Das Strohdachhaus in Muhen ist das Vorzeigeobjekt im Aargau, wenn es um das typische Hochstudhaus geht. Sorgfältig rekonstruiert, mit Stroh gedeckt und als Wohnmuseum der bäuerlichen Vergangenheit eingerichtet, vermittelt es den vielen Besucherinnen und Besuchern einen Eindruck vom vergangenen bäuerlichen Leben im Aargau. Das Strohdachhaus in Muhen hat seine Bestimmung gefunden und wird noch lange stehen.

Ganz anders präsentiert sich aber die Situation bei den meisten andern Hochstudhäusern im Kanton, die sich in die heutige Zeit haben retten können. Nur noch selten begegnet man dem gedrungenen, steilgiebligen First-ständerbau, der bis in die Zwischenkriegszeit das Gesicht der Ackerbaudörfer geprägt hat. «Wie Fremdlinge stehen die wenigen noch erhaltenen Zeugen in der sich immer schneller verändernden Siedlungslandschaft», sagt Bauberater Jonas Kallenbach von der kantonalen Denkmalpflege.

Die Sterbebegleiterin

Von den 160 von der Denkmalpflege dokumentierten Häusern stehen nur gerade 20 unter kantonalem Denkmalschutz. Alle anderen übrig gebliebenen Hochstudhäuser können also mit dem Einverständnis der Gemeinden abgebrochen werden. Entsprechend verschwinden nach und nach die Zeugen der bäuerlichen Aargauer Wohnkultur buchstäblich vom Erdboden.
Cecilie Gut erforscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kantonsarchäologie die Baugeschichte historischer Gebäude. Sie ist fasziniert von den bis zu 500-jährigen Altbauten. «Mich interessiert, wie die Häuser früher funktionierten und was ihre Baugeschichte über Mentalität und Ansprüche ihrer Bewohner lehrt.»

Was Cecilie Gut beschäftigt: Sie sei geradezu zur Sterbebegleiterin für Hochstudhäuser geworden, sagt sie, denn in letzten fünf Jahren sind 17 Häuser, die sie untersucht und erforscht hat, abgebrochen worden.

Ein Blick auf die von der Denkmalpflege erstellte Karte der verbliebenen Hochstudhäuser zeigt eine auffällige Häufigkeit im Südwesten des Aargaus; so weist das Inventar allein für die Gemeinde Beinwil am See zehn bestehende Hochstudhäuser aus.

Steigender Siedlungsdruck

Warum ist das so? Bisher war das Wynen- und Suhrental vom Siedlungsdruck weniger stark betroffen als etwa der Ostaargau oder die Region Aarau. Entsprechend hätten die dörflichen Strukturen dort länger Bestand und die alten Häuser länger überlebt, erklärt Kallenbach. Ein Sonderfall ist das Fricktal: Da verlangte die österreichische Herrschaft bereits im 18. Jahrhundert, dass die strohgedeckten Holzhäuser durch Steinbauten ersetzt wurden. Deshalb gibt es im Fricktal heute kaum noch ursprüngliche Hochstudhäuser. Und im Freiamt, das zur Innerschweiz ausgerichtet war, gab es seit je eher wenig Hochstudhäuser.

Nun aber spürt auch der Südwesten des Kantons zunehmenden Siedlungsdruck. Mit verheerenden Folgen für viele Hochstudhäuser. Sie werden oft von älteren Menschen bewohnt oder stehen ganz leer. Zum Teil verfügen sie über keinen Schutzstatus, oder befinden sich aufgrund von mangelndem Unterhalt in schlechtem Zustand. Aber sie stehen meist an attraktiver Lage, sei es zentral im Dorf, an idyllischen Orten oder auch mit Aussicht auf See und Tal. Deshalb ist der Boden, auf dem sie zum Teil seit Jahrhunderten stehen, plötzlich sehr begehrt. Die Häuser hingegen stören. Sie werden abgerissen. Und an ihrer Stelle entstehen dann neue Einfamilienhäuser oder Eigentumswohnungen. Genauso, wie es in andern Teilen des Kantons längst geschehen ist. Kallenbach und Gut haben Dutzende von Beispielen dokumentiert; sie zeigen die Vorher-Nachher-Fotos aus Othmarsingen, Hausen und anderen Gemeinden und befürchten, dass das Hochstudhaus zum Auslaufmodell in einer sich verändernden Gesellschaft wird.

Fehlendes Bewusstsein

«Vielfach fehlt das Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen, traditionellen Baukultur», stellt Cecilie Gut fest. «Dafür reisen wir dann ins Emmental oder noch weiter, um das zu suchen, was bei uns gerade verloren geht: das Pittoreske, das Authentische.»

Und Jonas Kallenbach bringt es auf den Punkt: Die allermeisten Hochstudhäuser gehören privaten Eigentümern. «Doch heute lassen sich kaum mutige Eigentümer finden, die sich mit Fantasie, guten Planern und ausgewiesenen Handwerkern auf das Abenteuer Hochstudhaus einlassen.»

Der Aargau zeichne sich nicht nur durch seine Schlösser und Klöster aus, die als kulturelle Leuchttürme behandelt und gepflegt werden, sondern es stehen hier auch noch historische Bauernhäuser, die das Leben der ländlichen Bevölkerung bezeugen und die ebenso von besonderem Interesse seien, stellt Kallenbach fest.

Als Wohnraum erhalten

Was also ist zu tun? Man kann schliesslich nicht alle 160 verbleibenden Hochstudhäuser zu Dorfmuseen umfunktionieren, wie das in Muhen oder Kölliken erfolgreich geschehen ist. Oder sie abbrechen und auf dem Ballenberg wieder aufbauen, wie man das schon vor 30 Jahren mit dem Haus aus dem Jahre 1609 in Oberentfelden gemacht hat. «Wir müssen versuchen, ein Bewusstsein für das Kulturgut Hochstudhaus zu schaffen», sagt Cecilie Gut. Und es brauche praktische Beispiele, die zeigen, dass es sich durchaus lohnen kann, Hochstudhäuser zu sanieren und weiterhin als Wohnraum zu nutzen. Es brauche aber auch Architekten und Handwerker, welche die Altbauten geschickt mit moderner Architektur kombinieren können.

«Es geht nur, wenn auch die Gemeinden mitmachen und die Initiative Privater unterstützen, die mit dem Erhalt dieser Häuser Ernst machen wollen», ergänzt Kallenbach.

Gute, aktuelle Beispiel, in welche Richtung es gehen könnte, gibt es durchaus: So sind etwa in Staffelbach oder Kölliken private Eigentümer mit der Sanierung von Hochstudhäusern beschäftigt. In Hausen entscheidet die Gemeindeversammlung am 22. Juni über die Abgabe des «Dahlihauses» im Baurecht an den Verein Pro Dahlihaus, der aus dem Haus ein Begegnungszentrum machen wird.