Ruth Müri

«Sicher will ich das, ich bin keine Alibi-Kandidatin» – Badener Stadträtin kandidiert für den Ständerat

Ruth Müri will in den Ständerat

Ruth Müri im Beitrag von "Tele M1".

Die Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert als Grüne für den Ständerat und macht damit der SP und ihrem Mann Cédric Wermuth Konkurrenz. Die 47-jährige Geografin erklärt, warum sie für eine breite Bevölkerung wählbar ist und was sie für das Amt in Bundesbern qualifiziert.

Die Grünen Aargau machen ihre Ankündigung, eine Frau ins Ständeratsrennen zu schicken, konkret. Es ist Ruth Müri, 47- jährig, Geografin, Stadträtin in Baden, Grossrätin, verheiratet, Mutter zweier Töchter (14 und 15). Einer breiteren Bevölkerung westlich des Bareggs ist die Badenerin allerdings noch nicht so bekannt. Wir treffen Ruth Müri am Freitagnachmittag in einem städtischen Sitzungszimmer an der Rathausgasse in Baden zum Interview.

Sie haben letztes Jahr auf eine Kandidatur als Stadtammann in Baden verzichtet, weil das zeitlich nicht vereinbar sei mit Ihrem Familienleben. Wieso geht das beim Ständerat nun plötzlich?

Die Ausgangslage ist jetzt anders. Stadtammann wäre eine Art 150-Prozent-Job gewesen. Ständerat ist sicher weniger als 100 Prozent. Ich könnte das wohl auch mit meinem jetzigen Stadtratsamt vereinbaren.

Oder Sie rechnen gar nicht ernsthaft damit, gewählt zu werden ...

Sicher, ich will das! Ich bin keine Alibi-Kandidatin, ich trete an, um die Aargauer Bevölkerung im Stöckli zu vertreten. Ich glaube, dass ich mit meinem Profil für einen grossen Teil der Bevölkerung wählbar bin. Ich bin eine pragmatische Grüne.

Als Abgrenzung zu SP-Kandidat Cédric Wermuth, der sich klar links positioniert und polarisiert?

Ich habe schon einen ganz anderen Hintergrund. Ich bin Sachpolitikerin, habe keine Berührungsängste mit Vertretern der Wirtschaft und bringe auch beruflich diesen Background mit.

Hat Sie der SP-Entscheid gegen Yvonne Feri zusätzlich motiviert?

Ich habe mich unabhängig von der SP für die Ständeratskandidatur entschieden. Aber es ist natürlich wichtig, dass die Aargauerinnen und Aargauer eine gute Auswahl haben. Dabei spielt auch das Geschlecht eine Rolle, weil Frauen andere Lebenserfahrungen mitbringen.

Sie gehen als Aussenseiterin ins Rennen, ohne Bundesbern-Erfahrung. Was qualifiziert Sie als Ständerätin?

Ich habe mir im Kanton als Bildungspolitikerin einen Namen gemacht. Ich bin gut vernetzt und habe diverse Vorstösse über die Parteigrenzen hinaus zusammen mit anderen Politikerinnen und Politikern lanciert. Ganz wichtig ist meine Exekutiverfahrung. Das ist relevant im Ständerat, wo es darum geht, zu verhandeln und lösungsorientierte Politik zu machen.

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Ruth Müri

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Bildungspolitik wird hauptsächlich auf kantonaler und kommunaler Ebene gestaltet. Müssten Sie sich in Bern neue Themen suchen?

Auch auf Bundesebene gibt es relevante Bildungsthemen. Denken Sie an die Hochschule oder Berufsbildung. Aber ich bin auch auf anderen Gebieten zu Hause. Nachhaltigkeit zum Beispiel. Da bringe ich als Wirtschaftsgeografin viel Know-how mit.

Werfen wir einen kurzen Blick auf aktuelle nationale Themen. Was sagen Sie zur Selbstbestimmungs-Initiative?

Da bin ich klar dagegen. Ich glaube nicht, dass wir mit einer Volksabstimmung gegen Völkerrecht verstossen können. Die Schweiz muss eine verlässliche Verhandlungspartnerin bleiben.

Wie stimmen Sie bei der Vorlage zum Gesetz über Sozialdetektive?

Nein. Nicht weil man Sozialbetrüger gewähren lassen soll. Aber das Gesetz wurde nicht sauber ausgearbeitet. Darf man nun ins Schlafzimmer schauen von der Strasse aus oder nicht? Es ist nicht klar, wo die Grenzen der Überwachung sind. Man sollte das Gesetz zurück ans Parlament geben und es präziser formulieren.

Dauerthema Rente. Ist die Erhöhung des AHV-Alters tabu für Sie?

Das ist nicht mein Spezialgebiet. Ein flexibleres Rentenalter könnte ich mir aber durchaus vorstellen. Bis 65 voll arbeiten und dann abrupt aufhören passt nicht mehr in unsere Arbeitswelt.

Wie sind Sie politisiert worden?

Mitbestimmen war mir schon früh wichtig. Das entstand in meiner Zeit als Pfadileiterin, wo ich jung Verantwortung übernehmen konnte. Dazu kamen relevante politische Themen Ende der 80er-Jahre. Wir haben an der Kanti stundenlang über die Armeeabschaffungsinitiative diskutiert. Und da war vor allem der erste Frauenstreiktag. Ich wäre gerne dabei gewesen, aber leider hatte ich gerade meine schriftlichen Maturprüfungen. (lacht). Die konnte ich nicht gut schwänzen. Ein Schlüsselerlebnis war später die Nicht-Wahl von Christiane Brunner als Bundesrätin. Ich war unter den 20 000 Frauen, die in Bern demonstrierten. Das hat mir gezeigt, dass man etwas erreichen kann.

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Der Frauenstreik hat sie als Schülerin politisiert. Ruth Müri, Bader Stadträtin.

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Warum landeten Sie eigentlich nicht bei der SP?

Die SP ist mir teils einfach zu dogmatisch. Dafür bin ich zu liberal, obwohl ich in vielen sozialen Fragen mit der SP gehe. Mir passte das «Team» in Baden besser. Eine kleine, autonome Gruppierung.

Sie sind grün und liberal. Da wären die Grünliberalen Ihre logische Partei.

Nicht ganz. Ich würde mich als gesellschaftsliberal bezeichnen. Die Grünliberalen im Aargau sind eine klar bürgerliche Partei. Da bin ich in vielen Fragen anderer Meinung. Den Bildungsabbau etwa, den die Grünliberalen teilweise mittragen, lehne ich ab.

2020 sind Regierungsratswahlen. Hätten die Grünen da nicht eher Chancen als beim Ständerat? Sie könnten den Sitz von Susanne Hochuli zurückerobern.

Das ist noch weit weg! Aber das ist sicher etwas, das ich mir überlegen würde.

Sehen Sie Hochuli als Vorbild?

Ja, sie ist ein Vorbild. Sie hat gezeigt, dass man bei Personenwahlen auch mit einer kleineren Partei Erfolg haben kann.

Wie gehen Sie nächstes Jahr in den Ständerats-Wahlkampf?

Ich werde einen aktiven Wahlkampf führen und neben meinen Bildungsthemen vor allem die grünen Anliegen betonen. Der Klimawandel muss endlich ganz oben auf die Traktandenliste der Politik. Der Hitzesommer ist uns noch in Erinnerung. Und jetzt haben wir zwar einen tollen Herbst, den auch ich geniesse. Aber wenn man sieht, wie trocken es ist, macht mir das Sorgen. Ich möchte, dass meine Grosskinder dereinst noch Gletscher sehen können.

Autor

Rolf Cavalli

Rolf Cavalli

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