Prozess
Sex mit Kind – doch ist der Täter überhaupt schuldfähig?

60-Jähriger vergriff sich an einem Sonderschüler. Noch bei der polizeilichen Einvernahme hat er alles zugegeben. Nun stand er wegen sexueller Handlung mit einem Kind in Bremgarten vor Gericht.

Bastian Heiniger
Drucken
Teilen
In diesem Gebäude in Bremgarten musste sich ein 60-Jähriger vor Gericht wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind verantworten.

In diesem Gebäude in Bremgarten musste sich ein 60-Jähriger vor Gericht wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind verantworten.

Aargauer Zeitung

Dass er vergangenen November etwas Schlimmes getan hat, das ist sich der 60-jährige Kurt N.* durchaus bewusst. Noch bei der polizeilichen Einvernahme hat er alles zugegeben. Am Dienstag musste er sich wegen sexueller Handlung mit einem Kind vor dem Bezirksgericht Bremgarten verantworten. Die Staatsanwaltschaft forderte keine Gefängnisstrafe, sondern eine Busse von 3000 Franken und eine Geldstrafe von 360 Tagessätzen à 40 Franken.

Zur Befragung muss der Beschuldigte mit seinem Stuhl näher ans Richterpult heranrücken – er spricht zu undeutlich. Seine Antworten machen nicht immer Sinn. Die Fragen des Richters versteht er nur teilweise. Kurt, Glatze, Schnauz, beleibt, wirkt etwas verloren, wie er so dasitzt; seine Arme zittern. Vorstrafen hat er keine. Auch sonst ist er nie aufgefallen. Bis vor zwei Jahren wohnte er noch im Haus seiner Mutter, die nun im Altersheim lebt. Das Haus ging über in seinen Besitz.

Früher arbeitete er als Hilfselektriker, seit mehreren Jahren erhält er jedoch eine IV-Rente. Allerdings ist ihm nicht klar, aufgrund welcher Diagnose. Er sei einmal beim Arzt gewesen wegen der IV, sagt Kurt. Seine Schwester erklärt, dass er zwar rudimentär Lesen und Schreiben gelernt habe, jedoch schnell an seine geistigen Grenzen stosse. Hinten im Gerichtssaal sitzen die Eltern des Opfers; der Vater notiert jede Aussage des Beschuldigten.

Er begann ihn zu streicheln

Der im November 14-jährige Philipp* kannte Kurt vom Sehen. Philipp weist eine leichte geistige Behinderung auf und besucht eine Sonderschule in der Region – unweit von Kurts Haus. Es war an einem Freitag, als dieser vor der Turnhalle auf Philipp wartete. Laut Anklageschrift haben die beiden vereinbart, dass sie bei Kurt zu Hause etwas trinken und Memory spielen. Dazu kam es nicht. Kurt begann Philipp zu streicheln und zu küssen. «Wir haben abgemacht, dass wir etwas zusammen machen», sagt er. Kurt meint damit wohl den sexuellen Kontakt.

Seine Schwester sagt, es habe sie schockiert, als sie von dem Vorfall erfuhr. Ihr Bruder habe auf sie immer asexuell gewirkt. Ihr sei nicht bekannt, dass er jemals Kontakt zu einer Frau oder einem Mann gehabt hätte. «Da ist noch nie etwas gelaufen. Mein ganzes Leben nicht», bestätigt Kurt. Warum er an dem Freitag den minderjährigen Philipp in sein Schlafzimmer genommen und ausgezogen habe, wisse er nicht mehr.

Philipp konnte mit der Situation nicht umgehen, gehorchte und legte sich nackt auf Kurt. Dieser streichelte ihn an Armen, Beinen, am Gesäss, gab Zungenküsse und massierte ihn am Glied. Kurt forderte ihn auf, seinen Penis zu berühren und zu küssen. Obwohl Philipp ausdrücklich sagte, dass er keinen sexuellen Kontakt möchte, liess der Beschuldigte nicht von ihm ab.

Eine Schulkollegin sah ihn

«Wieso ausgerechnet Philipp?», fragt der Richter. Kurt kann es sich nicht erklären. Was da auf dem Zettel stehe, das habe er gemacht, sagt er und deutet auf die Anklageschrift. Eine halbe Stunde dauerte es im Schlafzimmer. Danach begleitete er Philipp mit dem Bus nach Hause – und sagte ihm, er dürfe niemandem davon erzählen. Philipp schwieg. Doch eine Schulkollegin sah, wie er damals zu Kurt ins Haus ging. Sie erzählte es ihren Eltern und diese meldeten sich bei Philipps Eltern. Von sich aus hätte er wohl geschwiegen, sagt der Vater. Es sei schwer abzuschätzen, wie stark der Vorfall seinen Sohn belaste. Derzeit befinde er sich in psychologischer Behandlung.

Vor der Urteilsverkündung fragt Kurt, ob er jetzt ins Gefängnis müsse. Das muss er nicht. Vorerst. Die Strafe könnte jedoch härter ausfallen, als von der Staatsanwaltschaft gefordert. Der Richter meint, eine Freiheitsstrafe von eineinhalb bis zwei Jahren sei denkbar. Allerdings müsse erst geklärt werden, ob Kurt überhaupt voll schuldfähig sei. Und: Er dürfe sich künftig nicht mehr auf dem Schulareal aufhalten.

*Namen geändert

Aktuelle Nachrichten