Auf dem Tisch liegen eine Vagina und ein Penis aus Plüsch. An der Wand hängt die Zeichnung einer Gebärmutter. Es sind wichtige Hilfsmittel für Sibylle Ming vom Verein Sexuelle Gesundheit Aargau (Seges). Denn von den Frauen und Männern, mit denen die Sexualpädagogin an diesem Nachmittag über Sexualität spricht, verstehen noch nicht alle gut Deutsch.

Es sind Flüchtlinge aus Äthiopien, Eritrea, Afghanistan, Tibet und Somalia – Teilnehmer des «Programmbbb». Das ist ein Projekt des Vereins Netzwerk Asyl Aargau und des Jugendrotkreuz Aargau. Jeden Samstag können Menschen mit Ausweis N und F an Infoanlässen, Sport und anderen Aktivitäten teilnehmen. Es ist das erste Mal, dass Sexualität Teil des Programms ist.

Umso mehr freut sich Anouk Holthuizen, die Programmleiterin seitens Netzwerk Asyl, dass sich so viele junge Männer und Frauen angemeldet haben und sich auf das Thema einlassen. In ihren Herkunftsländern ist Sexualität stark tabuisiert. Manche sind es gewohnt, dass die Eltern entscheiden, wer wen heiratet. Sex vor der Ehe und wechselnde Partnerschaften sind sozial geächtet. Homosexualität steht mancherorts unter Strafe.

Welche Verhütung ist sicher?

Für viele junge Männer und Frauen, die in der Schweiz ankommen, prallen Welten aufeinander. Gleichzeitig beschäftigen sie Fragen, die sich junge Erwachsene auf der ganzen Welt stellen: Wie funktioniert der eigene Körper und der des anderen Geschlechts? Welche Verhütung ist sicher? Wie kann ich mich vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen? Dazu kommen Fragen zur weiblichen Genitalbeschneidung.

Es ist Wissen, das in den Integrationskursen des Kantons nicht vermittelt wird. Der Kanton legt den Fokus auf die Schulung der Betreuungspersonen in den Asylunterkünften. Seges führt im Auftrag des Kantons nur Aufklärungskurse für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge durch (siehe Text rechts).

Das Geld ist (k)ein Problem

Die 27 Männer und 7 Frauen werden in drei Gruppen aufgeteilt. Die Frauen starten bei Sibylle Ming, die Männer bei ihrem Kollegen Kandid Jäger. Um das Eis zu brechen, erzählt Sibylle Ming von ihrer Familie. Sie habe vier Kinder. «Das sind viele Kinder für Schweizer Verhältnisse.» Die Frauen schmunzeln und nicken.

Sibylle Ming stellt den Verhütungsmittelkoffer auf den Tisch. Sie nimmt das Verhütungsstäbchen aus dem Koffer, zeigt, wo es der Arzt im Arm unter die Haut schiebt. «Drei Jahre nicht schwanger. Kein Baby», erklärt sie und deutet mit den Händen einen Babybauch an. Die Frauen staunen. «Drei Jahre?» – «Ja.» Eine Frau möchte wissen, was das Stäbchen kostet. «540 Franken.» Ein Raunen geht durch die Runde, Enttäuschung in den Gesichtern. Das ist mehr Geld, als einige von ihnen pro Monat zum Leben haben. Sibylle Ming beruhigt: «Wir finden eine Lösung.» – «Kein Problem?» – «Nein.»

Die Fachstelle Seges in Aarau berät Menschen, die im Kanton Aargau wohnen und Fragen zu Schwangerschaft, Verhütung, sexuell übertragbaren Krankheiten, Beschneidung oder Sexualität haben. Wenn sich eine Frau eine Verhütungsmethode nicht leisten kann, suchen die Mitarbeitenden nach Lösungen, stellen zum Beispiel im Namen der Frauen beim Kanton oder der zuständigen Gemeinde ein Gesuch, damit die Kosten übernommen werden. «Im Normalfall klappt das gut», sagt Sibylle Ming. «Alternativ können wir auf Spendengelder zurückgreifen.»

Für die Sexualpädagogin ist klar: «Jede Frau sollte Zugang zu Verhütung haben, egal woher sie kommt und über welchen Aufenthaltsstatus sie verfügt.» Denn die Vorteile, die eine sichere Verhütungsmethode hat, liegen auf der Hand. Ein Kind koste langfristig auf jeden Fall mehr als die teuerste Verhütungsmethode, sagt Sibylle Ming. Und eine ungewollte Schwangerschaft sei für viele Menschen aus dem Asylbereich eine zusätzliche Belastung in einer sonst schon schwierigen Situation.

Am Mittwoch ist Sprechstunde

Die Anzahl Gesuche, die Sibylle Ming und ihre Kollegin für Frauen aus dem Asylbereich gestellt haben, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Praktisch alle wurden gutgeheissen. «Ein gutes Zeichen», findet Sibylle Ming. «Es zeigt, dass wir mit unserem Angebot auch Menschen im Asylbereich erreichen.»

Das ist auch eines der Ziele des Infoanlasses. Die Flüchtlinge sollen die Fachstelle kennen lernen, damit sie wissen, an wen sie sich bei Fragen oder Problemen wenden können. «Es geht nicht darum, zu sagen, wie sie ihre Sexualität zu leben haben. Es gibt kein Richtig oder Falsch, solange sich jemand ans Gesetz hält», sagt Sibylle Ming. «Wenn sie keine Probleme haben, ist das gut. Aber wenn es Probleme gibt, sollen sie wissen, dass wir zusammen eine Lösung suchen können.»

Zum Beispiel am Mittwochnachmittag. Seit Kurzem bietet Seges jeweils zwischen 14 und 16 Uhr sexualpädagogische Sprechstunden für Asylsuchende an. Kostenlos und ohne Voranmeldung können sie sich beraten oder für zehn Franken auf HIV und Syphilis testen lassen.

Nach einer guten halben Stunde wechseln die Gruppen. Im Halbkreis sitzen jetzt acht junge Männer aus Eritrea und Somalia. Sibylle Ming erklärt, dass Frauen und Männer miteinander besprechen, ob sie Sex wollen oder nicht. Dass beide Lust haben sollten, damit es für beide schön ist.

Den Ramadan vergessen

Sie nimmt das Gleitmittel. «Damit es besser flutscht.» Die Männer kichern. Einer verlässt das Zimmer, ein anderer fragt: «Wie heisst das?» – «Gleitgel.» – «Wo gibt es das?» – «Im Laden steht es immer bei den Kondomen.» – «In unserem Land gibt es das nicht.» Ein zweiter Mann verlässt das Zimmer. Sibylle Ming erklärt, dass sich Wasser als Alternative zu Gleitgel nicht eignet. Aber Vaseline. Die Männer nicken. Langsam trauen sie sich, Fragen zu stellen.

Einen interessiert es, ob auch beschnittene Frauen Lust empfinden können. Ein anderer möchte wissen, was Männer tun können, damit sie nicht so schnell kommen. Ein dritter Mann verlässt den Raum. Sibylle Ming blickt kurz verunsichert in die Runde. «Bin ich zu direkt? Ist es nicht in Ordnung? Sie dürfen mir das sagen.» – «Nein, es ist gut», sagt einer und erklärt: «Es ist Ramadan.» Daran hat niemand gedacht.

Einige der Flüchtlinge fasten zurzeit, sie essen und trinken erst, nachdem die Sonne untergegangen ist. Auch auf Sex und alles, was dazugehört, verzichten viele Muslime in der Zeit vor Sonnenuntergang. Ein Mann kommt zurück in den Raum. Sibylle Ming entschuldigt sich. «Kein Problem. Ich war auf dem WC», sagt er und setzt sich wieder.

Für eine Frage reicht die Zeit noch. Wie oft man Sex haben soll und wann, will jemand wissen. Darauf hat Sibylle Ming keine Antwort. «Wenn das Gefühl stimmt. Sexualität ist die Sprache des Gefühls», sagt sie. Die Männer nicken.