Kinderarzt-Prozess
Sind alle pädophil, die sich Kinderpornografie-Videos ansehen?

BDP-Nationalrat Bernhard Guhl fordert ein lebenslanges Berufsverbot für den ehemaligen Kinderarzt, der massenhaft Kinderpornografie konsumierte. Ob Pädophilie vorliegt, ist aber nicht allein durch den Konsum von Kinderpornografie bewiesen.

Mario Fuchs
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Ein ehemaliger Kinderarzt des Kinderspitals Aarau konsumierte jahrelang kinderpornografische Videos und Bilder. (Symbolbild)

Ein ehemaliger Kinderarzt des Kinderspitals Aarau konsumierte jahrelang kinderpornografische Videos und Bilder. (Symbolbild)

Ein ehemaliger Kinderarzt des Kinderspitals Aarau hat jahrelang kinderpornografische Videos und Bilder heruntergeladen und konsumiert. Am Montag wurde er am Bezirksgericht Aarau zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 10'000 Franken verurteilt. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Heute ist der 35-Jährige an einem anderen Schweizer Spital als Oberarzt für Innere Medizin tätig. Dort kommt er nicht mehr in Kontakt mit Kindern. Für Bernhard Guhl, Co-Präsident der Pädophilen-Initiative, ist trotzdem unverständlich, warum das Gericht kein Berufsverbot ausgesprochen hat: «Der Mann hat zwar offenbar selbst keine Kinder misshandelt, aber indem er Videos und Bilder konsumiert, macht er sich auch zum Täter.» Personen, die kinderpornografisches Material konsumierten, schafften selbst den Markt dafür. «Gäbe es die Konsumenten nicht, wäre es für niemanden interessant, solche Filme zu machen», sagt Guhl. Seiner Meinung nach hätten sie nach geltendem Recht die Möglichkeit gehabt, ein befristetes Berufsverbot aufzuerlegen.

Konsument nicht gleich Pädophiler

Frank Urbaniok betrachtet den Fall differenzierter. Der Chefarzt des psychiatrisch-psychologischen Dienstes des Kantons Zürich sagt im Interview mit Tele M1: «In der Öffentlichkeit wird Pädophilie mit dem Konsum von Kinderpornografie gleichgesetzt. Das ist aber nicht zutreffend.» Ob Pädophilie vorliege, sei alleine durch den Konsum nicht bewiesen. «Unsere Studien haben gezeigt, dass über 90 Prozent der Konsumenten von Kinderpornografie nicht pädophil sind.» Bei diesen Personen bestehe in der Regel kein grosses Risiko für physische Übergriffe. Ob ein Berufsverbot angebracht ist, könne man nicht pauschal sagen. Er finde es im Fall des Aarauer Arztes richtig, dass der berufliche Kontakt zu Kindern nicht mehr stattfindet – was aber nicht heisse, «dass der Arzt nicht mehr mit Erwachsenen arbeiten kann».

Die Schweizer Ärztegesellschaft FMH teilt mit, ihr seien bislang keine ähnlichen Fälle bekannt. Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands, betont, der Verurteilte sei nicht Mitglied gewesen, da er am Spital gearbeitet und nicht selbstständig praktiziert habe. Gleichwohl handle es sich um «eine tragische Geschichte». Man befasse sich im Verband aktuell intensiv mit der Frage, wie «ein korrektes Verhalten sowohl gegenüber den Patienten als auch intern unter Kollegen kommuniziert werden kann.»

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