Debatte
Sind Aargauer Schüler zu schlecht? Das sagen drei Experten

Am Donnerstag hat Berufsschulpräsident Markus Möhl die Volksschule heftig kritisiert. Was Experten aus Lehrerschaft, Bildungspolitik und Bildungsverwaltung zu den Vorwürfen meinen.

Hans Fahrländer
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Das Schulwissen soll den Wirtschaftsbedürfnissen besser angepasst werden. (Symbolbild)

Das Schulwissen soll den Wirtschaftsbedürfnissen besser angepasst werden. (Symbolbild)

Keystone

In der gestrigen Ausgabe hat Markus Möhl, Unternehmer und Berufsschulpräsident aus Seengen, happige Vorwürfe an die Aargauer Volksschule gerichtet: Sie vermittle Wissen, das in der Berufsausbildung und im Berufsleben nicht gebraucht werde, und sie entlasse Jugendliche, die kaum rechnen und schreiben könnten. Die Schuld für den Missstand sieht Möhl einerseits in einem falschen Bildungsverständnis, anderseits in der Organisation der Volksschule: im individuellen Unterricht und in der schulischen Integration. Was halten Exponenten der Lehrerschaft, der Bildungspolitik und der Bildungsverwaltung von den Vorwürfen?

Heutige Schüler können mehr

«Die Analyse von Herrn Möhl verallgemeinert stark, wo differenzierte Betrachtung nötig wäre», sagt Manfred Dubach, Geschäftsführer des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv). «Klar bewiesen ist, dass die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Volksschulkinder heute grösser ist als vor 30 Jahren. Klar ist auch, dass die Ansprüche an sie stark gestiegen sind. Wenn Herr Möhl sagt, die Jugendlichen sollten wieder lesen, schreiben und rechnen können, und dies in Gegensatz setzt zu den verlangten Kompetenzen, kann man sich nur wundern oder ärgern: Lesen, Schreiben und Rechnen sind im heutigen wie im künftigen Lehrplan die wichtigsten Kompetenzen – und die grosse Mehrheit der Volksschulabgänger beherrscht sie.»

Aber Markus Möhl hat ja Beispiele aus der Praxis geschildert. Manfred Dubach: «Es gibt in der Schule Aargau tatsächlich ein Problem. Die Anzahl der schlechten Schüler ist zu gross, grösser als in den meisten anderen Kantonen, das hat auch Pisa gezeigt. Hier muss sich der Kanton etwas einfallen lassen, wir warten gespannt auf seine Vorschläge.»

Und weil eine steigende Zahl Jugendlicher das Gymnasium wähle, erzeuge das zusätzlich Druck auf die Berufsausbildung: «Für gewisse Berufe interessierten sich früher auch gute Schüler, heute aber nur noch schwächere. In Kombination mit den gestiegenen Anforderungen kann ein Bild des Ungenügens entstehen, das aber auf keinen Fall generalisiert werden darf.»

Mehr reden miteinander

Thomas Leitch, SP-Grossrat, Sekundarlehrer und Präsident der grossrätlichen Bildungskommission, stösst sich zunächst an Möhls Angriff auf den individualisierten Unterricht: «Es kommt der Eindruck auf, es sei ja egal, ob die Kinder die Ziele erreichen – das Gegenteil ist der Fall: Die Individualisierung bezieht sich nur auf den Weg zum Ziel. Möglichst alle sollen die verlangten Ziele erreichen, aber manche brauchen etwas mehr Zeit und Unterstützung. Und die haben sie heute, früher gingen sie halt im Klassenverband unter.»

Leitch betont, die Grundfertigkeiten stünden nach wie vor im Zentrum des Unterrichts. «Aber die Schule muss heute noch so viel anderes vermitteln, das die Gesellschaft von ihr verlangt – da muss man tatsächlich aufpassen, dass für die ‹Basics› genügend Zeit bleibt.»

Auch der Kommissionspräsident legt den Finger auf die Förderung des schwächsten Schülersegmentes. Und was das Zusammenpassen von Volksschulwissen und Berufstauglichkeit anbelangt, regt er einen runden Tisch an: «An der Schnittstelle zwischen Oberstufe und Berufsschule und -lehre herrscht ein gegenseitiges Informationsmanko. Alle Beteiligten sollten zusammensitzen und ihre Wünsche und Bedürfnisse austauschen. Heute wird dort noch zu viel aneinander vorbeigeredet.»

Deshalb der neue Lehrplan

Hauptangeklagter des Angriffs ist die Volksschule. Christian Aeberli, Chef der Abteilung Volksschule im Bildungsdepartement, weist den Angriff nicht generell zurück: «Es ist möglich, dass Schulwissen und Wirtschaftsbedürfnisse nicht mehr ganz aufeinander passen. Deshalb brauchen wir eben einen neuen Lehrplan. Der Lehrplan 21 betont den Themenbereich Wirtschaft und Arbeit – und er betont die Berufsorientierung. Er vernachlässigt die Grundkompetenzen aber nicht.»

Den Verdacht, die Volksschule Aargau sei keine Leistungsschule (mehr), weist Aeberli indessen entschieden zurück: «Wir haben heute mehr Instrumente, welche die Leistungen der Jugendlichen abfragen. So führen wir im Bildungsraum Nordwestschweiz einheitliche Checks durch, in denen der Aargau gut dasteht, und wir schaffen ein einheitliches Abschlusszertifikat.»

Aeberli verweist zudem auf die Stärkungsmassnahmen zugunsten sozial belasteter Schulen, die kürzlich mit einer Gesetzesrevision geschaffen wurden. Und auch er wirbt für mehr Gespräche zwischen Schule und Berufswelt: «Die Annäherung, welche Lehrer- und Gewerbeverband im Aargau beschlossen haben, geht da schon mal in die richtige Richtung.»