Dreimal hat die Aargauer Bevölkerung bisher Ja gesagt zur Personenfreizügigkeit. Bei einer Ablehnung der SVP-Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar würde dieser Trend fortgeführt.

«Die Präzedenzfälle der früheren Abstimmungen sprechen eher für ein Nein», sagt Politologin Karima Bousbah vom Zentrum für Demokratie in Aarau (ZDA). Darauf deuten auch Meinungsumfragen hin, doch Bousbah betont: «In Fragen der Integrations- und Ausländerpolitik liegen Umfragen häufig daneben.»

Andererseits räumt die Politologin der SVP im Vergleich zu den früheren Abstimmungen zur Personenfreizügigkeit geringere Erfolgschancen ein. «Initiativen haben es schwerer als fakultative Referenden», erläutert die ZDA-Forscherin.

Karima Bousbah gibt aber auch zu bedenken: «Andererseits findet die Initiative Zustimmung über das SVP-Lager hinaus.»

Ennetbaden sagt konstant Ja

Ähnlich verschieden wie die Aussagen der Politologin ist das Abstimmungsverhalten zur Personenfreizügigkeit im Aargau. Auf der einen Seite steht Ennetbaden: Die Gemeinde verzeichnete bei allen drei Abstimmungen den höchsten Ja-Anteil.

Gemeindeammann Pius Graf sieht eine Erklärung darin, dass viele Einwohner bei Firmen wie Alstom oder ABB arbeiten. «Sie haben einen internationalen Horizont und sehen, wie wichtig die ausländischen Arbeitskräfte für die Schweiz sind.»

Zudem wohnen in Ennetbaden viele Akademiker, der Bildungsgrad ist hoch, das nahe Baden bringt städtischen Geist – und die Wählerstärke der SVP liegt rund zwei Drittel unter dem Kantonsschnitt.

Grafs Prognose für die Abstimmung vom 9. Februar ist denn auch klar: «Ich gehe von einem klaren Nein aus.» Dies erwartet auch ZDA-Politologin Bousbah, die bei Migrationsvorlagen markante Unterschiede zwischen Stadt und Land festgestellt hat.

«Urbane Gebiete befürworten die Personenfreizügigkeit klarer», sagt sie. Katholisch-konservative Gebiete der Deutschschweiz seien indes skeptischer als der Rest der Schweiz.

Nein-Anteil über 80 Prozent

Auch diese Position gibt es im Aargau: Gemeinden wie Linn, Attelwil oder Dürrenäsch lehnten die Personenfreizügigkeit ebenso deutlich ab, wie Ennetbaden sie unterstützte.

In Linn, inzwischen ein Teil der neuen Gemeinde Bözberg, wohnten wenige Ausländer, es gebe kaum Zuzüger und die Bevölkerung sei tendenziell konservativ eingestellt, sagt der ehemalige az-Redaktor Geri Hirt, dessen Frau zwölf Jahre Gemeindeammann des Dorfes war.

«Ich bin mir sicher, dass Linn die Masseneinwanderungsinitiative annehmen würde, wenn die Gemeinde noch eigenständig wäre», meint Hirt. Zählt man die bisherigen Resultate zusammen, dürfte dies auch mit den Fusionspartnern Gallenkirch, Ober- und Unterbözberg gleich aussehen: Mit 907 Ja zu 965 Nein stimmten die vier Gemeinden gesamthaft gegen die Personenfreizügigkeit.

Ein deutliches Ja zur SVP-Initiative erwartet Roger Lehner «Unser Dorf ist stark ländlich-konservativ geprägt, wir haben einen kleinen Ausländeranteil, der Bezug zu Europa fehlt», sagt der Gemeindeammann von Attelwil. Markus Boos, sein Amtskollege aus Dürrenäsch, hält fest: «Dass die Personenfreizügigkeit bei uns abgelehnt wurde, heisst nicht, dass es hier ausländerfeindliche Tendenzen gibt.» Die Bevölkerung sei einfach heimatverbunden, der SVP-Einfluss gross.

Insgesamt sei der Aargau ein sehr heterogener Kanton, analysiert Politologin Bousbah, «in Integrations- und Europafragen eher etwas skeptisch, aber nicht ganz so ablehnend wie die Innerschweiz». Bisher hat der Kanton mit der Volksmehrheit die Personenfreizügigkeit befürwortet, «allerdings blieb die Zustimmung etwa vier bis fünf Prozent hinter dem Schweizer Durchschnitt zurück».