Schulferien 1956. Sonja Schmid, 14-jährig, geniesst die Sonne im Schwimmbad in Baden. René Schmid ist zwei Jahre älter und müsste an diesem Tag eigentlich als Maurer auf der Baustelle arbeiten. Aber er hat sich bei einem Sturz vom Gerüst eine Rippe gequetscht und geht deshalb ins Schwimmbad.

An seine schwarzen Badehosen erinnert sich Sonja heute noch. Sie war «fasziniert» von seinem Auftritt. Er fragte sie, weil er sie vom Sehen kannte, wo seine Kollegen seien. «Nicht hier. Ich bin alleine. Aber du kannst dich schon zu mir auf die Decke setzen», antwortete sie. So hat alles angefangen. Zuerst die Gespräche, später die Umarmungen.

War es Liebe auf den ersten Blick? «Ja, sicher», sagt Sonja, ohne zu zögern. René weiss das nicht mehr so genau: «Aber ich glaube schon, sonst wäre ich ja nicht dortgeblieben.» Er könne auch nicht ausschliessen, dass die Frage nach seinen Kollegen bloss ein Vorwand war, um Sonja anzusprechen.

Liebe ist ...? Sonja und René Schmid antworten.

Liebe ist ...? Sonja und René Schmid antworten.

Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander: Sie gingen zum Tanz oder ins Kino. «Wir machten keinen Hehl aus unserer Beziehung, gingen Hand in Hand durch die Stadt», sagt Sonja.

Mit 17 wurde Sonja schwanger. Ihre Mutter schickte sie zum Arzt, damit sie das Kind abtreiben liess. Sonja wollte das auf keinen Fall. Auch der Arzt hat es ihr ausgeredet. Sonjas Vater bezeichnete die beiden zwar als «einfältige Cheibe», als er von der Schwangerschaft seiner Tochter erfuhr, stand aber von Anfang an hinter dem jungen Paar.

Hochzeit in Schwarz

Zu heiraten war für die beiden ein pragmatischer Entscheid, ein uneheliches Kind damals keine Option. «Einen Heiratsantrag hat sie heute noch zugute», sagt René und lacht. «Er hat einfach gesagt: ‹Jetzt wird geheiratet!›», sagt Sonja. René war zum Zeitpunkt der Schwangerschaft bereits volljährig, durfte also offiziell heiraten. Sonja hingegen brauchte als Minderjährige die Einwilligung ihrer Eltern. «Sie mussten unterschreiben, dass ich fähig bin», sagt sie.

Pfarrer Sager, der das junge Paar von Anfang an unterstützte, verheiratete die beiden am 1. Dezember 1958 — vor bald 57 Jahren. Es war eine kleine Feier an einem Montag: am Morgen zivil, am Mittag in der Parkkapelle an der Römerstrasse in Baden. Sonja erinnert sich noch genau an das Gefühl von damals, als er nach der Hochzeit nach ihrer Hand griff und sie in seiner hielt. «Das war wunderschön.»

Sie trug ein schwarzes Kleid. «Hochschwanger wie ich war, hätte ich nie in Weiss heiraten dürfen», sagt sie. Nur der engste Freundeskreis war anwesend: Trauzeuge und Trauzeugin, Sonjas Eltern und die jüngere Schwester.

Zu Essen gab es Spaghetti mit Koteletten – gekocht von Sonjas Mutter. «Da denken wir heute noch dran», sagt Sonja. «Spaghetti und Koteletten», wiederholt René in Gedanken versunken.

«Davonlaufen bringt nichts»

Knapp zwei Wochen nach der Hochzeit – am 14. Dezember – kam der erste Sohn zur Welt. Die kleine Familie zog ins Haus von Sonjas Eltern, es folgten drei weitere Kinder. Unterdessen sind Sonja und René nicht nur stolze Grosseltern, sondern bald schon achtfache Urgrosseltern. «Es ist toll, dass wir das erleben dürfen», schwärmt Sonja.

Überhaupt sind die beiden stolz auf die vielen Jahre, die sie bereits Seite an Seite verbringen. «Vertrauen ist wichtig und dass man Probleme ausdiskutiert», sagt René. Meistens hätten sie Reibereien wegen Kleinigkeiten.

Wegen der Kinder zum Beispiel oder wenn sie nervös sind, weil sie viele Gäste erwarten oder ein nicht alltägliches Ereignis ansteht. «Da haben wir uns manchmal nicht gerade fein angesprochen», sagt René.

«Es kann auch heute noch sein, dass ich dann etwas ‹giftle›», sagt Sonja. Wichtig sei das gegenseitige Verständnis. «Dass man sich entschuldigt, den Frieden sucht und nicht einfach davonläuft», sagt Sonja.

Das gegenseitige Verständnis und Sich-Anpassen an neue Situationen wurde gerade im Alter immer wichtiger. Mittlerweile ist Sonja 74 Jahre alt, René 75. Sie haben ihr Haus in Baden aufgegeben und sind in eine kleinere Wohnung nach Niederrohrdorf gezogen — nach all den Jahren kein einfacher Schritt.

«Vor allem René ist das schwergefallen. Er hat viel Arbeit in das Haus gesteckt», sagt Sonja. Aber es wurde zu viel. Sonja leidet an Arthrose. René hat Parkinson. Natürlich sei es schon schwierig, mit den Krankheiten umzugehen. «Aber wir sind füreinander da, das gibt Sicherheit.» Sie nehmen alles, wie es kommt. Gemeinsam.

Für das Foto setzen sie sich aufs Sofa im Wohnzimmer, schauen sich verliebt in die Augen, lachen, schäkern miteinander und küssen sich. Seit ihrem allerersten Kuss auf dem Grab von Sonjas Grosseltern auf dem Friedhof Liebenfels ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen.