Sex-Lehrer
Sex-Lehrer bestreitet, dass alle sexuellen Handlungen von ihm aus kamen

Heute steht in Brugg der ehemalige Aarauer Bezlehrer vor Gericht, der 2002 bis 2005 eine Schülerin unzählige Male brutal vergewaltigt haben soll. Der Lehrer beteuert, dass viele der sexuellen Handlungen auch von der minderjährigen Schülerin ausgingen

Thomas Röthlin
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Im Bezirksgericht Brugg wird der Prozess gegen den Aargauer Sex-Lehrer abgehalten.

Im Bezirksgericht Brugg wird der Prozess gegen den Aargauer Sex-Lehrer abgehalten.

Thomas Röthlin

In einer mehrstündigen Befragung des Angeklagten und dreier Zeugen bekam das Gericht einen differenzierten Einblick in die damaligen Geschehnisse. Während der Lehrer I. bei persönlichen Fragen wortkarg blieb und einen einsamen Eindruck hinterliess, wirkte er bei der Befragung zur Sache standfest und gut vorbereitet. Hintergrund der für ihn nicht erklärbaren massiven Vorwürfe sei eine Liebesgeschichte, gab I. zu Protokoll. Viele der sexuellen Handlungen habe seine Freundin S. selber angeregt. «Ich spüre schnell, wenn es jemandem zu viel wird und kann mich zurücknehmen», beteuerte I.

Die beiden hätten schon gewusst, dass Sex mit unter 16-Jährigen illegal sei, aber die Altersgrenze sei ja bald erreicht gewesen. Heute würde er aber sicher warten, so I. Und auch das Herunterladen von pornografischen Bildern mit Kindern sei ein Fehler gewesen. «Ich bin nicht unschuldig», sagte I, «aber ich habe mich geändert.»

Andere Lehrer wussten von der Beziehung

Von einer Beziehung wussten auch zwei Zeugen, ein ehemaliger Lehrerkollege und ein Freund von I., ebenfalls Lehrer. Darüber gestaunt hätten sie schon, sich aber nichts weiter gedacht dabei. Es könne vorkommen, dass Schülerinnen die Nähe zu einem Lehrer suchten. «Man muss sich doch beherrschen können, wenn man angehimmelt wird», erwiderte Gerichtspräsident Thomas Müller.

Als er aus den Medien von den Gewaltvorwürfen erfahren habe, so der Freund, habe er gedacht: «Das kann unmöglich Herr I. gewesen sein.» Beide Zeugen bezeichneten I. als feinfühlig.

Der dritte Zeuge betreute als Prorektor der Alten Kantonsschule Aarau S., als der Klassenlehrerin auffiel, dass mit ihr etwas nicht stimmen konnte. Er war es, der den Fall via Psychotherapie, Opferhilfe, Strafanzeige und Vorsprechen bis zum Vorsteher des Bildungsdepartements ins Rollen gebracht hatte. Für ihn war vor Gericht klar, dass S. die Wahrheit sagt. Er stützte sich dabei auf eine Art Tagebuch, das aufzeige, wie S. seit ihrer Kindheit missbraucht worden sei. In seinen Aussagen schlecht weg kamen auch ihre Eltern, die von einem Problem nichts hätten wissen wollen.

«Untolerierbare Verschleppung»

In einem vernichtenden halbstündigen Vortrag hat Verteidiger Urs Oswald die überlange Verfahrensdauer gegeisselt. Diese «untolerierbare Verschleppung» des Falls dürfe nicht dem Angeklagten angelastet werden, sei dieser doch stets kooperativ und geständig gewesen.

Das Beschleunigungsgebot gemäss Europäischer Menschenrechtskonvention sei dermassen schwer verletzt worden, dass von einer Bestrafung seines Mandanten abzusehen sei, zumal dieser bereits «persönlich und beruflich vernichtet» und «zur Untätigkeit verurteilt» sei. Das Bundesgericht sieht die Möglichkeit einer Schuldigsprechung ohne Strafe vor.