterie Brigade 12 konnte nach dem sechsten Aktivdienst am 27. April 1918 abtreten. Damals wusste noch niemand, dass es der letzte sein würde.

Ein Angehöriger des Füsilier Bataillons 56 brachte danach zu Papier, was damals wohl alle fühlten: «Die schweizerische Armee hat in schweren Zeiten ihre Aufgabe erfüllt. Wir sind stolz darauf, unseren Teil zum Gelingen beigetragen zu haben.»