Aargauer Wahlen

Severin Lüscher – der Hausarzt, der in die Regierung möchte

Severin Lüscher auf der Dachterrasse des Naturamas mit der Alten Kantonsschule Aarau im Hintergrund.

Severin Lüscher auf der Dachterrasse des Naturamas mit der Alten Kantonsschule Aarau im Hintergrund.

Vor den Wahlen am 20. Oktober stellen wir die Kandidierenden für den Aargauer Regierungsrat vor. Heute mit Grünen-Kandidat Severin Lüscher und warum er einen Seitenwechsel anstrebt.

Das Gespräch findet auf der Dachterrasse des Naturamas in Aarau statt. Severin Lüscher hat diesen Ort aus zwei Gründen vorgeschlagen. Er schätzt das Naturama, das Umweltthemen publikumsnah vermittelt. Und von der Dachterrasse aus hat man den direkten Blick auf die Alte Kantonsschule. «Die Schulzeit, die ich hier verbringen durfte, hat mich geprägt», sagt Lüscher. Er erzählt von den Lehrerlegenden Storz, Gersbach, Tamàs und wie sie alle hiessen; wie er hier zum Kontrabassisten wurde; wie die Schule seine Begeisterung für die Naturwissenschaften weckte.

Der heute 56-jährige Severin Lüscher studierte Humanmedizin in Bern, war Assistenzarzt an Spitälern im Simmental, in Burgdorf und Biel. «Ich bin Generalist aus Überzeugung», sagt Lüscher. «Als ich in Erlenbach im Simmental als Assistenzarzt Wochenenddienst hatte, kam es vor, dass ich innert weniger Stunden mit Herzinfarkt, Knochenbruch und Geburt konfrontiert wurde», sagt Lüscher, und genau das gefalle ihm.

Von 1995 bis 1997 arbeitete Lüscher für Solidarmed als leitender Arzt in einem Landspital in Simbabwe. Seine Frau und der zweijährige Sohn begleiteten ihn nach Afrika. Das Missionshospital hat Platz für 180 Patienten, die bloss von zwei ausgebildeten Ärzten medizinisch betreut werden.

Von Simbabwe als Hausarzt nach Schöftland

«In Afrika habe ich erkannt, dass Medizin viel mit Versorgung und staatlicher Verantwortung zu tun hat», sagt Lüscher. Diese Themen hätten ihn seither nicht mehr losgelassen: Was ist eine optimale medizinische Versorgung? Wie kann man sie sicherstellen? Wo liegen die Grenzen? Solche Fragen beschäftigen ihn seit seiner Zeit in Afrika.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz will Lüscher als Hausarzt tätig sein und strebt keine Spitalkarriere an. 1999 entdeckt er in der Ärztezeitung ein Inserat für eine Hausarztpraxis «Nähe Aarau». Er meldet sich, stellt fest, dass sich die Praxis in Schöftland befindet. So kommt es, dass Familie Lüscher mit den zwei Kindern nach Schöftland zieht. Für ihn ist es eine Rückkehr, ist er doch im Suhrental aufgewachsen.

Zehn Jahre ist er Hausarzt in seiner Einzelpraxis; 2009 gehört er zu den Gründern der Gruppenpraxis «HausÄrzteHaus» in Schöftland. Parallel dazu hat er sich stark bei Argomed engagiert; eine Organisation, die Hausarztmodelle für die Krankenkassen entwickelt. «Durch die konsequente Umsetzung dieser Modelle werden gemäss einer Untersuchung im Aargau pro Jahr 100 Millionen Franken gespart», sagt Lüscher.

2007 half Lüscher mit, im Bezirk Kulm eine Grüne Liste für die Grossratswahlen aufzustellen. «Es ging mir damals lediglich darum, den Wählerinnen und Wählern im konservativsten Wahlbezirk der Schweiz eine grüne Alternative zu bieten», sagt Lüscher. Das Vorhaben gelang, die Grünen erkämpften sich auf Anhieb einen Sitz. 2015 rutschte dann Lüscher als erster Ersatz für den zurücktretenden Ruedi Weber in den Grossen Rat nach.

Nachfolge Franziska Roth: Das sind die Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten:

Er will gute Lösungen innert nützlicher Frist

Lüscher wird Mitglied der Gesundheitskommission. «Die Zeit mit Franziska Roth war schwierig und frustrierend. Es ging einfach nicht vorwärts», sagt er rückblickend. «Da stehen bei den Kantonsspitälern Bauvorhaben für mehrere hundert Millionen Franken an. Aber es war keine klare Strategie sichtbar und es gab keine aktuelle Gesundheitsplanung.»

Nach Roths Rücktritt habe er gemerkt, dass ihn genau das reizen würde: alles das, was da im Gesundheitsdepartement unerledigt auf dem Tisch und in der Schublade liege, zusammen mit allen Beteiligten zu einem guten Ende zu führen. Mit dem Vorwissen und der Vorbildung als Kommissionsmitglied, Gesundheitspolitiker und als politisch aktiver Arzt, der täglich mit Fragen der medizinischen Versorgung konfrontiert sei, könnte er als Regierungsrat wesentlich dazu beitragen, dass innert nützlicher Frist gute Lösungen vorliegen. Davon ist Lüscher überzeugt. Sonst hätte er sich nicht bei den Grünen als Kandidat gemeldet.

Erfahren im Umgang mit Menschen in Extremsituationen

Als er von den Grünen Anfang Juli nominiert wurde, erklärte er, dass er sich seines «Geburtsfehlers» – er ist ein Mann und keine Frau – sehr wohl bewusst sei. Aber er werde sich als Regierungsrat für die Anliegen der Frauen einsetzen, und er wäre auch nicht böse, wenn am 20. Oktober eine kompetente Frau gewählt würde. Und wie stehts mit Führungserfahrung? Lüscher war als Jugendlicher Stufenleiter bei der Pfadi Schöftland (Pfadiname «Manta») und später Offizier im Militär, hatte eine leitende Funktion im Spital, und auch die Gruppenpraxis funktioniert nicht ohne Führung. Vertrauen nennt er als Schlüsseleigenschaft für erfolgreiche Führung.

Und Lüscher kann mit Menschen umgehen, kann zuhören, hat Menschen schon in verschiedensten Extremsituationen erlebt und betreut. «Zudem arbeiten im Departement Gesundheit und Soziales viele kompetente und motivierte Menschen, die wissen, was zu tun ist, wenn man ihnen die Richtung vorgibt.»

Deshalb möchte Lüscher, sollte er gewählt werden, zuerst die Mitarbeitenden im Departement kennen lernen. «Ohne sie kann es nicht funktionieren», sagt er. Möglichst rasch möchte er dann die gesundheitspolitische Gesamtplanung auf die Reihe bringen und dem Grossen Rat vorlegen. «Parallel dazu sind Sofortmassnahmen nötig», erklärt Lüscher.

«Ich mag die Wahlkampf-Situation, die mir bereichernde Begegnungen und Erfahrungen ermöglicht», sagt Lüscher. «Aber ich muss nicht um jeden Preis Regierungsrat werden. Hausarzt bleiben ist auch gut.»

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

Meistgesehen

Artboard 1