Neuanlauf
Seit sieben Jahren blockiert: Nun soll eine Petition Bewegung in die Umfahrung Mellingen bringen

Bereits 2011 haben die Aargauer Stimmberechtigten die Umfahrung Mellingen gutgeheissen. Getan hat sich noch nichts. Nun lancieren Alt Gemeindeammänner und die CVP eine Petition, um Bewegung in die Blockade zu bringen.

Mathias Küng
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Sie sähen gern endlich einen Spatenstich. Auf der Mellinger Brücke von links: Peter Binggeli (alt Gemeindeammann Mellingen), Hanspeter Koch (Präsident CVP Mellingen), Marianne Binder (Präsidentin CVP Aargau), Daniel Käppeli (Parteileitung CVP Aargau), Paul Zürcher (alt Gemeindeammann), Beat Gomez (Gemeinderat und Bauvorsteher Mellingen).

Sie sähen gern endlich einen Spatenstich. Auf der Mellinger Brücke von links: Peter Binggeli (alt Gemeindeammann Mellingen), Hanspeter Koch (Präsident CVP Mellingen), Marianne Binder (Präsidentin CVP Aargau), Daniel Käppeli (Parteileitung CVP Aargau), Paul Zürcher (alt Gemeindeammann), Beat Gomez (Gemeinderat und Bauvorsteher Mellingen).

Sandra Ardizzone

Wer auch nur kurz auf der Reussbrücke Mellingen steht oder auf dem schmalen Trottoir in die Altstadt geht, bekommt eine Ahnung, was die Mellingerinnen und Mellinger Tag für Tag ertragen müssen. Der Durchgangsverkehr wälzt sich in der Rushhour fast ohne Unterlass durch das kleine Städtchen. 17'000 Fahrzeuge quälen sich täglich durch dieses Nadelöhr. Hier auf dem Trottoir einen Schwatz zu halten, auf diese Idee kommt niemand. Man verstünde im Verkehrslärm sowieso nichts.

Eigentlich müsste das nicht mehr sein. Denn schon 2011 haben die Aargauerinnen und Aargauer mit 57'000 Ja- gegen 38'000 Nein-Stimmen eine Umfahrung für das Reussstädtchen Mellingen an der Urne gutgeheissen (vgl. Box) . Doch bisher wurde aufgrund eines juristischen und politischen Hin und Her noch kein einziger Stein bewegt.

Projekt ist blockiert

2010 hiess der Grosse Rat ein Projekt gut, das die historische Altstadt von Mellingen mit ihrem Ortsbild von nationaler Bedeutung entlasten soll. Für 36 Millionen Franken (Mellingen übernimmt 7 Millionen) wird eine Umfahrung gebaut. Abschnitt 1, zu dem eine neue Reussbrücke gehört, soll die Altstadt entlasten, Abschnitt 2 den neuen Stadtteil umfahren. 2011 gab das Volk der Vorlage seinen Segen. VCS und WWF kritisierten jedoch von Anfang an, das Projekt gefährde die geschützte Reusslandschaft. Auf gerichtlicher Ebene erreichten sie, dass der Kanton das Projekt anpasste. Der Grosse Rat hat dies gutgeheissen. Doch den beiden Verbänden reicht dies nicht. Sie haben im Februar auch dagegen Beschwerde eingereicht. (AZ)

Dem Mellinger CVP-Präsident Hanspeter Koch, der sich mit seinen Mitstreitern schon lange um einen Ausweg aus der verfahrenen Situation bemüht, kommt dies vor wie ein Lastwagen, der im Stadttor stecken geblieben ist, und weder vor noch zurück kann. Eine Petition soll jetzt wieder Bewegung bringen. Mit dieser richten sich Petitionäre aus der CVP zusammen mit zwei ehemaligen Gemeindeammännern an die ganze Aargauer Bevölkerung. Man sei sich bewusst, sagt Koch, «dass man mit einer Petition keine Brücke baut. Doch möchten wir das drängende Verkehrsproblem der Mellinger Altstadt wieder einmal ins Bewusstsein der Aargauer Bevölkerung rücken. Wir wollen klar machen, dass da ein Volkswille war, den es zu berücksichtigen gilt.» Koch, dessen Kinder auf dem Schulweg jahrelang diese gefährliche Strasse queren mussten, hofft auf Unterschriften von vielen Menschen – unbesehen von ihrer Parteisympathie.

«Wie ein Trauermarsch»

Ihm komme die Situation vor wie ein Trauermarsch, ergänzt der frühere Gemeindeammann Peter Binggeli: «Einen Schritt vor, einen Schritt zurück.» Für ihn ist es unbegreiflich, dass schon so viel unternommen und so viele Gespräche geführt worden sind, und dass doch nichts geht, «obwohl das Volk Ja gesagt hat». Er befürchtet, dass die Umfahrung in Vergessenheit geraten könnte: «Es muss etwas passieren. Wenn andere ihre Rechtsmittel ausschöpfen, dann sehe ich in einer Petition eben auch eine Möglichkeit, einmal Bewegung von ganz anderer Seite in die Sache zu bringen.»

Ein weiterer früherer Gemeindeammann, Paul Zürcher, erinnert daran, dass man seinerzeit alle Varianten geprüft habe. Nur die von der Bevölkerung gutgeheissene Variante habe Aussicht auf Realisierung: «Es darf nicht sein, dass nicht mehr die Mehrheit bestimmt was gemacht wird, sondern Interessenverbände.»

Der Kanton wolle die historischen Altstädte im Aargau vom Verkehr entlasten, betont CVP-Aargau-Präsidentin Marianne Binder, die Ideengeberin der Petition. Das habe man mit gutem Grund auch Mellingen versprochen. Es sei von übergeordnetem aargauischem Interesse, dass dies endlich geschehe, appelliert sie. Die Petitionäre wollen laut Binder denn auch an andere Parteien und an Verbände gelangen. Ebenso seien Strassenaktionen geplant, um möglichst viele Unterschriften zu sammeln.

Website ab sofort zugänglich

Das unterstreicht auch Parteileitungsmitglied Daniel Käppeli aus Merenschwand, der für die Unterschriftensammlung eigens die Website www.pro-mellingen.ch konzipiert hat, auf der man ab sofort die eigene Unterstützung bekunden kann: «Wir wollen diese im Kanton möglichst breit abstützen und auf alle zugehen, welche die Altstadt von Mellingen endlich vom Verkehr entlasten wollen.» Es sei eine Sache der Solidarität, sagt er fast beschwörend.
So könne jede und jeder einzelne unkompliziert den eigenen Willen bekunden. Auf der Website könne man auch Unterschriftenbögen herunterladen, ausfüllen und einschicken. Die Petition richte sich nicht gegen Umweltanliegen, betont Käppeli. Schliesslich brauche auch die Umwelt eine Stimme. Aber man habe schon den Eindruck, hier gehe es nur noch ums Verhindern.

Hoffen auf 10 000 Unterstützer

Wie viele Unterschriften sind denn das Ziel? Beat Gomez, Gemeinderat und Bauvorsteher in Mellingen, findet: «10'000 wäre eine schöne Zahl.» Er zeigt sich froh um die Unterstützung. In der Bevölkerung komme nämlich Resignation auf. Man habe den Eindruck, alles finde hinter verschlossenen Türen statt, und fühle sich zunehmend hilflos.

Gomez begrüsst die Petition als Symbol, «dass nicht nur Frösche und Lurche, sondern auch die hier lebenden Menschen Schutz verdienen». Es sei ihnen klar, schliesst Binder, «dass die Petition den Bau nicht erzwingen kann. Aber ich hoffe sehr, dass sie im ganzen Kanton Solidarität auslöst mit Mellingen und Druck aufbaut, den Volkswillen zu achten.»