Weinkonsum
Sind die Aargauer seit letztem Jahr trinkfester geworden?

2011 wurde fast ein Viertel mehr Wein konsumiert als im Vorjahr – in der Branche sucht man nach Erklärungen. Einen Grossteil des Aargauer Weins trinken die Aargauer allerdings selbst. Sind die Aargauer etwa heimliche Säufer?

Fabian Muster
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Letztes Jahr sind die Einheimischen anscheinend trinkfester geworden: Sie haben 22 Prozent mehr Rebensaft konsumiert als im 2010, wie die nach Kantonen aufgeschlüsselte Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft zeigt. Damit widersetzt sich der Aargau dem nationalen Trend: Schweizweit wurde im vergangenen Jahr 2,3 Prozent weniger Wein getrunken.

Das versetzt die Aargauer Weinbauern natürlich in Freudentaumel. Branchenverbands-Präsident Peter Wehrli verweist auf das verbesserte Marketing bei einzelnen Betrieben, aber auch beim Verband zusammen mit Aargau Tourismus. Zudem lobt er die Konsumenten: «Die Aargauer haben sich solidarisch gezeigt und bewusst regionalen Wein eingekauft.»

Konsum: Fiktiv statt faktisch

Fragt man beim kantonalen Leiter der Fachstelle für Weinbau nach Erklärungen, macht sich allerdings Skepsis breit. Peter Rey: «Das kann nicht der effektive Konsum sein.» Fragt man beim zuständigen Bundesamt für Landwirtschaft nach Erklärungen, stösst man auf Kritik. Sarah Perren: «Die Konsumstatistik ist nur mit Vorsicht zu geniessen.» Was der Bund nämlich ausrechnet, ist nicht der tatsächliche, sondern nur ein angenommener Konsum mithilfe von Lagerbeständen. Anfang Jahr wird der Lagerbestand des Aargauer Weins in den Handelshäusern und bei den Weinbauern erfasst. Die Ernte im gleichen Jahr wird dazugerechnet. Ende Jahr wird noch einmal der Lagerbestand aufgenommen und dieser von der gesamten Verfügbarkeit, also Lagerbestand Anfang Jahr plus neu dazugekommener Ernte, abgezogen. Das ergibt den Konsum.

Diese Berechnungsmethode ist mit ein Grund für das gute Abschneiden des Aargaus im letzten Jahr. 2010 war der Konsum Aargauer Weine wegen der tiefen Ernteerträge nämlich so schlecht wie in den letzten Jahren nie mehr. Im Vergleich zum Jahr 2009 sackte er um satte 25 Prozent ein. 2011 hat der Konsum dann fast wieder das Niveau von 2009 erreicht (siehe Tabelle). Dies nicht nur wegen der höheren Ernte, sondern auch, weil der Rotwein des guten Jahrgangs 2009 auf den Markt gelangte. Das relativiert den markanten Anstieg für das Jahr 2011.

Sind gewisse Zahlen falsch?

Doch für Philippe Hunziker, dem Geschäftsführer der Schweizer Weinhandelskontrolle, ist das nur ein Teil der Wahrheit. Er glaubt schlicht und einfach, dass in einigen Fällen die Zahlen falsch erfasst wurden. «Das wäre nicht das erste Mal», sagt der Leiter der Institution, deren Hauptaufgabe die Kontrolle der Betriebe ist. Viele Zahlen, vor allem der Weinbauern, die ihre Flaschen selbst abfüllen, basieren auf der Selbstdeklaration. Teilweise bekommen die Kontrolleure von den Weinbauern nur ein Blatt Papier mit den Angaben. «Plötzlich wird eine Null zu viel oder eine Zahl beim Rot- statt beim Weisswein eingetragen», sagt Hunziker. Beim kantonalen Amt für Verbraucherschutz will man solche Fehler nicht abstreiten. «Dass es bei der Selbstdeklaration Fehler gibt, kann ich nicht ausschliessen», sagt Thomas Stadelmann, der Sektionsleiter beim Lebensmittelinspektorat.

Dass die Aargauer seit letztem Jahr so viel trinkfester geworden sind, ist also falsch. In den Augen von Fachstellenleiter Peter Rey steigt aber der Konsum Aargauer Weins langsam aber stetig an. Damit hätte Branchenverbandspräsident Peter Wehrli trotzdem Recht, wenn er sagt, dass die Marketingmassnahmen fruchteten. Der Verband kann dies nur mit keiner eigenen Statistik belegen. Dies soll sich aber ändern. Das ist nötig. Denn der Bund hat laut Sarah Perren bereits diskutiert, die nach Kantonen aufgeschlüsselten Statistiken abzuschaffen – weil sie zu ungenau sind.