Aarau
«Sex-Lehrer von Aarau»: Opfer erhält späte Strafe für heftige Lügengeschichten

Vor zehn Jahren hatte eine heute 26-Jährige eine Beziehung mit ihrem Bez-Lehrer. Als dies aufflog, wurde der «Sex-Lehrer» zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nun musste die Frau selber vor Gericht büssen, weil sie heftige Vorwürfe erfunden hatte.

Thomas Röthlin
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Der Lehrer unterrichtete bis November 2006 an der Bezirksschule Aarau. Die Beschuldigte war seine Schülerin.

Der Lehrer unterrichtete bis November 2006 an der Bezirksschule Aarau. Die Beschuldigte war seine Schülerin.

Christoph Voellmy

Heute ist eine junge Aarauerin von ihrer Vergangenheit eingeholt worden. Zehn Jahre, nachdem sie eine Liebesbeziehung mit ihrem Lehrer an der Bezirksschule hatte, sass sie vor dem Bezirksgericht – als Angeklagte in einem Strafverfahren, in dem sie schuldig gesprochen wurde.

Wie konnte es so weit kommen?

Die Liaison, die von 2002 bis 2005 dauerte, hatte in einem Debakel geendet. Der Schülerin, inzwischen an der Kanti, ging es psychisch schlecht. Ende 2006 flog alles auf, der Lehrer wurde fristlos entlassen, in Untersuchungshaft genommen und im Herbst 2012 wegen Sex mit einer Minderjährigen sowie Pornografie zu drei Jahren Gefängnis und einem vierjährigen Berufsverbot verurteilt.

Die Krux: Die massiven Vergewaltigungs- und Nötigungsvorwürfe, die seine ehemalige Schülerin erhob, konnten dem Mann nicht nachgewiesen werden. Und hier kommt der heutige Gerichtsprozess ins Spiel.

Mehrfache falsche Anschuldigung

Die heute 26-jährige Lisa (Name geändert) erfand in den Jahren 2007 und 2008, als die eigentlichen Ermittlungen gegen den Lehrer bereits abgeschlossen waren, immer wieder neue Lügengeschichten.

Sie machte der Polizei mehrmals weis, von ihrem Peiniger zu Sex mit anderen Männern gezwungen worden zu sein.

Die erfundenen Vorwürfe, die jeweils neue Strafverfahren auslösten, hatten drei fatale Folgen: Erstens verging bis zum Prozess gegen den Lehrer so viel Zeit, dass dieser eine vergleichsweise milde Strafe davontrug.

Zweitens verspielte Lisa damals vor Gericht sämtliche Glaubwürdigkeit.

Und drittens drehte der Lehrer anschliessend den Spiess um und zeigte Lisa wegen mehrfacher falscher Anschuldigung an.

So kam es, dass sie sich selbst vor Richterin Bettina Keller verantworten musste.

Unter Tränen schilderte die zierliche Angeklagte, wie 2006 ihre Welt zusammenbrach, als der Fall des «Sex-Lehres» öffentlich wurde, wie sie von ihren Eltern verstossen wurde und sich ihre Klassenkameraden von ihr distanzierten.

Die Anschuldigungen könne sie sich aus heutiger Sicht nicht erklären, antwortete sie auf die behutsamen Fragen von Richterin Keller.

Wenn sie die Anklageschrift der Staatsanwalt lese, erschrecke sie selber. Sie habe Angst gehabt, das verbliebene soziale Umfeld auch noch zu verlieren.

«Machten Sie deshalb diese Aussagen?», hakte Keller nach. Lisa: «Ja, irgendwie schon.»

Keine verminderte Schuldfähigkeit

Ansonsten hatten die Anwälte das Sagen, und die schenkten sich nichts. Der Verteidiger versuchte eindringlich und wortreich, ein psychiatrisches Gutachten wegen Schuldunfähigkeit seiner Mandantin zu erwirken.

Als ihm Keller dies verwehrte, sah er die Verhandlung zur «Farce» degradiert. Lisa sei erst im Sommer 2013, dank einer Psychotherapie, in der Lage gewesen, sich der Realität zu stellen. Dann gestand sie alles.

Der damalige Verteidiger des Lehrers, der jetzt als Strafkläger auftrat, zeichnete hingegen das Bild einer rachsüchtigen Frau, die dem als «Sexbestie» abgestempelten Mann schamlos den Rest gegeben habe.

Überdies habe Lisa die Erstellung eines Gutachtens auch schon abgelehnt – «ein krasser Widerspruch». Der Anwalt verlangte namens des Lehrers eine Genugtuung von 10 000 Franken.

Richterin Keller zweifelte weder an Lisas Schuldfähigkeit, noch an ihrer Schuld. Allerdings seien ihre Motive unklar, die Anschuldigungen lang her.

Deshalb reduzierte Keller das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmass von einem Jahr Gefängnis auf eine bedingte Geldstrafe und 1000 Franken Genugtuung.

Besonders schmerzen dürfte die Medizinstudentin, dass sie auch den Gegenanwalt bezahlen und die Verfahrenskosten tragen muss.

Immerhin kann Lisa nach zehn Jahren jetzt einen Schlussstrich ziehen. Es sei denn, ihr Verteidiger überzeugt sie von einer Berufung.