Es gibt im Aargau keinen besseren Ort, um den Alltag des Mittelstandes zu beobachten, als im Shoppi Tivoli im Migros-Restaurant zu sitzen und dabei auf die «TivoliMall» hinabzuschauen.

In der Mitte der runden Halle hat Thomy einen runden Stand aufgebaut, drei junge Menschen in dunkelblauen Hemden und weissen Schürzen bieten Dip-Saucen zum Probieren an. Thai, Italian, Mexican, Caribbean. Die ganze Welt griffbereit: Es ist eine Promo ganz nach dem Gusto der Erbauer.

Bevor das «Shopping-Center Spreitenbach» am 12. März 1970 eröffnet wurde, warben sie in ganzseitigen Zeitungsinseraten: «Wir bauen ein Paradies.» Der beteiligte Architekt Felix Rebmann erklärte darin, dass «etwas Ähnliches in der Schweiz überhaupt noch nicht existiert».

Palmen, Fische, Vögel

Man sei in die USA und nach Skandinavien gereist, «um die Probleme des Shopping-Centers zu studieren» – und man werde nicht bloss von dort kopieren, sondern ein Center «für typisch schweizerische Bedürfnisse schaffen», sagte Rebmann. Das Resultat waren 1500 Gratisparkplätze, 50 Geschäfte, 15 Lifts, 9 Rolltreppen, 8 Kegelbahnen, 7 Restaurants, 4 Rollbänder, ein Hallenbad, eine Kunstgalerie und ein ökumenischer Andachtsraum.

Und natürlich viel Grün, wie es im Folgeinserat illuster beschrieben wurde: «Ob Sie’s glauben oder nicht, Palmen müssen rein. Viele Palmen. Hohe Palmen. (...) Und zwischen den Palmen die Blumen. Und zwischen den Blumen die Aquarien. Mit vielen flotten Fischen. Und über den Fischen die Vögel. Bunte Vögel. Lustige Vögel. Eine ganze Voliere voll!»

Und damit es der Kundschaft, in diesem «jungen, sympathischen Paradies» auch immer wohl und gemütlich sei, habe man eine «Riesenheizanlage» eingebaut. So ging geschmeidige Werbung vor dem Ölschock.

Spreitenbachs Gemeindeammann Robert Locher freute sich vor der Eröffnung, «neben dem eigentlichen Stadtkern unserer heutigen und zukünftigen Bevölkerung einen eigenständigen, attraktiven Lebensraum» zu bieten. Es werde nicht mehr nötig sein, in Zürich einzukaufen. Bald werde das Limmattal seine eigene «Bahnhofstrasse» besitzen, «zudem noch gedeckt und vollklimatisiert».

Ironie als Türöffner

An diesem Donnerstagvormittag scheint die Sonne heiss auf Spreitenbach, und viele flüchten sich in die Kühle des Konsums. David Jäggi sitzt im Migros-Restaurant und sagt: «Es ist einfach authentisch und echt. Und unterschätzt.»

Hinter uns geniessen zwei Rentner ein Poulet im Chörbli und diskutieren auf Italienisch ihr Tagesprogramm. Unter uns stösst eine Mutter mit der einen Hand einen Kinder-, mit der anderen einen Einkaufswagen, eine Wasserpistole und eine Packung Lego obenauf. Neben uns verspricht SportXX: «Neue Abenteuer zum Greifen nah.»

Aus dem SRF-Archiv: In der Schweiz öffnet das erste Einkaufszentrum seine Tore (Sendung «Antenne» vom 12. März 1970)

Jäggi, 27, aus Härkingen SO, oder wie er selbst sagt: «aufgewachsen im Schatten des Gäu-Parks», hat an der Zürcher Hochschule der Künste soeben sein Design-Studium, Fachrichtung Trends und Identity, abgeschlossen. Und ist dabei zu einem Shoppingcenterexperten geworden.

Er sagt: «Die meisten suchen das Spannende an den Rändern der Gesellschaft. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass sich im Durchschnitt Vieles zeigt.» Er wollte der Schnittmenge auf den Grund gehen, ihr ein Gesicht zu geben; er spann den Gedanken weiter zum Mittelstand und zur Agglomeration als Lebensraum der Mehrheit. Kam bald darauf, dass die heutigen Zentren konsumgetrieben sind. Und fand so seine Interpretation des «Zentrums im Nichtzentrum»: das Einkaufszentrum.

So hat er für seine Arbeit die – seiner Meinung nach – 24 «schönsten Einkaufszentren der Schweiz» dokumentiert. Titel des postkartengrossen Buchs: «Shoppyland», was als neckisches Synonym für die mehrheitlich wohlhabende und kauffreudige Schweiz gemeint ist. Gestalterisch und formell lehnt sich Jäggi an die Büchlein-Reihe «Die schönsten...» des Schweizer Heimatschutzes an.

Überglückliche Fans: Roger Federer posiert mit Fans im Shoppi Tivoli

Überglückliche Fans: Roger Federer posiert mit Fans im Shoppi Tivoli

Normalerweise wird das Shoppi Tivoli in Spreitenbach vor allem am Samstag von Kauffreudigen überrannt. Doch im Mai sorgte Roger Federers Auftritt für einen fulminanten Wochenstart.

Er sagt: «Ein Shoppi Tivoli ist kein Material für eine Postkarte. Aber für die meisten von uns dürfte es viel identitätsbildender sein als ein Schober im Bündnerland.» Jäggi gibt zu, dass seine Sammlung ironisch wirken kann. «Doch das ist nur der Türöffner, der zum Nachdenken anregt.»

Denn: Eine historische Altstadt zu schützen und ein Tivoli unbedacht als «Trash» abzutun, sei Ausdruck einer altväterischen Arroganz, verteidigt er die oft als «Betonklötze» verschrienen Bauten, die ab Ende der Sechzigerjahre entstanden.

Erfinder geisselt Nachahmer

Dennoch ist Gestalter Jäggi Realist genug, um die die Shoppingcenter nicht durch eine schöngeistige Brille zu sehen. «Sie haben in den letzten 50 Jahren den umliegenden Ortschaften mit aller Vehemenz die Zentrumshoheit entrissen, gleichzeitig aber die entsprechende gesellschaftliche Rolle eines Zentrums verweigert», sagt er. Den Betreibern gehe es einzig um maximalen Gewinn pro Quadratmeter. «Soziale Verantwortung hat da keinen Platz.»

Eine Einschätzung, die er mit dem Erfinder der «Shopping Town», Victor Gruen, teilt, wie die beiden Architekturkritiker Fabian Furter und Patrick Schoeck-Ritschard in ihrem Buch «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz» von 2014 beschreiben.

Der österreichische Stadtplaner und Architekt Gruen, der in der Nazizeit in die USA floh und dort das Konzept der Mall erfand, wollte in den langweiligen US-Vorstädten ein Begegnungsort mit Läden, Sport, Zoo, Kunst, Kultur, Kindergarten schaffen.

Was in Spreitenbach noch beinah idealtypisch umgesetzt wurde, verwässerte sich andernorts schnell zu reinen Einkaufszentren – und Gruen kommentierte bei seiner Rückkehr nach Europa, er lehne jede Verantwortung für diese «Bastarde» ab und weigere sich, für sie Alimente zu zahlen.

In Spreitenbach formierte sich 1974, vier Jahre nach der umjubelten Shoppi-Eröffnung, Wachstumswiderstand. In jenem Jahr wurde das Konkurrenz-Center Tivoli gleich nebenan eröffnet. Was von aussen wie eine gigantische Lagerhalle aussah, versuchte man innen mit einem «Dörfli» aus Pflastersteingässlein, Fachwerk und Butzenscheiben zu kaschieren – ironischerweise eine Kopie dessen, was im Limmattal gleichzeitig mit dem Bauboom eingerissen wurde. 2008 wurde die «temperierte Ballenberg-Gemütlichkeit» ausgemerzt – und 2010 schlossen Tivoli und Shoppi zusammen.

David Jäggi ist gespannt: «2017 haben die grössten Online-Händler in der Schweiz mehr Gewinn gemacht als die zehn grössten Shoppingcenter.» Das Shoppi Tivoli versteht sich heute als «Lifestyle-Center», man möchte mit Events «emotionale Erlebnisse» kreieren. Der neue Slogan: «Meine Welt, wie sie mir gefällt».

Der Alltag des Mittelstandes verändert sich. Aber wenn man als Paradies gebaut wurde, darf man sich nicht so schnell mit dem Durchschnitt zufriedengeben.

Nachgefragt: Centerleiter Patrick Stäuble.

Literaturquelle: Fabian Furter und Patrick Schoeck-Ritschard – «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz» – Eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz», 2014, Verlag Hier und Jetzt, Baden.