Unterwegs mit Markus Dieth
So erlebte der neue CVP-Regierungsrat den Wahlsonntag: «Ou, jetzt müemer scho chli luege!»

Endlich hat er es geschafft: Markus Dieth aus Wettingen hat sich wie ein Langstreckenläufer auf die Wahl in den Regierungsrat vorbereitet. Jetzt ist er am Ziel. Wie er den Wahlsonntag verbrachte, ist typisch Dieth.

Mario Fuchs
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«Jetzt kann man sowieso nichts mehr beeinflussen»: Markus Dieth ist am Wahltag um 7 Uhr im Büro, geht danach joggen und liest zum Durchatmen die «Schweiz am Sonntag.»

«Jetzt kann man sowieso nichts mehr beeinflussen»: Markus Dieth ist am Wahltag um 7 Uhr im Büro, geht danach joggen und liest zum Durchatmen die «Schweiz am Sonntag.»

Mario Fuchs

Am wichtigsten Tag seiner Karriere bringt Markus Dieth zwei Abfallsäcke aus dem Haus. Es ist Sonntag, 9 Uhr. Wahltag im Aargau. Der CVP-Spitzenkandidat trägt Läufermontur. Gerade ist er von einer Joggingrunde zurück. Ein Marathonprofi hatte ihm vor Antritt des Grossratspräsidiums 2015 geraten, wenn er das Amtsjahr durchstehen wolle, müsse er etwas dafür tun.

Jetzt steht im Kalender jeden Tag eine halbe Stunde Sport. Dieth nimmt die Sonntagszeitungen aus dem Briefkasten, setzt sich an einen Bistrotisch vor der Haustür. Durchatmen, ein Schluck Nestea Lemon. Nervös? «Nein, ich habe wunderbar geschlafen.» Vor einer Woche sei er viel mehr aufgewühlt gewesen. Hat der Wahlkampf funktioniert? Hat man genügend Inserate geschaltet? «Aber jetzt kann man sowieso nichts mehr beeinflussen.»

Der Tag begann für den 48-jährigen Stadtammann von Wettingen um 7 Uhr – im Büro. «Ich erhalte pro Tag rund 70 Mails. Die müssen bis Ende Woche abgearbeitet sein. Heute konnte ich grad noch die Tägi-Vorlage fertigstellen.» Der Sonntag ist für den CVP-Mann keine Ausnahme. Bis die Familie auf ist, ist er wieder zu Hause. «Samt Gipfeli.» Auf dem Tisch hat er sein iPad aufgestellt, die News von Radio Argovia laufen. Noch gibt es keine Ergebnisse. Es bleibt Zeit für einen Spaziergang mit Frau Désirée und Hundeli Gina an der Limmat. Aus der Fischerhütte ruft Vereinspräsident Reto Ehrbar: «Händ er en Kafi wellä?» – «Nei du, mir sind im Druck, müend am Ölfi uf Aarau.»

Als sich Dieth zu Hause den einen dunkelblauen Sakko mit Aargau-Wappen am Revers überstreift, leuchtet das Display seines Telefons. Der Badener FDP-Nationalrat Thierry Burkart schreibt: «Drücke dir die Daumen.» Für seine Frau lässt Dieth einen Espresso aus der Maschine, sie schminkt sich fertig. «Ou, jetzt müemer scho chli luege!», sagt er plötzlich. Sein Wahlkampfleiter meldet einen Unfall bei Mägenwil, es gebe Stau in Richtung Aarau. Die Familie steigt in ihren VW-Van. Dieth am Steuer. Auf der Autobahn rollt alles. Freie Fahrt Richtung Regierungsrat.

«Aber ich weiss doch no gar nüt!»

In Aarau treffen sich Partei- und Wettinger Freunde im Restaurant Capri. Um 12 Uhr trifft CVP-Kantonalpräsidentin Marianne Binder ein: «Es gseht nöd schlecht us!» Der Wirt bringt San Pellegrino und Pinot Grigio. Auf dem Tisch steht wieder das iPad, im az-Liveticker werden die Resultate verfolgt. «Gopf!», fährt es aus Dieth. Sein Grinsen zeigt, dass die Aufregung eine gespielte ist: «Urs Hofmann liegt in Wettingen vor mir! Ich nehme diese Wahl nicht an!» Gelächter im Säli.

So sieht ein Gewinner aus: Markus Dieth ist neuer Regierungsrat im Kanton Aargau.
6 Bilder
Der CVP-Politiker schafft es auf den vierten Platz.
Die gewählten Regierungsräte gratulieren sich gegenseitig.
Markus Dieth schafft es im ersten Wahlgang in den Regierungsrat.
Markus Dieth mit Familie; von links nach rechts: Desiree, Viviane, Ariane und Markus Dieth.
Der CVP-Mann wurde auf den vierten Platz gewählt

So sieht ein Gewinner aus: Markus Dieth ist neuer Regierungsrat im Kanton Aargau.

Sandra Ardizzone

Um 12.35 Uhr bringt der Kellner Penne und Pizze. Nervös? «Nein. Aber wir nehmen dann zur Sicherheit noch einen Espresso und einen Grappa.» Sorgen bereitet ihm nur der Akku seines iPads: «Nume no 20 Prozent!» Tochter Ariane sagt, er müsse die Bildschirmhelligkeit verringern. «Wart, ich mach ders!» Trifft jemand Neues ein, gibt es manchmal einen Händedruck, meistens aber eine Umarmung. Mit dem letzten Bissen steigt die Spannung. Es gibt nichts mehr, womit man sich die Zeit bis zum Schlussresultat vertreiben könnte. Einige gehen für eine Zigarette hinaus. Dieth bleibt sitzen, er hat sich das Rauchen vor Jahren abgewöhnt.

Auf 14 Uhr hat die Staatskanzlei das Endresultat angekündigt. Dieths Handy bleibt stumm. Dann betritt SP-Grossratspräsident Marco Hardmeier das «Capri». Er wolle noch nicht gratulieren, sagt er: «Aber ich richte dir scho mol d’Gravatte!» Der Kellner schenkt Rotwein nach. Der iPad-Akku ist auf 16 Prozent gesunken. Um 14.02 Uhr ist noch immer keine Mitteilung vom Kanton eingetroffen – aber das Handy bimmelt jetzt im Minutentakt: Gratulationen von Freunden und Bekannten. «Aber ich weiss doch no gar nüt!», verwirft Dieth die Hände und lacht etwas ratlos. Seine Frau sagt: «Es isch offiziell! Du bisch drin!» – «Nei! Ich warte jetzt. Ganz rueig.»

Er macht mit den Händen eine Bewegung, wie wenn der Dirigent sein Orchester bittet, leiser zu spielen. Kreiskommandant Rolf Stäuble gratuliert. Ein Cousin gratuliert. Vielleicht hätten die ihn ja vergessen, seine Nummer falsch gespeichert, rätselt Dieth. 14.21 Uhr, Akkustand bei bedrohlichen 13 Prozent. FDP-Regierungsrat Stephan Attiger tritt ein, steuert zielstrebig auf Dieth zu. «Gratuliere!», sagt er und macht das Gesicht eines Schülers, dem gerade sein Lieblingsgspänli als Banknachbar zugeteilt wurde. Dieth wehrt ab: «Aber ich weiss no nüt Offiziells!» Attiger beruhigt: «Moomooool. Do cha nüt me passiere!» – «Jo guet, wenn dä Herr Regierigsrot das seit!»

Im Hintergrund knallt ein Champagnerkorken. Dieth schaut überrascht zum Kellner. Dann leuchtet das Display seines iPads auf. Mail von Urs Meier, Staatskanzlei: «Sehr geehrte Herren Regierungsräte. Herzliche Gratulation zur Wiederwahl bzw. Wahl in den Regierungsrat.» Dieth ruft: «Jetzt chasch uftue!» Gejohle und Applaus. Das iPad meldet: «Akku fast leer. Bitte laden.»