Vierfachmord Rupperswil
Simona spielte Maria, drei Tage später starb sie – wie Pfarrer und Gemeinde zurück ins Leben finden

Die 21-jährige Simona F. aus Hunzenschwil war einer der vier Menschen, die am 21. Dezember 2015 beim Vierfachmord von Rupperswil ums Leben kamen. Seither ist ein Jahr vergangen. Ein Besuch in ihrer Kirchgemeinde.

Mario Fuchs
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«Das war nicht der Wille von Gott»: Pfarrer Marc Nussbaumer.

«Das war nicht der Wille von Gott»: Pfarrer Marc Nussbaumer.

Chris Iseli

Ein kleines Kind spielt mit einem Tannenzweig, ein anderes saugt an seinem Schoppen. Die aufgereihten Stühle reichen nicht, Helfer stellen flink weitere auf. Die Erwachsenen schenken sich Küsschen und Umarmungen. Am Boden sind farbige Tücher ausgebreitet, Hunderte Kerzen warten darauf, angezündet zu werden.

Gestern Sonntag um 10 Uhr sitzen rund 200 Menschen in der «3×3-Halle» in Hunzenschwil. Was nach einer einfachen Kopfrechnung tönt, ist der Name einer Kirchgemeinde: «3×3emk», evangelisch-methodistische Kirche. Jeder wird unter der Eingangstür mit einem Handschlag begrüsst. Ein Beamer projiziert vorne im Saal auf die Leinwand: «Wo wäre ich, wäre nicht der Herr an meiner Seite gewesen?» Auf der Bühne hat sich ein Chor aufgestellt. Der Dirigent gibt mit dem E-Piano den Einsatz: «The lord is my light and my salvation» – der Herr ist mein Licht und meine Erlösung. Pfarrer Nussbaumer und seine Kollegin Katrin Bachmann begrüssen «alle Gäste, die zum ersten Mal hier sind, und alle, die jeden Sonntag kommen».

Man betet gemeinsam, singt gemeinsam. Die Kinder haben fleissig gebastelt: drei Wege nach Bethlehem. Den farbigen Tüchern entlang geht es vorbei an Ställen, Weiden und Büschen en miniature. Jeder muss selber entscheiden, wem er folgen möchte: dem schwarzen Schaf, das ausgestossen wurde und etwas neben den Hufen steht? Dem unmotivierten Kamel, das nicht viel von Weihnachten hält? Oder dem zufriedenen Esel, der gemächlich mitschlurft? «Wichtig ist, dass ihr geht, egal, ob mit Enttäuschung oder Freude, aber geht jetzt Richtung Bethlehem», sagt Nussbaumer. Der Gospelchor singt: «In the time of trouble, whom shall I fear?» Unterwegs warten die Kerzchen. Wer eines nimmt, entzündet es vorne, «in Bethlehem». Ein Lichtermeer auf goldenem Tuch. Und alle wissen: Was hier brennt, sind mehr als Flämmchen. Es ist ein Hoffnungsschimmer.

Ein Wunsch, keine Einwilligung

Ein paar Tage zuvor sitzt Pfarrer Marc Nussbaumer, 59, in einem der schwarzen Ikea-Fauteuils im Foyer der «3×3»-Halle. Er stellt Kaffee, Rahm und Christstollen auf eines der Salontischchen. Er setzt sich, fährt sich mit der rechten Hand über die Stirn. Atmet tief ein, tief aus. Sagt: «Warum hat Gott das nicht verhindert? Hätte er es verhindern können? All diese Fragen. Wir müssen sie uns stellen. Uns durch sie hindurchkämpfen. Auch wenn wir wissen, dass es nie Antworten geben wird.»

Es war vor einem Jahr, als Nussbaumer erkennen musste: Nicht alles im Leben kann im Sinne Gottes sein. Am 21. Dezember 2015 ermordete Thomas N. im Nachbardorf Rupperswil Carla Schauer, ihre Söhne Dion und Davin und Simona F. Die junge Frau war 21-jährig und wie sooft im Haus der Schauers zu Gast bei ihrem Freund Dion.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
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Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Vierfachmord Rupperswil (All in one)
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat wird es in Rupperswil keine Gedenkfeier geben. Ammann: Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.

Keystone/PATRICK B. KRAEMER

Pfarrerstocher war eng befreundet mit Opfer Simona

Pfarrer Nussbaumer hatte Simona gut gekannt. Seine jüngste Tochter war eng befreundet und Simona als Leiterin aktiv in der gemeindeübergreifenden Jungschar JS-Robi. Für die Waldweihnacht 2015 hatten die Jugendlichen ein Krippenspiel eingeübt. Simona spielte Maria. Drei Tage später starb sie. «Wir hatten alle täglich mit diesen Menschen gelebt. Kannten sie aus der Schule, dem FC, der Gemeinde. Es gab niemanden, der nicht um sie trauerte», erzählt Nussbaumer. Die Abschiedsfeier habe geholfen, den Schmerz miteinander zu teilen.

Als die Gemeinde wenige Tage nach dem Tötungsdelikt an Simonas Grab zusammenstand, betete sie das Vaterunser: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden». Als müsste man Gottes Willen akzeptieren, widerwillig einwilligen. Nussbaumer sagte: «Wenn wir das jetzt beten, ist das eine Sehnsucht, kein Einwilligen. Es ist eine Bitte, ein Wunsch. Das war nicht der Wille von Gott, der hier geschehen ist. Und wir beten, damit sein Wille wieder mehr geschehe auf unserer Welt.»

Auf Stand-by

Marc Nussbaumer spricht gefasst, wirkt präsent, aber nachdenklich. Der Vierfachmord hat bei ihm nebst dem Schmerz vor allem eines ausgelöst: viel Denkarbeit. Heute sagt er: «Gott kommt in unsere Welt und lässt sich betreffen vom Schmerz. Allmächtig heisst nicht mehr, dass er alles bestimmen kann – er kann aus allem etwas machen.» Das sei der Versuch, die Hoffnung der Gemeinde in Worte zu fassen – «im Wissen darum, dass den Gedanken hier Grenzen gesetzt sind». Manchmal ist das Leben so grausam, dass sogar ein Pfarrer zweifelt.

Es gibt in Hunzenschwil und Rupperswil Menschen, die sagen: Mit einem Gott, der so etwas zulässt, kann ich nichts mehr anfangen. Ihnen sagt Nussbaumer: «Es gibt nichts, das stärker ist als Gottes Liebe.» Die Frage dürfe nicht lauten, ob Gott, sondern wie. Und es gibt Menschen, die irgendwo dazwischen sind. «Auf Stand-by.» Das sehe man ihnen nicht an. Sie seien fröhlich, freundlich, machten ihr Geschäft. Aber innerlich habe sie etwas erschüttert. Eine Selbstverständlichkeit, eine Sicherheit wurde ihnen genommen – «und sie sind noch nicht dort, wo sie das akzeptieren können.»

Ein Baum im Wald

Die Trauer kommt in Wellen. Jetzt gerade wieder, wo sich das Verbrechen jährt. Mit der Zeit, sagt Nussbaumer, werden die Wellen seltener. «Gefühlsmässig sind wir aber erst auf einem Drittel des Weges.» Mehr Zeit benötigten die direktbetroffenen Familien. Sie brauchten viel Ruhe – und jemanden, der zuhört, wenn gewünscht. Manchmal seien es Bilder, die helfen. Eine Frau, die ihr krankes Kind durch Suizid verloren hatte, sagte ihm einst, diese Erfahrung sei «wie ein schlechtes Kapitel in einem guten Buch». Oder: Am ersten Jungschi-Nachmittag ohne Simona pflanzte die Gruppe im Januar einen Baum. Der Förster stellte einen geschützten Platz zur Verfügung. Wenn die Jungschi heute in den Wald geht, ist Simona auch dabei. Glaubensüberzeugungen und die Erfahrungen der wirklichen Welt gehörten eben zusammen, sagt Nussbaumer: «Alles ist das Leben.»

Als gestern der Gottesdienst nach einer Stunde endete, erhielten alle ein Büchlein mit Gedichten von Anselm Grün. Darin steht: «(...) Zünde daher getrost die Kerzen an. Ihr Licht hat mehr Recht als alle Dunkelheit.»

Hier geht es zum Dossier "Vierfachmord von Rupperswil"

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