Serie Frauenstimmen
«Hypi»-Chefin Marianne Wildi: «Als ich anfing, verdiente ich weniger als ein Mann»

Marianne Wildi, Chefin der Hypothekarbank Lenzburg, war «schon etwas beleidigt», als sie den Pay Gap bemerkt hatte. Aber zum Glück sei das ja ewig her. Für die einzige Frau im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankiervereinigung sind Frauen kein Einstellungsrisiko, weil sie schwanger werden könnten.

Kristin T. Schnider
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Jobsharing wird immer häufiger und mit der Zeit normal, ist Marianne Wildi überzeugt.

Jobsharing wird immer häufiger und mit der Zeit normal, ist Marianne Wildi überzeugt.

Iris Krebs

Marianne Wildi ist bekannt als Vorsitzende der Geschäftsleitung der Hypothekarbank Lenzburg und als Präsidentin der Aargauischen Industrie- und Handelskammer. Seit 2018 ist sie die bislang einzige Frau im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankiervereinigung. Das sind Positionen, die sie in der Karriereplanung gar nicht angestrebt, aber mit ihrem pragmatischen Engagement, ihrer Begeisterung für Neues und Spannendes, die sie in zahlreiche Weiterbildungen investierte, erreicht hat.

Nach dem ersten Blick auf diese – unvollständige! – Auflistung käme man nicht darauf, dass Marianne Wildi zusätzlich zu ihrer Professionalität im Banken- und Wirtschaftsbereich eine Pionierin auf dem Gebiet der Finanztechnologie ist. An der im Vergleich mit Grossbanken wie der CS oder UBS kleinen Hypothekarbank Lenzburg entwickelte sie mit ihrem Team ein eigenes Bankenprogramm, das erfolgreich auch von einigen weiteren Banken eingesetzt wird.

Jobsharing wird immer häufiger und mit der Zeit normal

So offen und innovativ wie ihr Bankenprogramm zeigt sich auch Marianne Wildi, die, was etwa Personalpolitik angeht, längst im 21. Jahrhundert angekommen ist. Frauen als Einstellungsrisiko, weil sie schwanger werden könnten? Das ist für sie irrelevant:

«Männer bleiben auch nicht für immer im selben Job, und die Frauen kommen wieder zurück ins Berufsleben.»

Heute gebe es junge Männer, die zuhause auf die Kinder aufpassen und nicht mehr 100 Prozent arbeiten wollen. «Das ist doch toll, die arbeiten dann Teilzeit», sagt sie. «Bei uns haben wir auch eine Stelle, die auf zwei Frauen aufgeteilt ist, jede arbeitet 50 Prozent. Es gibt immer mehr solche Arbeitsmodelle, und mit der Zeit wird das normal.»

Es waren andere Zeiten, als sie 1984 mit 19 Jahren nach dem Abschluss der Handelsdiplomschule bei derselben Bank, der sie heute vorsteht, ihre Laufbahn in der Informatikabteilung begann, und sie zum ersten und einzigen Mal eine noch nicht völlig verschwundene Form von Diskriminierung erlebte: Den «Pay-Gap». Ungleichbehandlung von Mann und Frau wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Mutter arbeitete als Lehrerin, Tochter Marianne half mit in der Schreinerei des Vaters, sie und ihre Brüder wurden gleich erzogen.

Als Informatikerin war sie «ziemlich exotisch»

«Aber als ich anfing, verdiente ich weniger als ein Mann», sagt sie. «Das war diesen falschen Rollenbildern geschuldet: Der Mann sorgt für die Familie und die Frau bleibt daheim. Ich habe das später bemerkt, und ich war schon etwas beleidigt. Aber das ist ja ewig her», sagt sie und lacht. Als Programmiererin war sie damals, als in der Informatik Frauen mit der Lupe gesucht werden mussten, wie sie sich erinnert, ohnehin: «ziemlich exotisch».

Sie ist überzeugt, dass Informatik etwas «supercooles» ist auch für Mädchen, und freut sich sehr über den ICT Scouts/Campus, für dessen Einrichtung in Lenzburg sie sich eingesetzt hatte. Das Scouting-Programm ist in der Schweiz einzigartig: Junge Talente werden bereits in der Primarschule gesucht und dann kontinuierlich gefördert. «Wie beim Fussball», sagt Wildi: «Sie werden abgeholt, bevor die Mädchen und Jungs darauf kommen, dass sie Vorurteile haben müssten, wie etwa, dass Computer nichts für Mädchen sind, die in Mathe sowieso nicht mitkämen.»

Eine Zeit ohne Kriege und ohne soziale Ungleichheiten

Dieser kommenden Generation wünscht sie für die Zukunft eine Zeit ohne Kriege und ohne die sozialen Ungleichheiten, die in einer Form von «Pay Gap» zwischen Berufen, die zu gering entschädigt werden, und Löhnen in Millionenhöhe für die, wie sie sagt, «Ausreisser» gegen oben immer ausgeprägter werden.

Grosse Träume für sich selbst habe sie nicht, meint Marianne Wildi, da sie glücklich in ihrem Beruf und ihrer Umgebung lebe – sichtlich jenseits jeglicher Klischeevorstellungen, die man sich von einer Frau, die in Personalunion Bankchefin, Informatikexpertin und nicht zuletzt leidenschaftliche Blasmusikerin ist, machen könnte.

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