Würenlingen
Semun A. kontrollierte das Leben seiner Frau – litt er unter Verfolgungswahn?

Der türkischstämmige Würenlingen-Täter Semun A. machte seiner Schweizer Frau das Leben zur Hölle. Sie durfte keinen Kontakt mehr mit ihren Eltern haben. Nun kommt ein Psychiater zu einem folgenreichen Schluss.

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Semun A. hatte das Leben seiner Frau tyrannisiert.

Semun A. hatte das Leben seiner Frau tyrannisiert.

Printscreen Blick.ch

Tragischer kann es für die Frau von Semun A. nicht mehr kommen: Sie verliert in einer Nacht ihren Mann, ihre Eltern und ihren Bruder. Wenigstens hat sie sich und ihre drei gemeinsamen Kinder rechtzeitig vor ihm gerettet.

Das Leben der verheirateten Frau war aber schon zuvor die Hölle, wie der "SonntagsBlick" nun schreibt. Der türkischstämmige Semun A. verbietet ihr den Kontakt mit ihren Eltern. Isoliert habe sich die Mutter um ihre drei gemeinsamen Kinder gekümmert, wie eine Nachbarin erzählt. Sie sei aber unter ständigem Druck gestanden, alles für Semun A. zu erledigen. Freitags und samstags konnte sie dem Regime ihres Mannes entkommen. Dann hätte sie als Verkäuferin im Supermarkt gearbeitet.

Wenn die Frau ihre Aufgaben nicht so erledigt hätte, wie Semun es wollte, sei sie angeschrien worden, sagt die Nachbarin weiter.

Die Mutter von drei Kindern sei im Quartier missverstanden worden. "Sie galt als unfreundlich, obwohl sie sicher ein herzlicher Mensch ist", sagt die Anwohnerin. Sie hat auf der Strasse nie gegrüsst. Auch das hat ihr Semun A. verboten.

Die junge Frau, die aus einer gutbürgerlichen Familie stammt, hat sich rechtzeitig von ihm losgesagt: Ein paar Tage bevor Semun A. aus der Psychiatrie zurückkehrt, haut sie mit ihren Kindern ab. Sie ist heute in einer Institution im Kanton Schwyz untergebracht, die Kinder sind fremdplatziert.

Schüsse in Wohnquartier in Würenlingen – Mehrere Tote
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In diesem Haus erschoss der Täter seine Verwandten.
Das Haus befindet sich am Langackerweg: Anwohner hörten an jenem Samstagabend gegen 23 Uhr Schüsse.
Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort.
Markus Gisin, Chef Aargauer Kriminalpolizei, an der Medienkonferenz am Tag nach der Tat: «Es sind relativ viele Schüsse gefallen.»
Der Familienvater mit türkischer Abstammung war zehn Tage vor der Bluttat von Würenlingen aus der psychiatrischen Behandlung entlassen worden.
Der Täter, Semun A., war der Polizei bereits bekannt.
Wegen häuslicher Gewalt war er ab April 2015 in der Psychiatrie.
Daniel von Däniken von der Aargauer Oberstaatsanwaltschaft.
Polizeikommandant Michael Leupold.

Schüsse in Wohnquartier in Würenlingen – Mehrere Tote

Keystone

Am Samstagabend, 9. Mai, tötete Semun A. seine Schwiegereltern, seinen Schwager und einen unbeteiligten Nachbar. Am Schluss des Blutbads richtete er sich selbst. Er feuerte insgesamt 14 Schüsse ab. (fam)

War Täter Semun A. paranoid?

Vergangene Woche streckte Simon B. vier Menschen nieder und richtete sich selbst. Die schreckliche Tat geschah nur neun Tage nach seiner Entlassung aus einer geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik. In der «Schweiz am Sontag» nimmt der renommierte Psychiater und Gutachter Frank Urbaniok zum Fall Stellung. «Die zuhause installierten Kameras, die stationäre psychiatrische Behandlung, die Berichte der Nachbarn und die Depotmedikation lassen vermuten, dass der Täter paranoid war», sagt er.

Paranoide hätten eine zehn bis zwanzigfach erhöhtes Risiko für die Begehung von Gewalttaten. Im Interview mit der Zeitung äussert er sich auch zur Diskussion über den Migrationshintergrund des Täters. Bestimmte Ausländer seien zwar bei häuslicher Gewalt und bei Tötungsdelikten stark überrepräsentiert. Im konkreten Fall spiele dies aber keine Rolle. Denn: «Erkrankungen wie Paranoia kommen bei allen Nationalitäten vor.» Urbaniok nimmt zudem die Klinik Clienia Littenheid, welche Simon B. vor der Tat entlassen hatte, vor übereilten Verurteilungen in Schutz. Sie sei eine sehr erfahrene Institution, die eine adäquate Behandlung eingeleitet und eine Nachsorge organisiert habe. «Der Fall muss sicher in Ruhe genau analysiert werden, um allfällige Lehren für die Zukunft zu ziehen. Die Analyse kann aber auch zum Resultat haben, dass dies einer der Fälle ist, der von den Beteiligten nicht erkennbar war», so Urbaniok.

Der Psychiater gibt zudem zu bedenken, dass sich nicht jede Straftat verhindern lasse – selbst wenn es Vorzeichen gibt. «Wir wollen nicht nach dem Giesskannenprinzip Tausende von Menschen mit geringen Auffälligkeiten zu Unrecht durchscannen, um dadurch einen potenziellen Täter zu entdecken. Dann hätten wir eine Überwachungsgesellschaft. Der Preis für absolute Sicherheit wäre zu hoch», sagt Urbaniok gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

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