Cannabis im Aargau
So einfach kommt man in Aarau zum Joint: «Bahnhof ist ideal, um Gras zu verticken»

Cannabis gilt als Einstiegsdroge und wird im Aargau oft konsumiert. Doch wie einfach ist es eigentlich, spontan an Gras zu kommen? Unser Reporter machte den Selbstversuch am Bahnhof Aarau.

Nicola Imfeld
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Rund 240'000 Menschen kiffen in der Schweiz regelmässig, obwohl die Substanz illegal ist.

Rund 240'000 Menschen kiffen in der Schweiz regelmässig, obwohl die Substanz illegal ist.

AZ

Mittwochabend in Aarau, 19.30 Uhr: Am Bahnhof steigen Hunderte Pendler in die Züge. Es ist bereits dunkel, die Stosszeit neigt sich dem Ende entgegen. Vor dem Bahnhofgebäude kehrt Ruhe ein. Ich beobachte eine Gruppe, die sich auf den roten Sesseln vor dem Haupteingang niederlässt. Ein Mann mit langen Haaren nippt an seiner Bierdose. Ich gehe zu ihm hin und frage: «Hast du Gras?» Er schaut mich kurz an, dann blickt er in die Gruppe und lacht. «Wie viel brauchst du?», fragt er.

Nein, ich möchte nicht Cannabis kaufen. Aber rund 240 000 Menschen kiffen in der Schweiz regelmässig (siehe Box links), obwohl die Substanz illegal ist. Bereits mein erster Versuch scheint ein Treffer zu sein. Ich frage den Mann, wie viel Stoff er dabei habe. Er antwortet: «Genug für dich.» Als ich ihm erkläre, dass es sich um einen Selbstversuch handelt und ich keine Kaufabsichten hege, will er nicht mehr mit mir reden. Die bösen Blicke aus seiner Gruppe zeigen mir, dass es Zeit ist zu gehen.

«Verkaufe nur ab 10 Gramm»

Im unteren Stock des Bahnhofgebäudes habe ich keinen Erfolg. Ein dritter Versuch beginnt vielversprechend, endet aber damit, dass ich morgen wieder vorbeikommen soll. Einige Minuten später werde ich erneut fündig: Ein älterer Mann steht in der Bahnhofunterführung neben den Selecta-Automaten. Er zeigt mir sein Cannabis, fein säuberlich in verschiedene Minigrip-Säckli verteilt. «100 Franken für 10 Gramm», sagt er. Ich frage ihn, ob er auch kleinere Mengen verkaufe. «Nein, nur ab 10 Gramm», erwidert er. Der Mann ist gesprächig. Der Bahnhof sei «ideal, um Gras zu «verticken». Man müsse nur aufpassen, nicht von «den Bullen» erwischt zu werden. Dann drängt er mich: «Willst du jetzt?» Ich lehne ab und erkläre ihm meine Absichten. Er reagiert verwundert: «Das hätte ich nicht gedacht. Einen schönen Abend.»

Der Selbstversuch zeigt mir: Es ist kinderleicht, Cannabis zu kaufen. Ein abhängiger Konsument wird sich aber kaum wöchentlich am Aarauer Bahnhof mit Gras eindecken. S. K. (Name der Redaktion bekannt), ein 23-jähriger Aargauer, konsumiert seit sieben Jahren regelmässig Marihuana. Er raucht bis zu vier Joints am Tag und kennt die Aargauer Cannabis-Szene aus eigener Erfahrung.

Wie haben Sie Kontakt zu Ihrem ersten Cannabis-Dealer aufgenommen?

S.K.: Das ist nicht so schwierig und nebulös, wie viele sich das vorstellen. Ich habe vor etwa fünf Jahren einen meiner Freunde gefragt, woher er den Stoff beziehe. Er gab mir die Telefonnummer seines Dealers und sagte mir, ich solle sie nicht weitergeben.

Der Dealer hat Sie ohne Umschweife in seine Klientel aufgenommen?

Ganz ohne Rückfragen geht das natürlich nicht. Ich habe ihm gesagt, dass ich die Nummer von meinem Freund erhalten habe. Das schien zu genügen.

Und das ist Ihr einziger Dealer geblieben?

Nein, nein. Einige sind plötzlich verschwunden. Im Aargau gibt es viele Zwischenhändler, die jeweils etwa 100 Gramm besitzen. Wer der «grosse Fisch» hinter ihnen ist, weiss ich nicht.

Haben Sie nie nachgefragt, woher die Dealer das Gras beziehen?

Ein Dealer hat mir einmal gesagt, dass sein Cannabis «direkt vom Hafen» komme. Ich habe keine Ahnung, ob er es ernst meinte. Aber eigentlich fragt man so etwas nicht. Man holt die Bestellung ab und verschwindet wieder.

Also keine Zeit für zwischenmenschliche Gespräche.

Es kam ab und zu vor, dass ich noch eine Zigarette mit meinem Dealer rauchte. Mehr als ein bisschen Smalltalk schaute dabei aber nie raus. Jeder macht sein Ding, und letztlich möchte ich ja sein Gras und er mein Geld, nicht mehr und nicht weniger.

S.K. rauchte mit 15 Jahren seinen ersten Joint. Das erste Mal sei für ihn eine Tortur gewesen, weil er den Stoff mit Alkohol mischte. Mit der Zeit habe er aber Gefallen an der Einstiegsdroge gefunden. Bis zu seinem 19. Lebensjahr kiffte S. K. an den Wochenenden mit seinen Schulfreunden aus der Oberstufe. Er brach die Kantonsschule ab und begann eine KV-Lehre. Kurz vor dem zweiten Lehrjahr lernte er während eines Camping-Ausfluges im Tessin, wie man einen Joint präpariert. Fortan habe er seine eigenen Joints drehen können. S. K. fiel durch die Lehrabschlussprüfungen und musste einen zweiten Anlauf nehmen. Dann begann er 2016 ein Wirtschaftsstudium, welches er im Januar nach nur einem halben Jahr wieder abbrach.

Haben Sie lieber mit Freunden gekifft, anstatt zu lernen?

Cannabis-Konsum macht mich faul und träge, ich schob das Lernen so lange hinaus, bis die Prüfungen kurz bevorstanden. Dann reicht es halt nicht. Aber nicht nur meine schulische Laufbahn würde wohl ohne Cannabis anders aussehen. Mein Sozialleben litt unter dem dauerhaften Konsum.

Dabei konsumiert man Cannabis doch in einer Gruppe.

Nicht unbedingt. Als ich mit 19 Jahren anfing, mein eigenes Gras zu besorgen, habe ich immer öfter alleine gekifft. Ich wurde träge und ging nicht mehr aus dem Haus. Wenn ich mich ab und an mit jemandem traf, dann kifften wir zusammen.

Und die Freunde, die nicht Cannabis konsumiert haben?

Die wurden ausgesiebt – automatisch. Nüchterne Leute wollten immer zu viel unternehmen. Wenn dein Kumpel aber auch kifft, kann man sich gemütlich zu Hause einen Film reinziehen oder zusammen zocken.

Ihre Eltern waren wohl vom Drogen-Konsum in ihrem Haus nicht gerade begeistert.

Das hat sie nicht interessiert. Meine Mutter ist offen und hat mir keine Vorschriften gemacht. Sie legte in ihrer Erziehung grossen Wert darauf, dass ich selber entscheiden kann, was ich mit meinem Leben anstellen möchte.

Hatten Sie denn nie Lust auf ein Leben ohne Cannabis?

Doch, ich habe einige Versuche unternommen, mit dem Kiffen aufzuhören. Daraus resultierten Schlafstörungen, die ich mit Zigaretten bekämpfen wollte. Ich habe es nie durchgezogen, weil mein Wunsch wohl nicht manifestiert genug war. Und ich dachte, dass ich ohne Gras nicht mehr glücklich sein kann.

Das klingt nach einer Depression.

Es wurde nie diagnostiziert, weil ich nie in professioneller Behandlung war. Ich lasse mir nicht gerne helfen. Aber ich denke, ich war zeitweise depressiv oder zumindest in einem tiefen Loch. Ich wusste nicht, was ich mit meinem Leben anstellen sollte, und fragte mich, ob es sich überhaupt lohnt, in dieser Welt zu leben. Cannabis war wie Antidepressiva für mich.

S.K. hat auch härtere Drogen wie Kokain, LSD und Ecstasy ausprobiert, diese aber nie regelmässig genommen. Unter dem Cannabis-Konsum leidet er heute. Sein Kurzzeitgedächtnis habe gelitten und sein Wortschatz habe abgenommen. Seit diesem Jahr hat er seinen Konsum deutlich reduziert, weil er zum ersten Mal in seinem Leben ein Ziel vor Augen hat. S. K. möchte im Sommer ein neues Studium beginnen.

Behörden machen keine Jagd auf Kiffer

Wer im Aargau kifft, muss keine drastischen Konsequenzen fürchten. Wenn ein Erwachsener beim Cannabis-Konsum erwischt wird, erhält er eine Ordnungsbusse von 100 Franken. Im Jahr 2015 wurden 1169 Ordnungsbussen verteilt. Ein minderjähriger Kiffer wird an die Jugendstaatsanwaltschaft verzeigt.

Führt man Marihuana nur mit sich, wird der Bestand eingezogen und man kommt ohne Busse davon. Ausser, die mitgeführte Menge übersteigt 10 Gramm. Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau: «Dann kommt es zu einer formellen Anzeige.»

Allgemein kann festgehalten werden, dass die Aargauer Behörden keine Jagd auf Kiffer macht. Graser: «Im Betäubungsmittelbereich liegt der Fokus der Kantonspolizei Aargau ganz klar auf der Bekämpfung des gewerbsmässigen Drogenhandels.»

«Polizei darf Cannabis-Konsum nicht tolerieren» – Den Kommentar von Nicola Imfeld zum Artikel lesen Sie hier.