Bargeld
Selbstversuch: Die Tausendernote ist heutzutage im Alltag oft wertlos

In der Schweiz gibt es 30 Millionen 1000er-Noten. Sehen tut man sie selten. Und hat man plötzlich eine, wird man sie kaum wieder los. Viele Geschäfte nehmen sie nicht als Zahlungsmittel - oder nur, wenn sie den Kunden persönlich kennen. Ein Versuch.

Aline Wüst
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Tausend Franken sind viel Geld. Eine 1000er-Note im Alltag oft wenig wert. Zum Beispiel im Reformhaus in Aarau. Ein Gemüsebrötli und Knäckebrot will ich kaufen, frage: «Kann ich mit einer Tausendernote bezahlen?» Die Antwort kommt, ohne zu zögern: «Nein.»

Meine Tausendernote ist eine von über 30 Millionen Tausendernoten in der Schweiz. Oft sieht man die Note trotzdem nicht. Dabei ist sie noch schön. Lila, ein bisschen schlanker und länger als die anderen Noten.

Nächster Versuch: In der Central-Apotheke will ich einen Mückenspray kaufen. Irgendwie schäme ich mich, zu fragen, ob ich mit einer 1000er-Note bezahlen kann. Ich frage trotzdem.

Die Apothekerin fragt zurück, ob ich es nicht kleiner hätte. Hab ich. Sie ist froh. Ich denke: Fast hundert Fläschchen Mückenspray hätte ich mir mit einer Note kaufen können – ich wäre ein lebender Mückenschreck. Ein schöner Gedanke.

Bei Vero Moda nehme ich ein Sommerkleid und sage an der Kasse: «Tschuldigung, kann ich mit der 1000er-Note bezahlen?» Die Verkäuferin darf sie nicht nehmen, und ich kauf das Röckli nicht.

Ein paar Schritte weiter im Interdiscount erklärt mir dann eine Verkäuferin, dass es normal ist, sich zu entschuldigen, wenn man mit einem Tausender bezahlen will. «Das tun alle», sagt sie.

Im «Interdiscount» könnte ich übrigens mit dem Tausender bezahlen – brauche aber nichts. Die Verkäuferin zeigt mir trotzdem, wie sie den Echtheits-Test macht: Den Schein an einem weissen Blatt Papier reiben, bleibt ein bisschen lila Farbe zurück, ist er echt.

Meiner färbt ab. Patrizia Fabricius von der Marrionaud-Filiale hat eine andere Sicherheits-Strategie: Sie nimmt 1000er nur, wenn sie den Kunden kennt.

Monika Müller, Geschäftsführerin vom Kiosk Igelweid in Aarau, kennt mich nicht und will auch meine Note nicht. Sie nehme überhaupt keine 1000er-Note – es sei zu gefährlich.

Zurzeit kursieren ausserdem gefälschte 20er- und 50er-Noten, erzählt sie mir.

Ich gestehe Monika Müller, dass ich mich ein bisschen wie eine Verbrecherin fühle mit meiner 1000er-Note.

Ob sie mir dieses Gefühl erklären könne? Müller versteht das und sagt: Es sind auch oft solche, die mit der Note bezahlen, oder solche, die man nicht kennt.

Ist die Note, die den Kulturhistoriker Jacob Burckhardt zeigt, die Note der Kriminellen? Ich rufe Michael Alkalay an, Experte in Wirtschaftskriminalität an der Hochschule Luzern. Er will davon nichts wissen.

«Tausendernoten sind für Gauner unbrauchbar, weil sie viel zu auffällig sind.» Geldwäscherei passiere heute in der Cyberwelt, sagt Alkalay. Ich fühle mich besser und wage einen neuen Versuch.

Die Verkäuferin im Coop würde meine Note nehmen, müsste allerdings extra in den ersten Stock raufspringen, dort die Note unter die Lasermaschine halten und sie wechseln lassen. Ich erspare ihr diesen Stress und bezahle mit einer 50er-Note.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) sagt, dass Tausendernoten wohl hauptsächlich als Wertaufbewahrungsmittel genutzt werden und nicht als Zahlungsmittel.

Grosse Noten würden allerdings im Viehhandel und im Auto-Occasionshandel noch gebraucht, heisst es bei der SNB.

Oskar Amsler aus Möriken ist Viehhändler. Er erklärt mir sein Geschäft. Eine Kuh, die zum Metzger geht, kaufe er für 2000 bis 3000 Franken. Nutzvieh sei teurer, da koste ein Tier bis zu 7000 Franken.

Bezahlt wird bar, oft mit 1000er-Noten. Das komme noch von früher, als viele Bauern kein Bankkonto hatten, erklärt er. Doch früher ist schon lange her, und darum bezahlt auch Amsler immer häufiger übers Internet.

Im Auto-Occasionshandel ist die bargeldlose Ära schon angebrochen. Roland Locher vom Autocenter Aarau sagt, dass noch vor acht Jahren alles bar beglichen wurde. Doch diese Zeit sei vorbei.

Dann passierts. Die Kassiererin in der Migros hat nicht genug Geld zum Wechseln für meine grosse Note, darum fragt sie die Kollegin an der Kasse nebenan.

Sie beginnt zu zählen, gibt die Noten einer Kundin, die vor ihr steht, die reicht mir das Bündel Banknoten weiter, ich drücke die Scheine meiner Kassiererin in die Hand und rücke meine Tausendernote raus. Weg ist sie.