Notfälle

Sie stehen im medizinischen Notfall sofort bereit

Geschäftsführerin und Präsident des Aargauischen Ärzteverbands: Yolanda Peterhans und Hans-Ulrich Iselin. Chris iseli

Geschäftsführerin und Präsident des Aargauischen Ärzteverbands: Yolanda Peterhans und Hans-Ulrich Iselin. Chris iseli

Im Notfall muss es schnell gehen. Deshalb hat der Ärzteverband eine Lösung erarbeitet. Unter der Gratis-Nummer 0800401501 wird man im Aargau neu mit dem diensthabenden Notfallarzt oder dem nächstliegenden Notfallzentrum verbunden.

«Eigentlich», sagt Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands (AAV), «eigentlich warten wir ja seit langem auf eine zentrale kantonale Alarmzentrale, bei der sämtliche Notrufe – von der Feuerwehr, über die Ambulanz und den Notfallarzt bis hin zur Polizei – zusammenkommen.» Aber bis es so weit ist, kann es noch ein paar Jahre dauern. Darum haben der Ärzteverband und das Departement Gesundheit und Soziales gemeinsam eine Lösung für den medizinischen Notfall ausgearbeitet. Denn bisher war es gar nicht so einfach, in der Nacht oder am Wochenende herauszufinden, wohin man sich bei einem medizinischen Notfall wenden sollte. «Wir haben 17 ambulante ärztliche Notfall-Rayons im Kanton, die meisten davon hatten bisher eine kostenpflichtige Notrufnummer», betont Yolanda Peterhans, Geschäftsführerin des Aargauischen Ärzteverbands. An der Anzahl der Rayons ändert sich nichts. Dafür aber gibt es seit dem 1. November eine einzige ärztliche Notfallnummer für den ganzen Kanton, die erst noch kostenlos ist: 0800401501.

«Diese Nummer», sagt Hans-Ulrich Iselin, «erlaubt eine effizientere Zuweisung und Behandlung medizinischer Notfälle und stellt eine Entlastung für die Notfallpforten der Spitäler dar.» Denn immer mehr Notfall-Patienten gehen direkt ins Spital, auch wenn es sich bei ihren Problemen medizinisch gesehen nur um Bagatellfälle handelt. Von der einheitlichen Telefonnummer verspricht man sich eine Verbesserung dieser Situation – und damit auch eine Stärkung der Hausärzte. Hans-Ulrich Iselin hält fest: «Die erste Anlaufstelle für den Patienten ist und bleibt sein Arzt. Wenn der Hausarzt aber nicht erreichbar ist oder jemand keinen Hausarzt hat, dann erhält er über diese Notrufnummer sofort ärztliche Hilfe.»

Und wer steckt eigentlich hinter der neuen Nummer? Wer nimmt die Anrufe entgegen? Die Nummer 0800401501 wird vom medizinischen Callcenter Medphone betreut. Pflegefachfrauen mit Erfahrung im Bereich Akutmedizin nehmen die Anrufe entgegen. Nach einer kurzen Befragung (Standort und Alter des Patienten) verbinden sie die Patientinnen und Patienten direkt mit dem diensthabenden Arzt in der Region oder dem nächstliegenden Notfallzentrum. Bei lebensbedrohlichen Situationen wird sofort die Einsatzleitstelle 144 alarmiert. «Die Firma Medphone AG in Bern ist die führende Ärztenotrufzentrale der Schweiz», erklärt Hans-Ulrich Iselin. «Über 1700 Ärzte aus den Kantonen Bern, Luzern und Zug sind ihr angeschlossen.» Diese Präzisierung ist ihm aus zwei Gründen wichtig: zum einen, weil er jenen Arztkollegen, die dem neuen Notruf-Modell eher skeptisch gegenüberstehen, zeigen will, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt, da man auf etwas Bewährtes setzen kann. Zum anderen, weil er bereits einen Schritt weiter denkt. «Wir haben aus Kostengründen mit der einfachen Triage – Notfallarzt, Notfallzentrum, Ambulanz – gewissermassen die Lightversion des Medphone-Angebots gewählt», sagt Iselin. «Mit einer medizinischen Beratung im Notfall durch Medphone direkt könnten wir der Bevölkerung einen grossen Mehrwert bieten und die notfalldienstleistenden Ärztinnen und Ärzte beträchtlich entlasten.» Dies bleibt vorläufig Zukunftsmusik. «Aber auch Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli steht dem Ausbau zu einer medizinischen Triage sehr positiv gegenüber», freut sich Yolanda Peterhans. Die grosse Hürde ist die Kostenfrage: Etwa 300000 Franken kostet die aktuelle Notruf-Lightversion, auf 800000 bis 1 Million Franken käme die Vollversion mit medizinischer Beratung zu stehen.

notfalldienst – das ist für viele Ärzte ein Reizwort. Zum einen, weil es manche, so beispielsweise im Bezirk Kulm oder im Freiamt, unverhältnismässig oft trifft. «Bis zu 35-mal pro Jahr», wie Hans-Ulrich Iselin erklärt. «Und dies neben dem normalen Praxisalltag.» Zum anderen aber, weil sie diesen Dienst häufig gratis leisten müssen – weil die Patienten die Rechnungen nicht bezahlen oder weil schlicht keine Rechnungsadresse vorhanden ist. «Da ist Feuer im Dach», weiss Iselin. «Die Ausstände sind nicht einfach ärgerlich, es handelt sich oft um Tausende von Franken.»

Diese Probleme kann der Aargauische Ärzteverband nicht lösen. «Aber im Zuge der neuen Notfallnummer können wir zumindest organisatorische Entlastung anbieten», sagt Yolanda Peterhans. Diese Entlastung heisst «Docbox» und verbindet die Ärzte des Notfalldienstes elektronisch miteinander. Die Ärzte können damit ihre Dienstwünsche und Abwesenheiten über dieses Portal eingeben und die Notfalldienst-Pläne werden automatisch berechnet. Eine Dienstplanbörse ermöglicht auch die einfache Suche nach Ersatz. Dank Docbox entfällt die mühsame Dienstplan-Knobelei in den Notfall-Rayons und dem Callcenter stehen stets die aktuell richtigen Dienstdaten zur Verfügung. «Ich weiss, dass sich anfänglich manche Kollegen etwas schwer tun werden mit diesen Umstellungen», meint Iselin. «Das ist verständlich, denn im strengen Praxisalltag bleibt kaum Zeit, sich mit solchen Neuerungen auseinanderzusetzen.» Aber der Aufwand lohne sich bestimmt.

Die neue Notfallnummer funktioniert. «Obwohl sie in der Bevölkerung noch weitgehend unbekannt ist, wurden bereits in der ersten Woche über 700 Anrufe registriert», berichtet Yolanda Peterhans. «Wir rechnen mit 50000 bis 70000 Anrufen pro Jahr.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1