Asyl

Sie tut alles, damit sich Asylbewerber wohlfühlen im Aargau

Patrizia Bertschi (59) setzt sich als Präsidentin vom Aargauer Netzwerk Asyl dafür ein, dass man Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnet.

Patrizia Bertschi (59) setzt sich als Präsidentin vom Aargauer Netzwerk Asyl dafür ein, dass man Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnet.

Seit 25 Jahren hilft Patrizia Bertschi als Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Flüchtlingen. Sie ist kompromisslos und tut alles, damit sich die Asylbewerber wohlfühlen im Aargau. Jetzt wurde ihr Verein ausgezeichnet.

Ihr Büro ist mittwochs die Sitzbank vor der Post am Badener Bahnhof. Dann ist Sprechstunde. Asylbewerber aus dem ganzen Kanton kommen zur Bank.

Patrizia Bertschi (59) hört zu, erklärt und hilft. Auch dann, wenn ein junger Afghane Probleme mit Sex-SMS hat, die ständig auf seinem Handy aufblinken.

Er wisse nicht, warum er die SMS bekomme und zeigt Bertschi Nachricht und Rechnung dafür – 89 Franken. Bertschi verspricht anzurufen, und dieses Abo zu kündigen – «die Hölle heissmachen werde ich denen», sagt sie.

Patrizia Bertschi tut das seit 25 Jahren: Flüchtlingen helfen.

Am vergangenen Sonntag nahm sie als Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl den Preis des katholischen Frauenbunds für das aussergewöhnliche Engagement entgegen. Sie sei «Motor und Kopf des Netzwerkes» hiess es in der Laudatio.

Bertschi würden wohl viele verächtlich als «Gutmenschen» bezeichnen. Ihre Kleider sind grösstenteils fair produziert, ihr Essen auch.

Bertschi sagt, sie urteile und werte wenig über Menschen. Für sie gibt es nicht echte und unechte Flüchtlinge. Ihr Motto ist: «Freiwillig flüchtet niemand.» Damit ist dieses Thema für sie erledigt.

Viele im Aargau sehen das anders. Als Gegenpol von Patrizia Bertschi könnte man SVP-Hardliner Andreas Glarner bezeichnen. Für ihn ist Patrizia Bertschi eine Frau mit «Helfersyndrom, die mit ihrer Kommet-und-vermehret-euch-Mentalität» grossen Schaden anrichte. Glarner findet, man könne doch um Gotteswillen nicht jeden Flüchtling aufnehmen.

Patrizia Bertschi sieht das anders. Die Aufregung in der Schweiz wegen 50 000 Asylsuchenden findet sie unverständlich. Im Libanon würden zurzeit auf vier Millionen Einwohner eine Million syrische Flüchtlinge leben. «Wir alle wissen, was in Syrien passiert und sprechen hier über Beschränkungen.»

Missionarisch ist Bertschi nicht. Und sie sagt lachend: «Ich rede übrigens mit meinem Bekannten nicht pausenlos über Asylthemen.»

Afrika kam zu ihr

Was treibt diese Frau an? «Die Empörung», sagt sie. Schon in der Bezirksschule, als sie Kuchen verkaufte für Hungernde in Afrika. Politisiert habe sie dann der Soweto-Aufstand gegen das Apartheid-Regime in Südafrika.

Die junge Heilpädagogin wollte damals in die Welt hinaus. Sie wollte helfen, in Afrika am liebsten. Bertschi ist nie gegangen – stattdessen kam Afrika zu ihr.

Sie kennt wohl mittlerweile Menschen aus jedem der 54 Länder Afrikas, hinfahren möchte sie nicht. «Ich weiss nicht, ob ich die Armut ertragen würde», sagt sie.

In einem Ferienlager lernte sie ihren Mann Walter kennen. Das Ehepaar hat drei mittlerweile erwachsene Söhne. Bertschi wohnt mit ihrem Mann noch immer in Ennetbaden – der politisch linksten Gemeinde des Kantons.

Neun Jahre lang sass Bertschi für die SP im Grossen Rat. Neben der Asylpolitik war die Bildung ihr zweites Steckenpferd. Dass es manchem im Saal schon ablöschte, wenn sie noch nicht einmal zu sprechen begonnen hatte, machte ihr nichts aus.

Ihr Mann Walter sagt: «Für Patrizia stand nie der Eigennutz im Vordergrund. Sie hat immer getan, was korrekt und wichtig war.»

Er sagt, er sei mit seiner Frau nicht immer einig beim Thema Asyl. Seiner Unterstützung konnte sich Patrizia Bertschi aber stets sicher sein. Sie sagt: «Das alles wäre sonst nicht möglich gewesen.» Sie sei dankbar dafür.

2002 trat Bertschi als Grossrätin zurück. 2005 gründete sie mit anderen den Verein Netzwerk Asyl Aargau. An dessen Spitze sie noch immer steht. Das Netzwerk besteht aus rund 130 Freiwilligen. Mittlerweile betreibt es fünf Treffpunkte für Asylsuchende im Aargau.

Die Freiwilligen setzen sich dafür ein, die Lebensbedingungen der Flüchtlinge zu verbessern. Jüngster Erfolg: Die Kinder, die in der Bremgarter Unterkunft wohnen, bekommen nun Schulunterricht.

Das Verhältnis zum Kanton ist angespannt. So hatte Patrizia Bertschi lange Zeit Hausverbot in allen Aargauer Asylunterkünften.

Auch heute dürfen die Mitarbeiter des Netzwerkes nur in die Unterkünfte, wenn sie einen Termin mit einem Bewohner haben. Im Gegenzug nimmt Bertschi aber auch kein Blatt vor den Mund. Sie sagt: «Der Kanton hat im Asylbereich kein Konzept zu nichts.»

Bertschi gibt viel Zeit für die Flüchtlinge. Ihre Working-Life-Balance sei momentan nicht wirklich gut, sagt sie. Um zu entspannen, schaue sie sich gern einen Film an. Etwas zum Schmunzeln – «wenn immer möglich mit Happy End».

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