Urteil
Sex-Lehrer hat Schülerin nicht vergewaltigt, trotzdem muss er hinter Gitter

Nach fast sechs Jahren Strafuntersuchung und zwölfeinhalb Stunden Gerichtsverhandlung steht erstinstanzlich fest: Der ehemalige Aarauer Bezirkslehrer, der 2002 bis 2005 eine fatale Liaison mit einer Schülerin pflegte, zwang die heute 24-jährige nie zu Sex gegen ihren Willen.

Thomas Röthlin
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Das Urteil über den Sex-Lehrer ist im Bezirksgericht Brugg gefällt. Er habe zwar seine damals minderjährige Schülerin nicht vergewaltigt, aber sich trotzdem strafbar gemacht.

Das Urteil über den Sex-Lehrer ist im Bezirksgericht Brugg gefällt. Er habe zwar seine damals minderjährige Schülerin nicht vergewaltigt, aber sich trotzdem strafbar gemacht.

Thomas Röthlin

Eine Mehrheit des fünfköpfigen Bezirksgerichts Aarau sprach den Mann in Brugg vom Vorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und sexuellen Nötigung frei.

Ins Gefängnis muss I. trotzdem, weil er wissentlich und willentlich mit einer unter 16-Jährigen schlief und auf seinem Computer unzählige pornografische Bilder hortete. Von den drei Jahren Freiheitsstrafe hat I. ein Jahr abzusitzen, abzüglich 74 Tagen Untersuchungshaft. Zwei Jahre wurden bedingt ausgesprochen. Er darf vier Jahre lang keine Kinder unterrichten und muss dem Opfer 9000 Franken Genugtuung zahlen.

Verfahrensdauer senkt Strafmass

Mit seinem Strafmass blieb das Gericht deutlich unter dem Antrag der Oberstaatsanwaltschaft (sieben Jahre) und des Opfervertreters (30 000 Franken). «Massiv strafmindernd», so Präsident Thomas Müller, habe sich die überlange Verfahrensdauer ausgewirkt. Er zitierte ein Urteil des Bundesgerichts, das einen Lehrer für sexuelle Handlungen ohne Beischlaf mit Schülerinnen während vier Monaten zu zwei Jahren verurteilt hatte.

Hoch zufrieden zeigte sich Verteidiger Urs Oswald. Er hatte die «einmalige und untolerierbare Verschleppung» des Verfahrens zum Anlass genommen, in seinem zweieinhalbstündigen Plädoyer gänzliche Straflosigkeit trotz des Schuldeingeständnisses punkto Sex mit einem Kind zu fordern. Eine Berufung wird er sich wegen der nur teilbedingten Strafe dennoch überlegen.

Z weifel an Glaubwürdigkeit

Der Verteidigung ist es auch gelungen, die Mehrheit der Richter von der «völligen Unglaubwürdigkeit» (Oswald) des Opfers zu überzeugen. S. hatte gegen I. während der Strafuntersuchung immer wieder neue Vergewaltigungs-, Prostitutions- und Entführungsvorwürfe geäussert, die sich als haltlos erwiesen. Die daraus folgenden Zusatzuntersuchungen waren laut Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken massgebend für die Verzögerungen.

Am Morgen sagte als Zeuge der Prorektor der Alten Kanti Aarau aus. Ihm hatte sich S. im Frühling 2006 anvertraut, nachdem sie an der Schule durch Absenzen und gefälschte Arztzeugnisse aufgefallen war. Er war es, der gegen den Willen der Eltern eine Psychotherapie durchsetzte und schliesslich via Bildungsdirektor für eine Strafanzeige sorgte.