Bildungspolitik
So bewerten Regierungsrat Hürzeler, Lehrerpräsidentin Abbassi und Bildungsrat Leitch das Jahr 2016

Drei wichtige Protagonisten erklären, warum das Bildungsjahr 2016 bedeutend war und wie es mit der Schule Aargau weitergehen soll.

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Der Regierungsrat Alex Hürzeler während der Budgetdebatte im Grossen Rat.

Der Regierungsrat Alex Hürzeler während der Budgetdebatte im Grossen Rat.

Sie setzen sich alle engagiert für die Schule Aargau ein, allerdings oft mit unterschiedlichem Fokus: Bildungsdirektor Alex Hürzeler, Elisabeth Abbassi als Präsidentin des aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands und Thomas Leitch als Präsident der grossrätlichen Bildungskommission.

Wir haben die drei wichtigen Protagonisten in der politischen Debatte um die Zukunft der Schule Aargau gebeten, aus ihrer Sicht die Ereignisse im «Bildungsjahr 2016» zu werten und haben ihnen dazu diese drei Fragen gestellt: Welches waren aus Ihrer Sicht die herausragenden Merkmale oder Ereignisse des «Bildungsjahres 2016»? Welche Erkenntnisse brachten die Ereignisse des «Bildungsjahres 2016»? Was sind allfällige Konsequenzen daraus ?

Die Statements enthalten klare Aussagen und trotz aller Unterschiede doch auch überraschende Gemeinsamkeiten. Etwa, was das Bildungssparen betrifft oder das gescheiterte Standortkonzept der Berufsschulen.

Alex Hürzeler: «Die Sparmöglichkeiten sind weitgehend ausgereizt»

Alex Hürzeler: «Die Sparmöglichkeiten sind weitgehend ausgereizt»

Regierungsrat Alex Hürzeler

Wir haben im vergangenen Jahr einige wichtige Akzente setzen können, die für die weitere Entwicklung der Aargauer Volksschule von Bedeutung sind: In einem zweijährigen Schulversuch testet das Departement Bildung, Kultur und Sport eine vereinfachte pauschale Berechnungs- und Zuweisungsart der Ressourcen im Volksschulbereich.

Ebenfalls eine Vereinfachung der administrativen Abläufe hat Alsa (Administration Lehrpersonen Schulen Aargau) gebracht: Es wurde auf das Schuljahr 2016/17 flächendeckend eingeführt und dient der Verwaltung der Anstellungen und Pensen von über 11 000 Lehrpersonen.

Der Grosse Rat hat den eingeschlagenen Weg in Bezug auf einen neuen Aargauer Lehrplan zweimal eindrücklich bestätigt: Einmal bei seinem Votum gegen einen Vorstoss, der die Sistierung sämtlicher Vorarbeiten verlangte, und ein zweites Mal bei seinem deutlichen Entscheid, die Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» zur Ablehnung zu empfehlen.

Gegen Ende des Jahres hat der Regierungsrat entschieden, dass er ab 2017 die Weichen stellen will für eine Ablösung der heute geltenden Arbeitsplatzbewertungs- und Lohnsysteme von Lehrpersonen und Verwaltung.

Der Aargau soll weiterhin ein attraktiver Arbeitgeber auch für Lehrpersonen sein. Welchen Handlungsspielraum es dazu trotz der anspruchsvollen finanziellen Situation gibt, ist nun in einem ersten Schritt aufzuzeigen. Denkbar ist aus meiner Sicht beispielsweise, dass das Lebensalter im Verhältnis zum Dienstalter eine weniger starke Rolle spielen wird.

Für mich enttäuschend war das Ende des Standortkonzepts Sekundarstufe II. Offenbar ist trotz anspruchsvollen finanzpolitischen Rahmenbedingungen und allseits anerkannter Auslastungsprobleme niemand bereit, sich im Sinne einer vorausschauenden längerfristigen Planung zu bewegen. Insbesondere bei den kantonal geführten Schulen führt dies zu einer unbefriedigenden «Pflästerlipolitik» und bei den kleineren Berufsfachschulen zu gewichtigen betriebswirtschaftlichen Nachteilen, was sich früher oder später auch auf die Bildungsqualität auswirken kann.

Schliesslich haben die Sparbemühungen des Regierungsrats auch das Bildungsjahr 2016 deutlich geprägt. Die Kundgebung von Lehrpersonen-, Schulleitungs-, Schulpflege- und Elternorganisationen sowie die Grossratsentscheide der letzten Tage haben jedoch gezeigt, dass mehrheitsfähige Sparmöglichkeiten im Bildungsbereich offenbar weitgehend ausgereizt sind.

Elisabeth Abbassi: «Die Aargauer wollen keine Bildungswüste»

Elisabeth Abbassi: «Die Aargauer wollen keine Bildungswüste»

Mario Heller

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Lehrerverbands

Die bedeutendsten bildungspolitischen Ereignisse waren aus meiner Sicht die Abstimmung zu den familienergänzenden Kinderbetreuungsstrukturen, dann die politischen Debatten um das gescheiterte Standort- und Raumkonzept und um die integrativen Schulungsformen, der wachsende Widerstand gegen den Bildungsabbau, der sich in 50'000 Resolutionsunterschriften und 8000 Kundgebungsteilnehmenden manifestierte, und schliesslich die Budgetdebatte im November.

Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben sich im November zum zweiten Mal gegen die Abschaffung des Berufswahljahres ausgesprochen. Die grosse Unterstützung der Resolution gegen den Bildungsabbau und der Protestkundgebung konnte auch von Regierung und Parlament nicht ignoriert werden.

Die Botschaft ist klar: Die Aargauerinnen und Aargauer wollen keine Bildungswüste. Kinder und Jugendliche sollen weiterhin gut gefördert werden, denn nur so lässt sich unser Wohlstand langfristig sichern.

Mit dem Streichen notwendiger Unterstützungsformen könnten die Ausgaben nicht gesenkt, sondern nur verschoben werden, der Staat würde damit sozusagen auf Pump leben. Echte Kostensenkung beginnt mit einer guten Bildung der Jugendlichen.»

Thomas Leitch: «Nicht noch ein drittes Mal untaugliche Vorschläge»

Thomas Leitch: «Nicht noch ein drittes Mal untaugliche Vorschläge»

Thomas Leitch, Präsident Bildungskommission

«Herausragendes Ereignis waren sicher die grosse Protestkundgebung vom 8. November mit 8000 Personen gegen das Sparen bei der Bildung und die fast 50'000 Unterschriften der Resolution gegen den Bildungsabbau.

Am 27. November setzten die Stimmbürger ein weiteres Signal gegen das Sparen an der Front und lehnten die Abschaffung des Berufswahljahres ab. Bemerkenswert ist auch das Scheitern des Standortkonzepts für die Aargauer Berufsschulen.

Sparvorhaben, die die Volksschule im Kern schwächen und die Kinder direkt betreffen, haben es schwer. Das gescheiterte Standortkonzept für die Aargauer Berufsschulen zeigt, dass es fast unmöglich ist, im Aargau der Regionen eine Berufsschule zu schliessen.

Die Zitrone in der Bildung ist ausgepresst. Der Regierungsrat sollte beim nächsten Budget nicht noch ein drittes Mal mit den gleichen untauglichen Sparvorschlägen kommen.

Die Konsequenzen, die sich aus dem «Bildungsjahr 2016» ergeben, sind für mich offensichtlich: Strukturelle Änderungen wie die Schliessung von Schulen haben ihren Preis und sind im Kanton der Regionen unbeliebt.

Im Beruf- und Mittelschulbereich herrscht aber nach wie vor Handlungsbedarf und schon bald dürfte das Thema wieder aufs Tapet kommen.»

Demo in Aarau gegen Bildungssabbau und Sparmassnahmen
30 Bilder
Die Demonstranten zogen vor das Grossratsgebäude und machten ihrem Unmut über die Sparpläne Luft.
alv-Präsidentin Elisabeth Abbassi hielt eine flammende Rede gegen die Sparpläne.
Auch auf der Terrasse vor dem Grossratsgebäude standen die Demonstranten dicht gedrängt.
Auch Schülerinnen und Schüler waren unter den Kundgebungsteilnehmern.
Emoji weint wegen Sparmassnahmen.
Regierungsrätin Susanne Hochuli passiert die Demonstranten. Offensichtich gut gelaunt.
Übergabe der Petion an Grossratspräsident Marco Hardmeier...
...die 49'000 Unterschriften wiegen ganz schön schwer.
Im Visier: Bildungsdirektor Alex Hürzeler.
Der Demozug durch die Aarauer Innenstadt.
Die Kundgebung aus Sicht des Grossratsgebäudes. Fotografiert von Thomas Leitch, SP-Grossrat und Präsident der Bildungskommission
Tausende trotzen der Kälte und demonstieren.
alv-Präsidentin Elisabeth Abbassi bei ihrer flammenden Rede gegen das Sparprogramm des Kantons.
Iseli spricht für die Anliegen der Kapo
Lehrer und andere Staatsangestellten ziehen protestierend durch Aarau zum Grossratsgebäude.
Diverse selber kreierte Plakate an der Demo gegen Bildungsabbau.
Auch die Beamten der Kantonspolizei Aargau marschierten am Protestzug als «weisser Block» mit.
Auch die Beamten der Kantonspolizei Aargau marschierten am Protestzug als «weisser Block» mit.
Auch die Beamten der Kantonspolizei Aargau marschierten am Protestzug als «weisser Block» mit.
Protest gegen Bildungssabbau in Aarau
Sarkasmus auf Demoplakat.
Auch der US-Wahlkampf spielt mit.
Demo in Aarau. Start am Bahnhof
Sparschwein als Maskotchen gegen Bildungsabbau
Demo in Aarau. Start am Bahnhof
Die Demonstranten versammeln sich am Bahnhof
Der Protestzug auf dem Weg zum Grossratsgebäude
Der Protestzug auf dem Weg zum Grossratsgebäude

Demo in Aarau gegen Bildungssabbau und Sparmassnahmen

Fabio Baranzini