Vierfachmord von Rupperswil
Sie helfen in den schwersten Stunden: So ging das Care-Team mit der Tragödie um

Heute gedenkt Rupperswil mit einer Feier der Opfer des Vierfachmordes vom 21. Dezember 2015. Wie das Care-Team in jenen Stunden half.

Mario Fuchs
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David Bürge (hinten) und Edgar Schaller vom Care-Team Aargau in der Einsatzzentrale des Kantonalen Katastrophen Einsatzelements.

David Bürge (hinten) und Edgar Schaller vom Care-Team Aargau in der Einsatzzentrale des Kantonalen Katastrophen Einsatzelements.

Wer das Care-Team Aargau besucht, dem wird klar: Hierbei handelt es sich um eine staatliche Institution. Treffpunkt ist das Zeughaus Aarau. Hier hat das Kantonale Katastrophen-Einsatzelement, zu dem das Care-Team gehört, seine Zentrale.

David Bürge (41), Safenwil, ist der Verantwortliche für das Care-Team. Edgar Schaller, 65, Psychotherapeut und zertifizierter Notfallpsychologe FSP, ist Chef Care-Team. Er leitete heute vor einem Jahr den Einsatz in Rupperswil vor Ort. Mit einem Automatenkaffee setzen wir uns an den Tisch, an dem sonst Einsätze besprochen werden.

Woran denken Sie bei «Rupperswil»?

David Bürge: Ein tragisches Ereignis, und ein aussergewöhnliches für das Care-Team. Wir haben zum Glück sehr wenige davon. Von der Brutalität her gab es in den letzten Jahren nichts Vergleichbares.

Edgar Schaller: So etwas hatten wir noch nie. Es hatte eine grosse Vielfalt, im negativen Sinn: Ich erhielt Anrufe von Unbeteiligten, die plötzlich Angst hatten. Andere litten an Flashbacks, schlimme Erlebnisse kamen hoch. Eltern riefen an: Unser Kind kann nicht mehr schlafen oder will nicht mehr zur Schule gehen. Lernende, die nur noch weinten.

Was taten Sie vor Ort?

Schaller: Wir haben zuerst eine Triage gemacht: Wo fahren wir hin, wo geht es telefonisch? Das war nicht einfach, denn die Trauer war überall gross, dazu die Brutalität. Vor Ort brachten wir die Betroffenen vom Schadenplatz weg. Damit sie nicht mehr mit den Bildern konfrontiert waren. Bilder, die im Kopf nicht nur durch das Sehen, sondern auch durch Hören und den Geruch entstehen können. Dann liessen wir die Betroffenen erzählen. In diesem ersten Schritt geht man weniger auf Emotionen ein, sondern auf das, was passiert ist.

Bürge: Erzählen lassen: Das tönt so einfach. Das funktioniert in den meisten Fällen. Oft wollen die Leute aber nichts sagen. Unsere Care-Giver lernen, mit solchen Situationen umzugehen und diese auszuhalten. Die zu Betreuenden schätzen dabei einfach unsere Anwesenheit.

Was sagt man in so einem Moment?

Schaller: Die Leute reagieren mit Wut, Ängsten, manchmal auch Schuldgefühlen. Sie ziehen sich zurück, werden teilweise aggressiv. Wichtig ist, ihnen zu erklären, dass das normale Reaktionen auf ein ausserordentliches Ereignis sind.

Was können Sie erreichen?

Schaller: Ziel ist, dass die Personen das Erlebte psychisch bewältigen können. Und möglichst wieder selber handlungsfähig werden. Wir schauen, welche Ressourcen vorhanden sind. Vielleicht hatte jemand schon einmal einen Todesfall in der Familie? Die Erfahrungen und Bewältigungsstrategien sind bei jedem anders.

Was meinen Sie mit «Ressourcen»?

Bürge: Das, was vorhanden ist. Wie geht es der Person gesundheitlich? Gibt es Hobbys? Wenn jemand sagt: «Jetzt muss ich unbedingt noch den anrufen» – oder: «Ich koche mir jetzt noch eine Suppe», sind das erste Schritte, die zurück in den Alltag führen. Das ist wichtig.

Wie lange bleiben Sie?

Schaller: Wenn wir in den Einsatz gehen, haben wir Zeit für die Leute. Solange es uns braucht und solange wir das Gefühl haben, wir werden gebraucht. Wir besprechen mit den zu Betreuenden auch die nächsten Stunden.

Bürge: Wir betreuen in der Akutphase, in den ersten 48 Stunden. In dieser Zeit versuchen wir zu vernetzen. Gibt es in der Familie Personen, die beistehen können? Gibt es eine Bezugsperson der Kirche? Bei Bedarf kommt eine Fachperson zum Zug.

War das auch in Rupperswil so?

Schaller: In Rupperswil haben wir natürlich viel mehr gemacht. Das ging weit über Weihnachten hinaus. Am Anfang waren fünf Care-Giver im Einsatz. Danach punktuell weitere. In der Zeit zwischen dem Tötungsdelikt und der Verhaftung gab es immer wieder Einsätze.

Und vor allem wieder nach der Verhaftung.

Bürge: Der Aufwand war enorm, weil die Klientel bei diesem Fall sehr unterschiedlich war. Wir betreuten zuerst das Umfeld der Opfer, dann das Umfeld der Täterschaft. Hinzu kamen Nachbarn, Schulen und Einsatzkräfte.

Was war für Sie die grösste Herausforderung?

Bürge: Die Diskretion, die man an den Tag legen musste. Gerade die Feuerwehrleute. Sie durften zu Hause nichts erzählen. Das war eine extreme Belastung.

Schaller: Für mich war es die Betreuung der nächsten Verwandten nach der Verhaftung des Täters.

Wie gingen Sie mit dem riesigen Medieninteresse um?

Bürge: Das hat uns kaum beeinflusst. Den Zeitungen und auch dem Fernsehen kann man ein Kränzchen winden. Sie verhielten sich grösstenteils professionell. Es gab gewisse Einzeldynamiken, die nicht im Sinne der Einsatzorganisation waren. Aber grundsätzlich war die Berichterstattung sehr fair.

Hat Sie das Tötungsdelikt auch später noch beschäftigt?

Bürge: Wir machen jährlich eine interne Weiterbildung, in der wir spezielle Einsätze nachbesprechen. Dieses Jahr analysierten wir unter anderem Rupperswil.

Was nahmen Sie daraus mit?

Bürge: Wir stellten fest, dass wir bei Alltagsereignissen – und das hat nichts mit Hochnäsigkeit zu tun – sattelfest sind. Bei Grossereignissen sind wir weniger eingespielt. Eine konkrete Neuerung ist, dass wir jetzt Flyer vorbereitet haben, die wir in den Briefkästen von Häusern rund um einen Tatort hinterlassen können. Viele Leute wussten gar nicht, dass es uns gibt oder dass wir auf Platz sind.

In der morgigen Ausgabe: Bericht über die Gedenkfeier, Gespräche mit Pfarrer Christian Bühler und Gemeindeammann Ruedi Hediger.

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