Vor 50 Jahren
So erlebte der Aargau den Prager Frühling: «Wir mussten auf die Strasse»

Heute vor 50 Jahren gingen 6000 Leute gegen den Sowjet-Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Strasse. Die damaligen Kantischüler Ruedi Baumann und Max Werder erinnern sich.

Katja Schlegel
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50 Jahre Prager Frühling
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Extrablatt Prager Frühling Einfall Tschechoslowakei Aargauer Tagblatt. Demo in Aarau mit 6000 Teilnehmern.
Extrablatt Prager Frühling Einfall Tschechoslowakei Aargauer Tagblatt. Demo in Aarau mit 6000 Teilnehmern.
Extrablatt Prager Frühling Einfall Tschechoslowakei Aargauer Tagblatt. Demo in Aarau mit 6000 Teilnehmern. Kanti-Zeitung "Neue Kanti" der Alten Kanti Aarau vom Sommer 1968, Chefredaktor war damals Ruedi Baumann aus Lenzburg (Vater von Maja Riniker)

50 Jahre Prager Frühling

Sandra Ardizzone

Um 17.30 Uhr stehen sie zusammen, auf dem Bahnhofplatz, Schulter an Schulter, manche mit an Holzlatten genagelten Transparenten. Tausende junger Menschen, Schüler der Aarauer Mittel- und Berufsschulen, innert kürzester Zeit zusammengetrommelt, bereit, ihrer Enttäuschung und Abscheu über die Besetzung der Tschechoslowakei öffentlich Ausdruck zu verleihen.

Nur gut 40 Stunden zuvor sind sie gekommen, die Streitkräfte der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und Verbände der ostdeutschen Volksarmee, sind kurz vor Mitternacht mit einer halben Million Soldaten in die Tschechoslowakei einmarschiert. Eine Meldung, die Europa, ja die ganze Welt erschüttert. Die Ereignisse überstürzen sich. Eiligst werden Botschafter vorgeladen und Sondersitzungen einberufen, Regierungen geben scharfe Erklärungen ab. Radio- und Fernsehstationen schalten Sondersendungen, Zeitungsredaktionen produzieren eilig Extrablätter.

Eine unerhörte Frechheit

Und auf der ganzen Welt gehen die Leute auf die Strasse, geeint in Sympathie für die Tschechoslowakei, geeint in Wut auf die federführende Sowjetunion. «Die Nachfolger Stalins im Kreml sind daran, einmal mehr ein Musterbeispiel von Falschheit, Verlogenheit, Zynismus und nackter Brutalität zu liefern», schreibt das Aargauer Tagblatt im nur Stunden nach dem Einmarsch gedruckten Extrablatt. In helle Aufregung versetzen die Vorkommnisse in der Tschechoslowakei auch die Redaktoren der Zeitung der Alten Kantonsschule Aarau, die «Neue Kanti». Tag und Nacht haben die jungen Männer vor knarzenden Radiolautsprechern verbracht. Radio Moldau hiess der Piratensender, sie saugten auf, was aus Prag berichtet wurde.

Es ist der Sommer 68, das Jahr der Studentenunruhen. Das Jahr, in dem aus den Buben aus der Provinzstadt aufmüpfige Junge werden, die die Haare über die Ohren und Hemdkragen wachsen lassen und statt italienischer Schnulzenschlager Rolling Stones und Beatles hören. Junge Aufmüpfige, die sich getrauen, erstarrte Strukturen zu knacken, Autoritäten lautstark und in aller Öffentlichkeit kritisch zu hinterfragen. Und das mit 18 Jahren, eine unerhörte Frechheit. Die Jungen sassen also vor dem Radio, lechzten nach Neuigkeiten, nach neusten Entwicklungen aus Prag. «Die Demokratisierung der Gesellschaft, das wollten wir auch, die Auflehnung gegen den Meinungsterror, das hat uns geeint», erinnert sich Max Werder heute. Dann kam aus dem Radio plötzlich nur noch Militärmusik. «Da wussten wir, was es geschellt hatte.» Es ist der Morgen des 21. August 1968.

«Zur Weissglut getrieben»

Als der Bundesrat auf den Einmarsch nur vage und zaghaft reagiert, bringt das für die Kantischüler das Fass zum Überlaufen. «Diese neutrale Passivität hat uns zur Weissglut getrieben», sagt Ruedi Baumann, damals Chefredaktor der Kantizeitung. «Für uns war klar, auch in Aarau muss etwas passieren. Wenn man in einem solchen Moment schweigt, ist das das Schlimmste, was man tun kann. Wir mussten einfach auf die Strasse.»

Kanti-Zeitung: Redaktionsteam mit bekannten Köpfen

Die Lenzburger Ruedi Baumann und Max Werder (beide 68), gehörten im Sommer 1968 zum Redaktionsteam der Schülerzeitung der Alten Kantonsschule Aarau («Neue Kanti»), das massgeblich am Grossaufmarsch der Kantischüler an der Demo vom 22. August 1968 beteiligt war. Gegründet worden war das Sprachrohr nur Monate zuvor als Folge der europaweiten Studentenunruhen. «Wir waren eine apolitische Redak-
tion», sagt Max Werder, «wir haben Themen aufgegriffen, die die Gesellschaft interessiert hat.» Dem damaligen Redaktionsteam gehörten heute bekannte Köpfe wie
Andreas Burren, Thomas Müller, Fritz Senn, Theo Winkler und Michael Ringier an. Einen grossen Unterstützer hatte das Redaktionsteam im
damaligen SP-Regierungsrat Arthur Schmid.

In aller Eile entwerfen die jungen Männer ein Flugblatt mit dem Titel «Faschismus in der Tschechoslowakei». Sätze wie: «Ein Land, das den Weg zum demokratischen Sozialismus eingeschlagen hat, ist seines Rechts auf Selbstbestimmung beraubt worden. Die sowjetischen Faschisten und Imperialisten verhaften, entführen und erschiessen Menschen eines Volkes, welches eine gerechtere Gesellschaftsform anstrebt», hämmern die 18-Jährigen in die Schreibmaschinen. Und sie stellen Forderungen: den Abzug aller fremden Truppen, die Freilassung aller verhafteten Personen und das Recht auf Unabhängigkeit – und eine klare Stellungnahme des Bundesrats. Das einzige, was sie nicht fordern, ist der Abbruch der Gespräche mit den Sowjets.

Er wird ausgebuht

Der Marsch der Aarauer Schülerschaft ist ein stiller, einzig begleitet vom dumpfen Klang der Trommeln. Auf dem Regierungsplatz vermischt sich der Zug mit den wartenden Erwachsenen, rund 6000 Personen sollen es gewesen sein, schreibt das Aargauer Tagblatt tags darauf. «Die ganze Kundgebung dauerte über eine Stunde und war eindrucksvoll auch für jene, die nicht mehr an die Macht von Resolutionen zu glauben vermögen.» Vom Balkon des Regierungsgebäudes tun der Aarauer Stadtammann Willy Urech, Landammann Leo Weber und Grossrat Reinhard Müller aus Wiliberg Abscheu, Zorn und Trauer kund.

Wie sich der Zug die Bahnhofstrasse hinauf zum Regierungsplatz hinaufbewegt, mit welchem Gefühl sie in der stillen Masse mitlaufen, daran können sich Baumann und Werder nicht mehr erinnern. «Ich war zu sehr auf meine Rede konzentriert», sagt Ruedi Baumann und grinst. Eine Rede, die aus der Reihe tanzt. Denn er wiederholt die Forderung auf dem Flugblatt, dass man die diplomatischen Beziehungen mit dem Ostblock nicht abbrechen, sondern intensivieren müsse. Eine Position, die das Redaktionsteam besprochen hat. «Das war unsere Grundhaltung», sagt Max Werder. «Ohne Dialog, ohne Meinungsaustausch erreicht man nichts.» Eine Forderung, die bei den 6000 Demonstranten kein Gehör findet. Baumann wird ausgebuht.

Dass ihre Forderung richtig war, davon sind Werder und Baumann auch 50 Jahre später überzeugt. Wird er seinen Enkeln vom August 1968 erzählen? Ruedi Baumann nickt. Natürlich, sagt er. «Es war die einzig richtige Reaktion in dieser weltpolitischen Situation. Wir konnten diese zwar nicht ändern, aber nichts zu tun, wäre unverzeihlich gewesen.»

Das passierte 1968

Der Einmarsch der Tuppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei (CSSR) war das Ende des «Prager Frühlings», des Reformprogramms der tschechischen Kommunisten unter Alexander Dubcek. Nach einer schweren ökonomischen und gesellschaftlichen Krise sollten den Menschen unter dem Motto «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» mehr Freiheiten gewährt werden. Unter anderem sollten die Planwirtschaft gelockert und Grundrechte wie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit garantiert werden. Selbst der Sozialismus sollte beibehalten werden, allerdings in einer demokratisierten Form.
Die Ereignisse des «Prager Frühlings» schürten in der Sowjetunion grosses Misstrauen. Die Führung in Moskau befürchtete, dass die Reformfreudigkeit in der Tschechoslowakei andere Ostblockstaaten anstecken und dies den Sozialismus insgesamt gefährden könnte. Mit dem überraschenden Einmarsch der Ostblock-Staaten in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 wurden die hoffnungsvollen Unabhängigkeitsregungen erstickt.